Sexuelle Belästigung beim Westschweizer Fernsehen: Medienministerin Sommaruga schaltet sich in RTS-Affäre ein

Bundespräsidentin betont: Sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz zu verhindern, liege in der Verantwortung der Unternehmensleitung.

Francesco Benini
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Belästigungs- und Mobbingaffäre: Das Westschweizer Fernsehen (RTS) steht nun auch politisch unter Druck.

Belästigungs- und Mobbingaffäre: Das Westschweizer Fernsehen (RTS) steht nun auch politisch unter Druck.

Keystone

Bundespräsidentin und Medienministerin Simonetta Sommaruga äussert sich erstmals zur Belästigungs- und Mobbingaffäre beim Westschweizer Fernsehen (RTS). Sie hat sich vom Verwaltungsratspräsidenten der SRG, Jean-Michael Cina, persönlich über die Untersuchungen informieren lassen, die der Verwaltungsrat jetzt einleitet. Dies bestätigt Sommarugas Kommunikationschefin Annetta Bundi auf Anfrage von CH Media.

«Bundespräsidentin Sommaruga begrüsst, dass der Verwaltungsrat Abklärungen in Auftrag gegeben hat, zu denen hinsichtlich der Verantwortlichkeiten auch eine externe Untersuchung gehört», erklärt Bundi. Sommaruga werde das weitere Vorgehen mit der SRG «anlässlich der nächsten Gespräche thematisieren».

Sommaruga nimmt sich der Sache persönlich an

Sommaruga zeigt mit ihrer Stellungnahme, dass sie sich des Problems in Genf persönlich annimmt. Aus dem Departement ist zu hören, dass sie betroffen reagiert habe auf die Recherche der Zeitung «Le Temps».

Simonetta Sommaruga habe betroffen auf die Skandal-Geschichte bei RTS reagiert.

Simonetta Sommaruga habe betroffen auf die Skandal-Geschichte bei RTS reagiert.

Marcel Bieri / KEYSTONE

Das Blatt hatte vor zehn Tagen geschrieben, dass es beim Westschweizer Fernsehen während Jahren zu sexueller Belästigung und Mobbing gekommen sei. Die Vorgesetzten hätten die Fälle nicht gründlich abgeklärt; beim Sender habe eine «Kultur des Schweigens» geherrscht. RTS-Chef war von 2001 bis 2017 Gilles Marchand, der heutige Generaldirektor der SRG.

Sommaruga gibt nun zu verstehen, dass sie beim öffentlichen Rundfunk direkt eingreifen wird, wenn es ihr geboten scheint. «Bundespräsidentin Sommaruga wird in Kenntnis der Untersuchungsresultate über das weitere Vorgehen entscheiden», erklärt ihre Sprecherin Bundi. Die SRG lässt zurzeit abklären, ob die Vorgesetzten bei RTS angemessen auf die Beschwerden der Angestellten reagiert hatten. Ausserdem prüft die Radio- und Fernsehgesellschaft, ob das interne System zur Meldung von Belästigungsfällen funktioniert.

Warnung an die SRG-Spitze?

Annetta Bundi betont, dass Bundespräsidentin Sommaruga alle Formen von Belästigung und Mobbing am Arbeitsplatz verurteile. «Die SRG hat eine Vorbildfunktion, und es gehört zur Verantwortung der Unternehmensleitung, sexuelle Belästigungen zu verhindern.»

Wird die Affäre für ihn zum Stolperstein? SRG-Generaldirektor Gilles Marchand.

Wird die Affäre für ihn zum Stolperstein? SRG-Generaldirektor Gilles Marchand.

Anthony Anex / KEYSTONE

Der abschliessende Satz der Stellungnahme kann wie eine Warnung an Marchand gelesen werden. Sollte die Untersuchung zum Schluss kommen, dass er als Chef in Genf nicht professionell genug auf die Klagen der Angestellten reagierte, steht die Medienministerin vor der Frage: Braucht die SRG einen neuen Generaldirektor?

Bernard Rappaz, Chefredaktor von RTS, übergibt seine Funktion an Stellvertreter, bis die Untersuchung abgeschlossen ist. Zwei weitere Kaderpersonen des Senders sind suspendiert worden. Der Moderator Darius Rochebin, gegen den Angestellte ebenfalls Vorwürfe erheben, hat eine Klage gegen die Zeitung «Le Temps» wegen Verleumdung angekündigt.