Schindler bildet neu Flüchtlinge aus

Schindler ermöglicht Flüchtlingen den beruflichen Quereinstieg – ein neuer Ansatz, der allerdings auch eine Schwierigkeit mit sich bringt.

Gregory Remez
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Seit vergangenem Sommer bei Schinder: Ari Saleh in der Werkstatt am Unternehmenssitz in Ebikon. (Bild: Dominik Wunderli, 5. September 2019)

Seit vergangenem Sommer bei Schinder: Ari Saleh in der Werkstatt am Unternehmenssitz in Ebikon. (Bild: Dominik Wunderli, 5. September 2019)

Keine acht Monate dauert es noch, dann wird Ari Saleh vollständig im Schweizer Arbeitsmarkt integriert sein – nach nur eineinhalb Jahren Ausbildung in der Liftmontage. Möglich macht dies ein neues Berufsbildungsprogramm, das der Ebikoner Lift- und Rolltreppenhersteller Schindler anerkannten Flüchtlingen wie Saleh seit vergangenem Sommer anbietet. Der 22-jährige Kurde ist, zusammen mit einem eritreischen Flüchtling, der erste Teilnehmer des Schindler-Pilotprojekts.

«Die Ausbildung ist streng, aber ich bin froh, diese Möglichkeit zu erhalten», sagt Saleh, der im Alter von 18 Jahren zusammen mit seinem Bruder aus dem Nordirak in die Schweiz geflüchtet ist. In seiner Heimat habe er die Schule lediglich bis zur neunten Klasse absolvieren können, danach habe es die Sicherheitslage nicht mehr zugelassen. Zudem habe der Tod seines Vaters dazu geführt, dass er früh zu arbeiten begann, um die Familie zu unterstützen. Bis zu seinem 18. Lebensjahr hatte er deshalb bereits fünf Jahre als Mechaniker hinter sich. Die dabei erworbenen Fähigkeiten seien ihm bei Schindler nun zugute gekommen. «Alles Mechanische bereitet mir keine grosse Mühe. Anders war es dagegen bei der Elektronik, das musste ich von Grund auf neu erlernen», sagt Saleh.

Schnellere Integration in den Arbeitsmarkt

«Haben bisher sehr gute Erfahrungen gemacht»: Bruno Wicki, Leiter Berufsbildung bei Schindler. (Bild: Dominik Wunderli)

«Haben bisher sehr gute Erfahrungen gemacht»: Bruno Wicki, Leiter Berufsbildung bei Schindler. (Bild: Dominik Wunderli)

Zehn Lifte – so viele sollte man in seiner Ausbildung ungefähr montiert haben, bevor man es tatsächlich beherrscht, lautet eine alte Schindler-Weisheit; wobei ein Lift rund zwei bis vier Wochen Montagezeit in Anspruch nimmt. Saleh, der seit Mai dieses Jahres bereits auf Baustellen im Einsatz steht, hat mit der Unterstützung seines Teams ein Drittel davon schon geschafft. Seine Ausbildner sind deshalb zuversichtlich, dass Saleh wie vorgesehen im Mai 2020 abschliessen und von da an als Liftmonteur eingesetzt werden kann. «Wir haben bisher sehr gute Erfahrungen gemacht», sagt Bruno Wicki, Leiter Berufsbildung bei Schindler.

«Wir wollen keine Zweiklassengesellschaft im Unternehmen»: Patrick Imfeld, Stv. Leiter Schindler Berufsbildung

Integrationsausbildung nennt das Unternehmen den eineinhalbjährigen Berufsbildungsweg für Flüchtlinge, welche die Geschäftsleitung im Sommer des vergangenen Jahres lanciert hat. «Die Idee hinter dem Projekt ist, dass wir Flüchtlinge, die ein bestimmtes Vorwissen mitbringen und bereits in mechanisch-technischen Berufen gearbeitet haben, schneller in den Arbeitsmarkt integrieren können», sagt Wicki. Deshalb müssen alle Bewerber eine strenge Qualifikationsphase durchlaufen, die neben mehreren Interviews auch einen dreitägigen Schnupperkurs beinhaltet. Patrick Imfeld, stellvertretender Leiter Berufsbildung und verantwortlich für das Projekt Flüchtlingsausbildung, fügt an: «Die Abmachung mit der Geschäftsleitung ist, dass ein Flüchtling, der bei uns eine Integrationsausbildung absolviert, nach 18 Monaten gleich weit ist wie jemand, der aus der Lehre kommt. Wir wollen keine Zweiklassengesellschaft im Unternehmen.»

