Jetzt schnell Schnäppchen sichern, bevor mit dem neuen Impfstoff die Preise für Flüge und Hotels wieder nach oben schnellen?

Die Zugewinne an Kaufkraft sind in der Coronakrise weitgehend eine Fiktion – dafür winken anderswo Chancen.

Niklaus Vontobel
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Schöne Aussichten: Reisen bleiben billig, nachdem die Krise abklingt

Schöne Aussichten: Reisen bleiben billig, nachdem die Krise abklingt

Bernd Feil/imago

Dann rannten alle. Nachdem überraschend gute Testergebnisse veröffentlicht wurden zu einem Impfstoff, wollten die Investoren weltweit Geld machen aus einem möglichen Sieg über Covid-19. An der Börse stürzten der Videokonferenz-Anbieter Zoom ab oder der Streamingdienst Netflix. Die Airline Lufthansa schnellte hoch, ebenso der Reiseveranstalter TUI.

Was können Konsumenten tun oder Lohnempfänger? Im Jahr 2020 wird einiges günstiger, man könnte mehr kaufen. Doch der Gewinn an Kaufkraft ist weitgehend fiktiv. 2021 gibt es für Reiselustige echte Chancen auf Schnäppchen.

Eine höhere Kaufkraft als Fiktion der Coronakrise

Dieses Jahr erhalten Lohnverdiener durchschnittlich 0,4 Prozent mehr, solange sie die gleiche Arbeit behalten. Laut der KOF Konjunkturforschungsstelle können sie Güter und Services um 0,7 Prozent günstiger einkaufen. Macht einen Zugewinn an Lohn und Kaufkraft von 1,1 Prozent. Bei einem Lohn von 5000 Franken könnten sie für 55 Franken mehr einkaufen.

Theoretisch. In der Realität bringen die tieferen Preise wenig. In der Coronakrise wurden Services günstiger, die Konsumenten weniger wollen oder gar nicht: Flüge, Pauschalreisen ins Ausland oder Hotelübernachtungen in den Städten. Und weil global der Ölpreis kollabierte, sind Benzin und Heizöl billiger.

Das wars. Ohne diese Services und Güter wurde im Schnitt alles leicht teurer, wie die KOF berechnet hat. In der Coronakrise gibt es somit wenig neue Chancen für Konsumenten. Das war anders in der Frankenkrise von 2015 und 2016, als die Preise gleich reihenweise fielen.

Mit der globalen Ausrollung von Impfstoffen kann alles rasch gehen, wie die Börsen diese Woche vorführten. Ihre Wette geht so: Airlines und Reiseveranstalter können bald zurück in die alte Normalität – zu den alten Preisen. Aus Sicht der Konsumenten fragt sich dann: Schnellen die Preise wirklich bald in alte Höhen zurück? Sollten sie eine frühe Buchung wagen, um sich die tiefen Preise zu sichern?

Grüne Gegenreaktion gegen Billigpreis-Werbung

«Im Jahr 2021 dürfte es noch nicht stark teurer werden», sagt Andreas Wittmer, Aviatikexperte an der Universität St. Gallen. Zuerst werde es Preisoffensiven von den Billigairlines geben. Sie werden recht schnell durchstarten können mit ihren europäischen Flügen von Stadt zu Stadt. Wittmer: «Die Billigairlines werden den Markt ankurbeln wollen mit sehr günstigen Preisen.» Dahinter kommen die weniger flinken grossen Airlines wie Lufthansa oder Air France. Für ihre interkontinentalen Flüge werde die Nachfrage anfänglich kleiner sein, das Überangebot grösser. «Also werden sie mit eher tiefen Preisen locken.»

Es wäre eine Rückkehr zur alten Welt der kurzen und spontanen Flugreisen – mit noch billigeren Preisen. Diese könnte eine grüne Gegenreaktion auslösen, sagt Wittmer. Man könne etwa darüber streiten, ob plakative Billigstangebote gerechtfertigt seien. Meist würden nur sehr wenige Plätze so günstig vergeben. Diese würden aber aggressiv beworben. Wittmer sagt:

«Ohne diese Billigstangebot-Werbung kämen viele Leute gar nicht auf die Idee, am Wochenende schnell nach London zu jetten für ein Abendessen.»

Nach der ersten Preisoffensive dürften die Preise sich wieder alten Höhen annähern, sagt Wittmer. Die Airlines müssten staatliche Kredite zurückbezahlen. Umweltabgaben würden zunehmen. Wittmer sagt: «Irgendwann wird es wieder teurer. Wann das sein wird, lässt sich jedoch kaum abschätzen.»

Pauschalreisen ins Ausland wurden 2020 ebenfalls günstiger, doch die Kunden hatten nicht viel davon. Das könnte sich 2021 ändern. Walter Kunz, Geschäftsführer des Reiseverbands, rechnet nach einer Normalisierung zunächst mit einem harten Preiskampf bei Auslandsreisen. Kunz:

«In Spanien oder Italien werden alle erst einmal wieder ihre Hotels füllen wollen. Darum wird man die aktuell tiefen Preise beibehalten.»

Für die Kunden heisst das, sie können eher zuwarten mit dem Buchen. Wer nicht warten will, soll mit dem Reisebüro klären, wie man mit einer späten Absage umgehen würde. Kunz: «Einige Reiseveranstalter bieten an, dass man kostenlos stornieren kann. Das gibt den Kunden mehr Planungssicherheit.»