Sicherheit

Mit Karacho in die Barriere: Thurgauer Firma Geobrugg rüstet ihren Schutz für Formel-1-Rennstrecken mit Beleuchtung auf – das soll mehr spektakuläre Nachtrennen ermöglichen

Mit ihren in Betonblöcken verankerten Fangzäunen sorgt Geobrugg aus Romanshorn an vielen Auto- und Töffrennen für Sicherheit. Nun hat die Firma zusammen mit einem italienischen Unternehmen ein Beleuchtungssystem entwickelt, das sich an der Schutzbarriere befestigen lässt. Das spart Zeit und Geld. Erste Interessenten haben bereits angeklopft.

Thomas Griesser Kym
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Crashtest der Romanshorner Geobrugg und der italienischen DZ Engineering im Dynamic Test Center nahe Biel.

Crashtest der Romanshorner Geobrugg und der italienischen DZ Engineering im Dynamic Test Center nahe Biel.

Bild: PD

Wo Naturgefahren drohen wie Steinschlag, Lawinen, Erdrutsche oder Muren, ist die Geobrugg AG aus Romanshorn meist nicht weit. Ihre Schutzbarrieren, die aus hochfestem Stahldraht gefertigt sind, bewahren Strassen, Bahnlinien oder ganze Dörfer vor Unheil, das von oben kommt. Aber auch im Berg- und im Tunnelbau sorgen Geflechte von Geobrugg für Sicherheit und für Effizienz.

Ein weiteres Betätigungsfeld der Geobrugg ist der Motorsport. So hat das Thurgauer Unternehmen beispielsweise zehn Formel-1-Rennstrecken, von Zandvoort über Imola, Sotschi und Hanoi bis Mexiko, mit Schutzbarrieren ausgerüstet. Dabei handelt es sich um Sicherheitsfangzäune der Geobrugg, die in Betonsockeln der deutschen Firma Nordbeton verankert sind. Das System ist vom Internationalen Automobilsportverband FIA homologiert.

Der umgebaute Circuit Park Zandvoort in den Niederlanden, ausgerüstet mit Geobrugg-Fangzäunen und, als Novum in der Formel 1, Steilkurven.

Der umgebaute Circuit Park Zandvoort in den Niederlanden, ausgerüstet mit Geobrugg-Fangzäunen und, als Novum in der Formel 1, Steilkurven.

Bild: PD

Barriere samt Beleuchtung

Nun geht Geobrugg einen Schritt weiter. Sie hat sich mit der italienischen Firma DZ Engineering (DZE) zusammengetan und mit dieser ein neues Beleuchtungssystem entwickelt, das mehr Nachtrennen ermöglichen soll. DZE beleuchtet bereits den Formel-1-GP von Singapur als auch den kommenden ePrix 2021 der Formel E im saudi-arabischen Diriyah.

Der Clou des von Geobrugg und DZE gemeinsam entwickelten Konzepts: Die Beleuchtung der Rennstrecke kann an den bestehenden Betonbarrieren befestigt werden. Das senkt die Kosten und den logistischen Aufwand für die Installation und Integration. Konkret wird der Beleuchtungsmast mittels einer Stabilisierungsstrebe an der Oberseite der Betonbarriere befestigt und mit einem Dübel an der Unterseite.

Montage von Beleuchtungsmasten an den Schutzbarrieren von Geobrugg im Dynamic Test Center nahe Biel.

Montage von Beleuchtungsmasten an den Schutzbarrieren von Geobrugg im Dynamic Test Center nahe Biel.

Bild: PD

Nachtrennen gehen ins Geld

Jochen Braunwarth, Direktor für Lösungen im Motorsport bei Geobrugg, weiss:

«Nachtrennen können teuer sein, besonders an temporären Austragungsorten wie auf Stadtkursen.»

Denn dort können, anders als an reinen Rennstrecken, die Schutzeinrichtungen und die Beleuchtung nicht fix installiert werden, sondern müssen jedes Mal auf- und wieder abgebaut werden, was Zeit und Geld kostet.

Jochen Braunwarth, Direktor für Motorsportlösungen bei Geobrugg.

Jochen Braunwarth, Direktor für Motorsportlösungen bei Geobrugg.

Bild: PD

Wie Braunwarth sagt, basieren bereits die Schutzzäune von Geobrugg auf der Philosophie plug and play, sind also relativ einfach und schnell montiert, und schon können die Fahrer loslegen. Indem nun die Beleuchtung in das Schutzsystem integriert wird, soll das noch mehr Zeit und Kosten sparen und die Möglichkeit von Nachtrennen erhöhen.

Denkbar auch zur Miete

Wie viel sich durch das neue System einsparen lässt, vermag Braunwarth nicht zu beziffern. Das komme auch auf den Einzelfall an. Er sagt aber:

«Für den GP von Singapur beginnen die Aufbauarbeiten drei Monate vorher. Wenn man diese Dauer auf vier oder fünf Wochen verkürzen kann, spart das eine Menge Arbeitszeit.»

Kommt hinzu, dass das System von Geobrugg und DZE vom Material her relativ leicht ist. Das heisst laut Braunwarth, es werden zusätzlich weniger Lagerplatz und weniger Transporte benötigt. Denkbar sei auch ein Mietmodell, bei dem das System von einem Rennen zum nächsten transportiert werden könnte.