Patrick Imfeld, stellvertretender Leiter Berufsbildung bei Schindler. (Bild: Dominik Wunderli)

Patrick Imfeld, stellvertretender Leiter Berufsbildung bei Schindler. (Bild: Dominik Wunderli)

300 Lehrlinge in insgesamt zwölf Berufen beschäftigt Schindler laut eigenen Angaben. Daher habe die Berufsbildung in Ebikon unausweichlich einen hohen Stellenwert, sagt Imfeld. Die Integrationsausbildung sei allerdings für alle Neuland, sowohl innerhalb des Unternehmens, als auch in der restlichen Schweiz. «Das Problem ist, dass es sich bei der Liftmontage um ein sehr spezifisches Feld handelt, bei dem die Rekrutierung im Vergleich zu anderen Branchen schwieriger ist. Braucht man einen zusätzlichen Liftinstallateur, muss man diesen also in der Regel selber ausbilden.» Umso erfreulicher sei es, sagt Imfeld, dass man nun jenen Flüchtlingen, welche ein gewisses Vorwissen mitbringen, die Möglichkeit zum beruflichen Quereinstieg bieten könne.

Die vergleichsweise schnelle Integration in den Arbeitsmarkt hat allerdings auch einen Preis. So ist die Ausbildung von Saleh zwar deutlich kürzer und besser bezahlt als eine Lehre – nach sechs Monaten verdiente er bereits mehr als den Mindestlohn –, doch wird er am Ende keinen Abschluss in der Hand halten. «Die Integrationsausbildung bereitet die Teilnehmer zwar perfekt auf die Arbeit bei Schindler vor, da es sich aber um einen unternehmensspezifischen Ausbildungsweg handelt, ist er nicht anerkannt», sagt Bruno Wicki.

Zwei Modelle mit Vor- und Nachteilen

Damit ist Saleh gegenüber all jenen im Nachteil, die bei Schindler eine gewöhnliche Lehre absolvieren und anschliessend ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder ein Eidgenössisches Berufsattest (EBA) erwerben. Einer von ihnen ist Sharif Mohammadi. Wie Saleh verliess der gebürtige Pakistaner mit 18 sein Heimatland, um sich in der Schweiz eine neue Existenz aufzubauen. Auch Mohammadi ist 22 Jahre alt und seit vergangenem Sommer bei Schindler. Der Unterschied zwischen den beiden: Nach dem erfolgreichen Bestehen einer sogenannten Integrationsvorlehre (Invol), einer Art berufsvorbereitendes Brückenjahr für anerkannte Flüchtlinge, startete Mohammadi im Mai dieses Jahres eine Lehre als Produktionsmechaniker. «Ich bin froh, die Invol gemacht zu haben, ansonsten wäre der Einstieg in den Beruf für mich sehr schwierig geworden», verrät ­Mohammadi im Gespräch.

Vom Flüchtling zum Lehrling: Sharif Mohammadi in der Schindler-Werkstatt in Ebikon. (Bild: Dominik Wunderli, 5. September 2019)

Vom Flüchtling zum Lehrling: Sharif Mohammadi in der Schindler-Werkstatt in Ebikon. (Bild: Dominik Wunderli, 5. September 2019)

Diesen Einstieg hat Saleh bereits geschafft – und ist glücklich darüber, dass er bald eigenständig arbeiten kann. Für ihn gilt ohnehin: Falls er die Branche nicht wechselt, wird er kein Diplom brauchen. «Beide Modelle haben ihre Vor- und Nachteile», sagt Imfeld. Es komme halt darauf an, welche Vorkenntnisse ein Bewerber mitbringe und welche Ziele er verfolge. «Man muss auch sehen, dass es sich bei beiden Modellen um Pilotprojekte handelt, die sich noch in der Evaluationsphase befinden.»