Schmidheiny in Bedrängnis

Wegen vorsätzlicher Tötung soll Stephan Schmidheiny 20 Jahre ins Gefängnis. Der Schweizer Unternehmer hat es im italienischen Eternit-Prozess mit einem hartnäckigen Gegner zu tun: Staatsanwalt Raffaele Guariniello.

Dominik Straub
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Ein früherer Arbeiter der Eternit Italia in seinem originalen Übergwändli. (Bild: ap/Massimo Pinca)

Ein früherer Arbeiter der Eternit Italia in seinem originalen Übergwändli. (Bild: ap/Massimo Pinca)

Rom. «In all diesen Jahren habe ich nie eine schlimmere Tragödie gesehen als diese.» Das betonte der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello in seinem Plädoyer im grössten europäischen Prozess wegen Asbestschäden. Tausende Arbeiter und Bürger hätten schon einen qualvollen Krebstod erlitten, und auch in Zukunft stürben noch unzählige Menschen. Diese Tragödie habe sich «unter einer einzigen Regie abgespielt», sagte Guariniello im Turiner Justizpalast, ohne dass sich zuvor ein Gericht gefunden hätte, das die mutmasslichen Verantwortlichen zur Rechenschaft zog: den 63jährigen Milliardär Stephan Schmidheiny und den 89jährigen belgischen Baron Jean-Louis De Cartier De Marchienne, die ehemaligen Besitzer der Eternit Italia.

«Das Risiko akzeptiert»

Guariniello wirft Schmidheiny und De Cartier vor, für den Tod von 2056 und für die Erkrankung von 833 Menschen verantwortlich zu sein. Und sie sollen vorsätzlich, nicht fahrlässig gehandelt haben: Sie hätten nicht einfach ein hypothetisches Risiko in Kauf genommen, sondern seit den 60er-Jahren um das tödliche Risiko der Asbestverarbeitung gewusst und es den Arbeitern bewusst verschwiegen, um weiterhin Profite machen zu können. «Sie haben das Risiko akzeptiert, und sie akzeptieren es bis heute», sagte Guariniello. Weil die strafbaren Handlungen anhielten, beschränkte sich der Staatsanwalt nicht auf die in derartigen Fällen übliche Höchststrafe von 12 Jahren Gefängnis, sondern verlangt 20 Jahre.

Im Verfahren geht es um Arbeiter, die zwischen 1973 und 1986 in den italienischen Eternit-Werken Casale Monferrato, Cavagnolo, Ruviera und Bagnoli beschäftigt gewesen und erkrankt waren. In dieser Zeit gehörten die vier Fabriken Schmidheiny, an jener in Casale Monferrato war auch die Familie De Cartier beteiligt. Die Industriellenfamilie Schmidheiny hatte ab den 50er-Jahren an den italienischen Eternit-Fabriken zunächst Minderheitsbeteiligungen übernommen. In den 80ern übernahm die Schweizer Eternit-Gesellschaft von Stephan Schmidheiny schrittweise die Mehrheit von Eternit Italia, die dann Ende der 80er-Jahre in Konkurs ging.

«Völlig unverständlich»

Schmidheinys Anwalt Astolfo di Amato bezeichnete die von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafe auf Anfrage als «völlig unverständlich». Sein Mandant werde pauschal für alle Opfer der 80jährigen Geschichte der Eternit Italia verantwortlich gemacht, obwohl er persönlich in Italien nie eine operative Funktion innegehabt habe, nie im Verwaltungsrat der Eternit Italia sass und die Schweizer Eternit bloss von 1973 bis 1986 grösster Einzelaktionär der italienischen Eternit gewesen war. Während dieser kurzen Zeit hätten die Schweizer Eigentümer Millionen in die Arbeitsplatzsicherheit der italienischen Werke investiert und damit in der Asbestindustrie eine Vorreiterrolle eingenommen.

Thyssen Krupp als Präzedenzfall

Mit Guariniello hat es Schmidheiny mit einem hartnäckigen Gegner zu tun, der in seiner Heimat wegen unerschrockener Anklagen gegen mächtige Unternehmen und Lobbies Heldenstatus geniesst. Populär wurde er etwa mit seinen Dopingverfahren gegen Juventus Turin. Der letzte spektakuläre Erfolg des 70jährigen Staatsanwalts liegt erst drei Monate zurück: Im April war Harald Espenhahn, der Italien-Chef des Stahlkonzerns Thyssen Krupp, auf Antrag Guariniellos zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Im Turiner Werk waren Ende 2007 bei einem Brand sieben Arbeiter ums Leben gekommen, weil die Feuerlöscher nicht funktionierten. Guariniello warf dem Management vor, Reparaturen unterlassen zu haben, weil das Werk ohnehin geschlossen werden sollte.

Der Fall Thyssen Krupp war ein Präzedenzfall, der nun Schule machen könnte: Erstmals waren Betriebsverantwortliche nach einem Arbeitsunfall nicht wie sonst üblich wegen fahrlässiger, sondern wegen eventualvorsätzlicher Tötung verurteilt worden. Gar direkten Vorsatz wirft Guariniello Schmidheiny und De Cartier vor. Juristisch mag die Bewertung einer unterlassenen Vorsichtsmassnahme als Tötungsvorsatz problematisch erscheinen; das Urteil gegen den Ausländer Espenhahn ist in Italien indessen selbst von seriösen Zeitungen bejubelt.

Im Asbest-Prozess geht es auch um gigantische Schadenersatzforderungen. Guariniello, den die zivilrechtlichen Ansprüche zwar wenig angehen, erachtet pro Asbest-Opfer 1 Mio. € als angemessen. – Das Urteil im Strafprozess wird für Herbst erwartet.

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