Industrie

So geht es der ABB wirklich

Der grösste Industriekonzern der Schweiz hat Zahlen für 2016 vorgelegt — was es dabei zu beachten gilt.

Fabian Hock
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ABB-Chef Ulrich Spiesshofer bei der Präsentation der Jahreszahlen in Zürich: Der Konzern steuert nach wie vor durch stürmische See.

ABB-Chef Ulrich Spiesshofer bei der Präsentation der Jahreszahlen in Zürich: Der Konzern steuert nach wie vor durch stürmische See.

KEYSTONE

Wenn ein Industrieriese wie ABB Geschäftszahlen vorstellt, verliert man – besonders als Wirtschaftslaie – schnell einmal den Überblick. Der Umsatz ging im vergangenen Jahr runter, der Gewinn rauf; von grossen Aufträgen kamen zum Jahresende mehr rein, von den kleinen insgesamt weniger; die Division, über deren Verkauf man 2016 noch nachdachte, entwickelt sich am besten von allen.

Was im Zahlendickicht häufig untergeht, ist der eigentliche Kern der Sache. Und damit die Frage: Wie geht es denn nun der ABB? Besinnt man sich aufs Wesentliche, lassen sich zwei Punkte klar herausstellen:

  • Die Märkte, in denen ABB unterwegs ist, waren im vergangenen Jahr schwierig bis katastrophal.
  • Das Management um CEO Ulrich Spiesshofer machte 2016 einen sehr guten Job.

Zum ersten Punkt: Was die Märkte angeht, sind Industriekonzerne wie ABB in einer anderen Situation als etwa die Schweizer Pharmafirmen oder Nahrungsmittelproduzenten wie Nestlé. Warum? Nun, Kranke gibt es immer. Tendenziell sogar eher mehr als weniger. Und gegessen wird auch immer (mehr). Die Nachfrage in diesen Märkten ist praktisch immer da. Leicht haben es freilich auch diese Unternehmen nicht – man möchte nicht in der Haut von Novartis-Chef Joe Jimenez stecken, wenn Donald Trump anruft und zum Preisverhandeln ins Weisse Haus vorlädt. Aber dennoch: bei ABB ist die Lage eine andere.

Was tun, wenn niemand kauft?

Wenn etwa der Ölpreis über längere Zeit am Boden ist – in den vergangenen Jahren war das so –, dann streichen Ölfirmen ihre Investitionen zusammen. Sie kaufen schlichtweg nichts mehr, oder zumindest viel weniger als zuvor. Es geht dabei nicht um die Frage, ob ein Konkurrent ein besseres Angebot hat, oder um Fragen der Regulierung – es gibt dann schlichtweg niemanden, der automatisierte Förder-Lösungen bestellt, wie sie unter anderem die ABB anbietet. Dasselbe bei produzierenden Unternehmen: Läuft es einem Autobauer schlecht, investiert er nicht in ein neues Werk. So einleuchtend das ist, so schmerzhaft ist es für die ABB, denn die verkauft dann weniger Roboter.

In stürmischer See zu segeln, wie Spiesshofer gelegentlich sagt, ist die eine Herausforderung. Das geht nur mit Disziplin, welche ABB mit einer kontinuierlichen Margen-Steigerung nachweisen kann. Die zweite Herausforderung ist es, kühlen Kopf zu bewahren. Dass die Konzern-Führung zuletzt auch dies beherzigte, lässt sich am Fall der Stromnetz-Division zeigen. Trotz massivem Druck wurde sie im letzten Jahr nicht verkauft — um im vierten Quartal 2016 ein Plus beim Auftragseingang von 15 Prozent und das grösste Umsatzwachstum aller vier Divisionen zu verzeichnen.Im grossen Raum für Interpretationen im Nachgang der Jahreszahlen von gestern lässt sich also darüber streiten, ob der leichte Rückgang bei den für den regulären Geschäftsverlauf so wichtigen kleineren «Basisaufträgen» schlimm ist, oder ob CEO Spiesshofer Recht hat, wenn er sagt, dass er stolz auf sein Team ist, dass das Niveau vom Vorjahr unter diesen Umständen fast gehalten werden konnte. Entscheidend ist zunächst einmal festzuhalten, wie einschneidend die Wankelmütigkeit der Märkte für die ABB sein kann. Was ohne Umschweife zum zweiten Punkt führt: zur Führung des Konzerns.

6000 Mitarbeiter in der Schweiz

Dass 2016 trotz Umsatzrückgang unter dem Strich eine leichte Gewinnsteigerung bei ABB steht, hat mit Sparmassnahmen zu tun. Der Konzern baute auch in der Schweiz Jobs ab: Im Zuge des «White Collar Productivity»-Programms ging der Mitarbeiterbestand von 6350 auf rund 6000 zurück. Die Reduktionen wurden laut ABB «grösstenteils über die natürliche Fluktuation bewältigt». (FHO)

Mit viertem Quartal zufrieden

CEO Spiesshofer gibt sich in Sachen Stromnetze denn auch selbstbewusst. Angesprochen auf die gute Performance der Division zum Jahresende sagte er gestern zur «Nordwestschweiz»: «Das dritte Quartal lag hinsichtlich der Aufträge unter unseren Erwartungen. Mit dem Auftragseingang und der Performance der Division im vierten Quartal sind wir hingegen sehr zufrieden.» Soll heissen: ABB könnte für das laufende Jahr noch einiges in der Pipeline haben.

Wie zuletzt berichtet, wird 2017 für ABB kein Selbstläufer, auch wenn einige Überraschungen drin sind. Die Konzernleitung spricht von einem «Übergangsjahr». Man hält sich bedeckt. Überraschend deutlich positionierte sich Spiesshofer bei einem anderen Thema. Von der «Financial Times» auf die veränderten Einreisebedingungen in den USA angesprochen, betonte
der ABB-Chef, wie international sein Unternehmen sei. Allein am Hauptsitz in Zürich arbeiteten Menschen aus 60 Nationen.