Shell gibt Gas im Gasgeschäft

Für mehrere Dutzend Milliarden Franken übernimmt der Energiekonzern Royal Dutch/Shell den britischen Rivalen BG. Dieser hat schwierige Zeiten hinter sich, verhilft aber Shell zu einem Wachstumssprung im Gasgeschäft.

Sebastian Borger
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Arbeiter auf einem Tank in der BG-Gasverarbeitungsanlage Margarita in Bolivien. (Bild: BG Group)

Arbeiter auf einem Tank in der BG-Gasverarbeitungsanlage Margarita in Bolivien. (Bild: BG Group)

LONDON. Der niedrige Ölpreis bringt Bewegung in den Energiesektor. Gestern kündigte Royal Dutch/Shell die Übernahme des britischen Konkurrenten BG an. Der niederländisch-britische Energiekonzern bezahlt im Rahmen der grössten Branchentransaktion des vergangenen Jahrzehnts 47 Mrd. £ (67,5 Mrd. Fr.) für die frühere British Gas. Shell vergrössert dadurch seine Öl- und Gasreserven um ein Viertel, die Jahresproduktion wächst um ein Fünftel. Für BG endet eine zuletzt verlustreiche Geschichte, und der 108 Jahre alte Shell-Konzern verringert den Rückstand auf den amerikanischen Branchenprimus Exxon Mobil.

Rasche Wechsel bei BG

Angaben des Unternehmens zufolge geht der Mega-Deal auf eine Initiative von Shell-Chef Ben van Beurden zurück. Dieser fand in BG-Verwaltungsratspräsident Andrew Gould einen willigen Zuhörer. Denn die aus einem britischen Staatsunternehmen hervorgegangene BG mit 5200 Mitarbeitenden in 24 Ländern hatte in seiner 18jährigen Geschichte zuletzt schwere Zeiten zu überstehen. Allein im letzten Quartal 2014 musste das Unternehmen 5 Mrd. $ abschreiben. Der Nachfolger des langjährigen Konzernchefs Frank Chapman konnte sich gerade mal 16 Monate im Amt halten. Erst im Februar übernahm der Norweger Helge Lund das Zepter im Hauptquartier in Reading westlich von London. Den langjährigen Leiter des Statoil-Konzerns hatten die Briten für teures Geld von dem überwiegend in Staatsbesitz befindlichen norwegischen Konzern losgeeist. Er unterstütze den Verkauf an Shell, hiess es gestern in London. Nach dem Abschluss der Transaktion bis Jahresende werde Lund dann «seinen eigenen Weg gehen», teilte Präsident Beurden mit.

Auftrieb für das Gasgeschäft

Die Fusion wird nicht nur Lund, sondern auch den BG-Aktionären grosse Mengen Geld in die Kasse spülen. Die BG-Aktie wird demnach mit einer Prämie von 50% gegenüber dem Kurs von Dienstagabend bewertet; jedes Papier bringt 383 Pence sowie einen Anteil von 0,45% an einer Shell-Aktie. Dadurch erhält jeder BG-Anteil einen nominellen Wert von 13.50 £. Das Papier stieg gestern an der Londoner Börse um 38% auf 12.60 £. Die BG-Anteilseigner werden nach der Fusion 19% am dann vergrösserten Shell-Konzern halten. Dessen Aktionäre sollen im laufenden Jahr eine Dividende von 1.88 $ pro Anteil erhalten, im kommenden Jahr werde die Auszahlung «mindestens so hoch» sein. Beurden zufolge wird das Unternehmen von 2017 an ein 25 Mrd. $ umfassendes Aktienrückkauf-Programm starten.

Shell-Chef Beurden erhofft sich von dem Zukauf einen Auftrieb seines Gasgeschäfts von der Förderung bis zum Verkauf. Erst 2013 hatte Shell dem spanischen Ölkonzern Repsol dessen LNG- Sparte abgekauft; der Transport von Flüssiggas (LNG) gilt als Wachstumssparte im Energiegeschäft. Zukünftig soll die Gassparte ebenso viel Gewinn erwirtschaften wie die Ölförderung; die Rede ist von 15 Mrd. bis 20 Mrd. $ operativem Gewinn pro Jahr.

Die Nordsee bleibt wichtig

Der Preis für Rohöl, derzeit bei 58 $ pro Fass à 159 Liter, hat sich häufig ruckartig verändert. «In sechs Monaten kann er 25 Prozent niedriger, aber auch 100 Prozent höher liegen», sagt John McLaren von der unabhängigen Edinburgher Denkfabrik Fiscal Fair Scotland. In den vergangenen 32 Jahren kostete das Fass Öl im Schnitt 41.58 $, was eine weitere Preiskorrektur nach unten nahe legen würde. Hingegen rechnen die Analysten von Oxford Economics mit einer Preissteigerung auf 111 $ bis 2020.

Beurden beteuerte ausdrücklich, sein Unternehmen werde auch weiterhin erheblich in die Öl- und Gasförderung in der Nordsee investieren. Der niedrige Ölpreis hat im schottischen Nordosten rund um Europas Energiehauptstadt Aberdeen zu Entlassungen und im britischen Haushalt zu Steuerlöchern geführt. Im Gannet-Feld bohrten Shell-Mitarbeiter erstmals 1969 nach Öl. Seither wurden nach und nach sieben Öl- und Gasfelder angezapft. Zu Beginn des Jahrhunderts galten die Vorräte in der Nordsee als weitgehend erschöpft. Angeheizt von der Nachfrage aus Schwellenstaaten wie China und Indien gab es dann einen erneuten Boom.

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