Service inbegriffen – wirklich?

Aufrunden oder nichts geben? Wer mit dem Service im Restaurant zufrieden ist, zahlt gerne ein Trinkgeld. Doch wie viel Trinkgeld ist angemessen? Und worauf sollte man im Ausland achten?

Stefan A. Schmid
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Der Grat zwischen Anerkennung und Almosen ist beim Trinkgeld schmal. Bei Unzufriedenheit sollte besser kein Trinkgeld gegeben werden. (Bild: Luca Linder)

Der Grat zwischen Anerkennung und Almosen ist beim Trinkgeld schmal. Bei Unzufriedenheit sollte besser kein Trinkgeld gegeben werden. (Bild: Luca Linder)

Die Situation kennt jeder. Im Restaurant geht es ans Bezahlen. Zwangsläufig stellt sich die Fage nach dem Trinkgeld. Als Gast in einem Schweizer Restaurant oder in einer Bar ist man nicht verpflichtet, den Serviceangestellten ein Trinkgeld zu zahlen. Rein rechtlich besteht keine solche Trinkgeld-Pflicht. In der Gastronomie, wo das Zahlen eines Trinkgeldes besonders stark verbreitet ist, gilt seit Einführung des Landes-Gesamtarbeitsvertrages (L-GAV) Anfang 1974: «Service inbegriffen.» Durchsetzen konnte sich das in der Praxis aber nicht ganz. Unter anderem, weil Gäste aus dem Ausland die Regelung oft nicht kannten und in Restaurants weiter fleissig Trinkgeld zahlten.

Freiwillig und willkommen

Trotzdem: Das Zahlen eines Trinkgeldes ist heute freiwillig; verpflichtet dazu ist der Gast nicht. Streng genommen bezeichnet man diesen Zustupf auch nicht als Trinkgeld, sondern als Overtip. Im Volksmund wird aber weiterhin von Trinkgeld gesprochen. Rechnen denn Serviceangestellte mit Trinkgeld? «Ganz klar Nein», sagt Stefan Unternährer, Leiter Sozialpolitik und Rechtsschutz bei der Arbeitnehmerorganisation Hotel & Gastro Union. «Der Gast muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn er kein Trinkgeld zahlt.» Und beim Branchenverband Gastrosuisse heisst es dazu: «Der Gast entscheidet ganz klar selber, ob er etwas geben möchte – und wenn ja, wie viel und wem.»

Selbstverständlich seien Trinkgelder bei den Angestellten aber sehr willkommen, ergänzt Unternährer. Heutzutage allerdings als persönliche Geste der Wertschätzung für eine überdurchschnittliche Leistung und nicht – wie vor 1974 – unter dem Aspekt, damit den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Für ihn ist zudem nicht ganz nachvollziehbar, warum sich die Trinkgeld-Tradition im Gastgewerbe, beim Coiffeur oder für den Taxifahrer in all den Jahren gehalten hat. «Kommt jemand denn auf die Idee, der Kassiererin im Detailhandel ein Trinkgeld zu zahlen?», fragt Unternährer rhetorisch. Das Trinkgeld ist einerseits ein Dankeschön des Gastes für ein gutes Essen und einen aufmerksamen Service. Damit kann er andererseits aber auch Kritik äussern, wenn ihm etwas missfallen hat. So schreibt der Bündner Spitzengastronom Dario Cadonau in seinem Blog: «Wenn Service und Essen nicht nach dem Geschmack des zahlenden Gastes waren, ist Kritik durchaus angebracht.» Diese lasse sich wunderbar über das Trinkgeld ausdrücken – «nämlich dann, wenn der Gast komplett auf dieses verzichtet». Wichtig ist es laut Cadonau aber, die Kritikpunkte gleichzeitig in einem sachlichen Ton und ruhig gegenüber dem Kellner oder Gastronomen zu vertreten.

Kleinstbeträge als Strafe?

Schlechter Stil ist es laut Catherine L. Tenger, Expertin für Stilfragen und Umgangsformen, wenn sich der Gast bei mangelhaftem Service mit Kleinstbeträgen rächt: Dann sollte er lieber gar nichts geben. Ausserdem: «Man bestraft guten Service nicht mit Trinkgeld-Entzug wegen schlechter Küche.»

Laut Tenger lässt man das Geld bar auf dem Tisch liegen oder legt es in die Mappe oder auf den Teller mit der Rechnung. Bei Bezahlung mit Kreditkarte ist es laut Tenger zudem angebracht, das Trinkgeld bar und separat zu geben.

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