SO FUNKTIONIERT DER GELDKREISLAUF DES WIR-SYSTEMS: WIR-System in der Klemme

Die WIR-Bank versucht den Kreislauf ihres Geldsystems mit einer umstrittenen Massnahme anzukurbeln. Damit erregt sie Unmut und Verunsicherung im Kreis der Teilnehmenden.

Daniel Zulauf
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Daniel Zulauf

«Wir nehmen WIR.» Dieses Versprechen ist im alltäglichen Geschäftsverkehr unter Schweizer Gewerbebetrieben nicht mehr oft genug zu hören und zu lesen. Die Betreiberin des WIR-Systems, die in Basel domizilierte WIR-Bank, versucht das System anzukurbeln, stösst aber auf Widerspruch im Teilnehmerkreis. Die Komplementärwährung erlebt eine schwierige Zeit in ihrer über 80-jährigen Geschichte.

Die WIR-Bank wurde 1934 während der Wirtschaftskrise als Selbsthilfeaktion des Gewerbes gegründet mit dem Ziel, dass sich die Betriebe gegenseitig Geschäfte zuhalten. Die genossenschaftliche Bank vergibt Kredite und bestimmt damit auch die Menge der in Umlauf gebrachten WIR-Einheiten. Zudem fungiert die Bank als Verrechnungszentrale, indem sie die WIR-Konten aller Teilnehmenden verwaltet.

Währung verliert an Bedeutung

Die Umsätze im WIR-System sind seit Jahren rückläufig. 2016 betrug der Umsatz weniger als ­ 1,3 Mrd. Franken. Gemessen an der gesamten Geldmenge des WIR-Systems wechselt ein WIR-Franken jährlich nur noch etwa 1,5-Mal die Hand. Das ist nicht mehr als die Umschlagshäufigkeit des Frankens, den die Banken bekanntlich nolens volens im ganz grossen Stil auf ihren Girokonten bei der Nationalbank parkieren. «Die Umlaufgeschwindigkeit ist zu tief», räumt WIR-Sprecher Volker Strohm ein und verweist auf das ursprüngliche Minimalziel von zwei Mal. «Viel WIR-Geld liegt brach, weil es aufgrund der historischen Tiefzinsphase keinen Druck gibt, dieses aus­zugeben», sagt Strohm.

Diesen Druck sollte das WIR-System im Prinzip selber erzeugen, indem die WIR-Konten nicht verzinst werden. Doch in Zeiten, in denen auch der Franken keinen Zins abwirft, ist dieser Druck wirkungslos. Hinzu kommt, dass die Bank aufgrund des Tiefzinsumfeldes aus dem natürlichen Zinsvorteil eines WIR-Kredites keinen Nutzen mehr ziehen kann. Eine WIR-Hypothek ist aktuell weniger als 1% billiger als eine normale Frankenhypothek. Dementsprechend stagniert der Bestand an WIR-Krediten seit zehn Jahren bei rund 840 Mio. Fr., während sich die seit den ­späten 90er-Jahren von der WIR-Bank ebenfalls angebotenen ­normalen Frankenkredite auf 3,7 Mrd. Fr. verdoppelt haben.

Um das Geschäft anzukurbeln, hat die WIR-Bank vergangenen Herbst Massnahmen beschlossen, welche die Teilnehmenden stärker in das System einbinden sollen. Dieses zählt laut Strohm rund 60000 Teilnehmende, davon 45000 Firmen (vorwiegend kleine und mittlere Unternehmen) und etwa 15000 Angestellte. Doch von den teilnehmenden Firmen sind laut Strohm nur etwa die Hälfte offiziell aktiv. Die anderen sind sogenannte stille Teilnehmende. Diese werben nach aussen nie mit dem Slogan «Wir nehmen WIR». Zwar kennt die Bank die Identität dieser stillen Teilnehmenden, weil sie deren Konten verwaltet. Aber das Bankgeheimnis verbietet es der Bank, die Namen publik zu machen und sie so zu einer aktiven Teilnahme am System zu zwingen.

Tiefer Preis im Schwarzhandel

Eine der herbstlichen Schlüsselmassnahmen war es deshalb, den Kunden das Einverständnis zur Offenlegung ihrer Beziehung zur WIR-Bank abzuverlangen, respektive die stille Teilnahme am System öffentlich zu machen. Rund 10000 Kunden seien dieser Aufforderung bereits gefolgt, sagt Strohm. Er hätte freilich genauso gut sagen können, dass mehr als 10000 Kunden auch nach der dritten Aufforderung vom 2. Mai die neuen Geschäftsbedingungen noch nicht unterzeichnet haben, obwohl Ende Monat die Frist abläuft.

Stattdessen haben zahlreiche Unternehmen ihre Teilnahme aufgekündigt. Die Abgänger seien grösstenteils Teilnehmende gewesen, die in den vergangenen Jahren ohnehin fast keinen oder gar keinen Umsatz mehr gebracht hätten, sagt Strohm. Doch vom WIR-System verabschieden sich auch einige grosse Handelsfirmen und Importeure, weiss Andreas Steffes, Sekretär des Dachverbandes Handel Schweiz. Die Grosskunden hätten sich nicht nur als WIR-Teilnehmende outen müssen, sondern auch noch bei jedem Geschäft mindestens 3% WIR als Zahlung akzeptieren müssen. Letztere Bedingung wurde für Unternehmen mit einem Umsatz von über 100000 WIR im Jahr inzwischen aber fallen gelassen. «Wir haben den Hebeleffekt der Grossfirmen unterschätzt», räumt Strohm ein. Der WIR-Sprecher gibt sich indessen überzeugt, dass die geänderten Geschäftsbedingungen das aktive Netzwerk vergrössern und das WIR-System attraktiver machen werden. Die breite Kritik im Teilnehmerkreis will er freilich nicht negieren: «Wir haben zu lange gewartet», sagt Strohm, angesprochen auf den langjährigen Umsatzrückgang.

Die Verunsicherung der WIR-Teilnehmenden spüren auch die WIR-Händler im Schwarzmarkt. «Es besteht ein deutlicher Angebotsüberhang vor ­allem von Angestellten, die ihre Konten liquidieren möchten», sagt ein Händler. Der offizielle Wert eines WIR-Frankens entspricht einem gewöhnlichen Franken, und weil es einen Handel in der Währung ausserhalb des WIR-Systems offiziell nicht gibt, kann die WIR-Bank auch auf der Parität bestehen. Händlern zufolge werden überschüssige WIR unter der Hand aber zu Preisen von 60% bis 70% eines Frankens verkauft.