So heikel wie unerlässlich

Musikfestivals werden immer mehr zu Technologiefestivals. Aktuell ist Big Data ein ganz grosses Thema. Was bedeutet der Zugang zu riesigen Datenmengen für Unternehmen? Und was für Konsumenten?

Hans Bärtsch
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Die niederländische Indie-Rockband Kensington vergangenen Januar am Festival Eurosonic Noorderslag in Groningen. (Bild: Bart Heemskerk)

Die niederländische Indie-Rockband Kensington vergangenen Januar am Festival Eurosonic Noorderslag in Groningen. (Bild: Bart Heemskerk)

GRONINGEN/AUSTIN. Der NSA-Datenskandal ist mittlerweile ein paar Monate alt, aber passé ist er noch lange nicht. Im Gegenteil. Erst durch die Enthüllung dieser globalen Überwachungs- und Spionageaffäre ist klargeworden, dass – theoretisch – jeder Erdenbewohner unter Beobachtung steht. In krassem Widerspruch dazu steht, wie freimütig der Grossteil der Menschheit mit seinen Daten umgeht. Ob ein Facebook-Profil, eine Kundenkarte bei einem Grossverteiler, eine Google-Suchanfrage oder eine Gratis-E-Mail-Adresse: Wir sind längst gläserne Bürger. In diesem Spannungsfeld zwischen staatlicher Überwachungsmanie und Privatsphäre agieren viele Unternehmen. Die einen geben es offen zu, die andern machen ein Geheimnis daraus, dass sie auf möglichst viele (Kunden-)Daten angewiesen sind.

Hautnah an den Fans

Einer, der dies nicht verheimlicht, ist Scott Cohen. Der Gründer der auf Neue Medien spezialisierten New Yorker Firma The Orchard war einer der gefragtesten Gesprächspartner am diesjährigen Eurosonic Noorderslag (siehe «Stichwort»). Cohen gibt es einen Stich ins Herz, wenn ein Besucher ein Konzert verlässt, ohne dass die Band, die zuvor auf der Bühne stand, alles von diesem Fan weiss: Ist es ein CD-Käufer? Nutzt er Streaming-Dienste, um Musik zu hören? Oder bedient er sich illegaler Download-Plattformen?

The Orchard stellt Bands – vor allem aus dem Independent Rock – Tools (Werkzeuge) zur Verfügung, um zu solchen Informationen zu kommen. Real Time Analytics, also Echtzeit-Datenanalysen, sind laut Scott ein hervorragendes Karriereplanungsinstrument. Das gilt selbst für die Daten illegaler Downloads. Denn wenn der Künstler realisiert, dass sich vor allem Fans in Asien für ihn interessieren, plant er seine kommende Tour nicht in erster Linie in Südamerika. «Bisher waren Beziehungen für Erfolge im Musikgeschäft verantwortlich, jetzt sind es Algorithmen», sagt Cohen. Und: «Künstler sollten so direkt, so rasch und so nahe an ihre Fans ran wie nur möglich.» Dazu seien so viele Daten notwendig wie nur fassbar.

An den Verkäufen beteiligt

Die Datenvolumen sind das eine, die vernünftige Auswertung das andere. Big Data ist das Zauberwort dafür. Es bezeichnet das Erfassen, Analysieren und Darstellen riesiger Datenmengen. The Orchard stellt, wie erwähnt, Werkzeuge dafür zur Verfügung – gratis und franko. Dafür partizipiert das Unternehmen dann an den Erlösen der Künstler (CD-Verkäufe, Streamings usw.).

Big Data treibt in der Musikbranche nicht nur The Orchard um, sondern alle wichtigen Akteure wie YouTube, Last.fm, Deezer oder Shazam, um nur ein paar zu nennen. Noch prominenter wurde das Thema vergangene Woche am South by Southwest im texanischen Austin behandelt. Aus ihrem Exil in Russland respektive London wurden Edward Snowden, der den NSA-Skandal aufgedeckt hat, und Wikileaks-Gründer Julian Assange zugeschaltet. Und die Anwesenheit von Google-Verwaltungsratspräsident Eric Schmidt verdeutlicht, wie ernst die Branche den Umgang mit Daten nimmt, ohne dass dieser zu Massenüberwachung führt.

Erst Technologie, dann Musik

Die Diskussionen an den beiden Festivals zeigen noch etwas anderes: Statt des Künstlers und seiner Musik stehen derzeit stark die Technologie und die Plattformen im Vordergrund, mit der Künstler und Musik wahrgenommen werden. Die Musik- werden also immer mehr zu Technologieanlässen. Die Konsumenten schliesslich – und das gilt nicht nur für die Musikbranche – bleiben trotz aller Daten bis zu einem gewissen Grad unfassbar. Denn sie wechseln die Plattformen nach Lust und Laune.