SMI HAT EINGEBÜSST: Politik macht Börse

Dieses Jahr sind Investoren und Ökonomen mehrmals komplett überrascht worden. Im neuen Jahr dürfte es ihnen ähnlich ergehen.

Rolf Biland
Drucken
Teilen

Rolf Biland

Gleich in der ersten Januarwoche 2016 führten Börsenturbulenzen in China zu massiven Kursverlusten. Grund waren schwache Wirtschaftsdaten und neue Spannungen im Nahen Osten. Nachdem die Kurse um fast 7% abgestürzt waren, wurde der Handel aufgrund eines neu eingeführten Handelsstop-Systems automatisch für den Rest des Tages ausgesetzt mit dem Ziel, die Märkte zu beruhigen. Doch bewirkt wurde das Gegenteil: Die Unterbrüche führten zu regelrechten Panikverkäufen und haben die Abwärtsbewegung verstärkt.

Mitte Januar erholte sich die Börse von den Turbulenzen in China. Doch die Verschnaufpause war von kurzer Dauer: Ende Februar verkündete der britische Premier David Cameron den 23. Juni als Termin für das Referendum über den Austritt aus der EU. Die Folgen eines Brexit wurden unisono als verheerend für Konjunktur und Finanzmärkte prognostiziert. Was noch bis zum Tag der Abstimmung als undenkbar erschien, wurde Realität: Das britische Stimmvolk votierte für den EU-Austritt. Experten werteten den Brexit als Stimme gegen das Establishment und warnten vor einem weiteren Beben an den Börsen. Doch die Finanzmärkte erholten sich rasch vom Schock, die wirtschaftlichen Spuren blieben bisher weitgehend massvoll.

Derweil rückte das nächste politische Ereignis in den Vordergrund: die US-Präsidentschaftswahl. Mit Donald Trumps Wahl haben sich die Wähler auch hier komplett anders verhalten, als die meisten Experten erwartet hatten. Und auch hier löste das Resultat entgegen der Prognosen keine massiven Kursverluste aus. Im Gegenteil: Die Aktienmärkte, vor allem in den USA, reagierten mit deutlichen Avancen, und der Dollar verteuerte sich markant.

Zum Jahresende richtete sich der Blick wieder nach Europa. In Italien wurde das Verfassungsreferendum abgelehnt und Premier Matteo Renzi trat zurück, was den populistischen Tendenzen in Europa eine weitere Bestätigung verleiht und die fragile Lage Italiens – insbesondere des Bankensektors – verschärft. Das politische Seilziehen wirkte sich auch auf den Kurs der Notenbanken aus. In Europa bekräftigte der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, im Dezember die lockere Zinspolitik und verlängerte das Wertpapierkaufprogramm. Derweil wurden die Zinsen in den USA nach einjähriger Pause erneut angehoben.

2017 erneut ein politisches Börsenjahr

2016 war das Jahr der politischen Überraschungen. Aber auch 2017 dürften die Geldpolitik und die Politik allgemein die Börsen auf Trab halten. Vor allem in Europa müssen sich Anleger auf eine stärkere Polarisierung einstellen. So stehen in Frankreich, den Niederlanden und in Deutschland Wahlen an. In allen drei Ländern haben Rechtspopulisten Aufwind und können laufend neue Wähler für sich gewinnen. Zudem starten Anfang Jahr die Verhandlungen über den Brexit. Die EZB setzt mit ihren Massnahmen, die Zinsen tief zu halten, alles daran, dass sich die Verhandlungen nicht zu stark auf die Märkte niederschlagen. Doch das EZB-Instrumentarium ist nicht unerschöpflich.

Unabhängig von den vielen politischen Schlagzeilen gewinnt die Wirtschaft vieler Länder allmählich an Fahrt. Besonders in den USA sind nicht zuletzt durch Trumps angekündigte Steuersenkungen und Investitionsausgaben kräftige Wachstumsimpulse zu spüren. Die US-Firmen haben ihre Gewinnrezession überwunden, und dank eines idealen Wirtschaftsumfelds mit tiefen Zinsen und einem sehr soliden Arbeitsmarkt dürften sie in den kommenden Quartalen mit gesundem Gewinnwachstum aufwarten. Daran ändert die von der US-Notenbank in Aussicht gestellte graduell restriktivere Zinspolitik nichts: Auch damit werden die Zinsen noch lange deutlich unter dem historischen Mittelwert von etwa 3% liegen.

Das Wirtschaftsbild beginnt sich auch in Europa zu bessern. Jüngste Konjunkturdaten zeigen, dass die Inflation in der Eurozone das höchste Niveau seit Sommer 2014 erklommen hat. Sollte der Inflationsdruck anhalten, könnte gar das Inflationsziel der EZB von knapp 2% in greifbare Nähe kommen. Die positiven Signale beeinflussen auch die Wirtschaft in der Schweiz. Das Staatssekretariat für Wirtschaft prognostiziert für 2016 ein Wachstum von 1,5%. Im Zuge der konjunkturellen Erholung dürfte auch die Arbeitslosenquote leicht sinken.

Hinweis

Unser Autor Rolf Biland ist Leiter Anlagestrategie beim VZ Vermögenszentrum.