Der hell erleuchtete Marina Bay Street Circuit des Formel-1-GP von Singapur. Derzeit sind 1485 Scheinwerfer der Italienischen Firma Valerio Maioli im Einsatz.

Der hell erleuchtete Marina Bay Street Circuit des Formel-1-GP von Singapur. Derzeit sind 1485 Scheinwerfer der Italienischen Firma Valerio Maioli im Einsatz.

Bild: Lynn Bo Bo/EPA (14. September 2017)

Geobrugg rüstet MotoGP-Strecke der Superlative aus

Ein Geobrugg-Projekt jüngeren Datums im Motorsport ist die Ausrüstung der neuen MotoGP-Rennstrecke im indonesischen Mandalika. Im November 2020 hat das Thurgauer Unternehmen 1550 Sicherheitszaunelemente sowie 31 Formen zur lokalen Herstellung der Betonbarrieren auf die Reise geschickt. Die Lieferung soll im Januar 2021 auf der Insel Lombok eintreffen.

Der Bau der Strecke, die eine der schnellsten der Welt werde, soll bis Mitte 2021 abgeschlossen sein. Der Rundkurs wird eine rekordhohe Kapazität von 150'000 Zuschauern haben. Vorläufig figuriert Mandalika als Reserve im MotoGP-Kalender. Die MotoGP-Klasse ist die Königsklasse des Motorradrennsports.

Geobrugg hält die Fäden in der Hand

Jochen Braunwarth von Geobrugg sagt: «Wir werden das Training für die Barrierenherstellung, die Produktion der Wand in der Boxengasse, die Montage der Zäune auf den Betonblöcken und die Installation aller Barrieren übernehmen. Das wird die Installation aller wichtigen Sicherheitselemente rund um die Strecke beschleunigen.» (T.G.)

Mit hohem Tempo in die Barriere

Geobrugg und DZE haben im Dynamic Test Center (DTC) in Vauffelin nahe Biel bereits zwei Crashtests durchgeführt, um herauszufinden, wie sich ein Unfall auf die Beleuchtung auswirken würde. Dabei prallte zunächst ein Auto mit einem Gewicht von einer Tonne mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h gegen die Barriere, wobei ein Beleuchtungsmast zwölf Meter entfernt positioniert wurde. Anschliessend wurde der Test wiederholt, mit dem Mast näher an der Aufprallzone.

In beiden Fällen bewegte sich laut Geobrugg der Mast kaum. Das zeige, dass die Beleuchtungsmasten einfach mit den Sicherheitssystemen von Geobrugg verbunden werden könnten. Braunwarth räumt aber ein:

«Donnert das Auto direkt dort in den Schutzzaun, wo der Beleuchtungsmast steht, wird dieser beschädigt oder zerstört.»

Erste potenzielle Interessenten haben sich gemeldet

Der Motorsportexperte relativiert aber sogleich. Geplant sei, das neue System in Nicht-Zuschauerbereichen oder in Bereichen mit wenig Platz für die Installation anderer ressourcenintensiver Systeme einzusetzen. Es eigne sich vor allem für Geraden, wo bei einem Unfall der Einschlagwinkel relativ klein sei.

Für ihr neues System haben Geobrugg und DZE bereits erste Anfragen von Rennstrecken aus dem Mittleren Osten und aus Asien erhalten, wie Braunwarth sagt. Und auch von den Verantwortlichen des Formel-1-GP von Singapur, der erstmals 2008 ausgetragen wurde und seit je ein Nachtrennen ist, sei eine erste Rückmeldung eingegangen. Tenor: Dieses System hätte man gerne schon vor zehn Jahren begutachtet.

Schutzbarrieren von Geobrugg am Formel-1-GP von Sotschi in Russland.

Schutzbarrieren von Geobrugg am Formel-1-GP von Sotschi in Russland.

Bild: Srdjan Suki/EPA (30. April 2017)

Schutz und Sicherheit für alle Fälle

1951 hat Geobrugg aus Romanshorn die ersten Lawinenverbauungen aus Drahtseilen installiert. Weil diese in der schneefreien Zeit immer wieder Steinschlägen ausgesetzt war, reifte die Idee, auch dagegen Drahtseilnetze einzusetzen. So wurde 1958 in der Südschweiz das weltweit erste aus Drahtseilnetzen bestehende Steinschlagschutzbauwerk errichtet.

In den darauffolgenden Jahrzehnten hat Geobrugg die Produktpalette der Schutzlösungen vor Naturgefahren permanent weiterentwickelt. Zudem finden sich die Netze heute im Motorsport, in der Minen- und Tunnelsicherung und als Einschlagschutz.

Zwei Romanshorner Firmen unter dem Dach der Gruppe Brugg

Seit 2008 firmiert Geobrugg als eigenständige AG innerhalb der Gruppe Brugg und gilt in ihrem Geschäft als Marktführerin. Geobrugg beschäftigt weltweit 340 Mitarbeitende und produziert auf fünf Kontinenten. Sie ist in über 50 Ländern aktiv.

Zur Gruppe Brugg gehört unter anderem auch die Romanshorner Fatzer AG. Diese stellt vor allem Seilbahnseile her, aber auch Seile für Brücken, Glasfassaden oder Stadion- und Hallendächer. (T.G.)