Schicksalstage im Autoland

Die grossen drei werden Bittsteller: General Motors, Ford und Chrysler benötigen Milliarden, um einen drohenden Kollaps abzuwenden. Im amerikanischen Kongress bleibt das Rettungspaket für die Automobilindustrie allerdings umstritten. Die Hoffnungen ruhen nun auf Obama.

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Zu lange auf zu grosse Autos gesetzt: General Motors ersucht wie Ford und Chrysler den Staat um eine Milliardenhilfe. (Bild: ky)

Zu lange auf zu grosse Autos gesetzt: General Motors ersucht wie Ford und Chrysler den Staat um eine Milliardenhilfe. (Bild: ky)

Der republikanische Senator Jim Bunning aus Kentucky sollte eigentlich bei Abstimmungen auf Seiten von «Detroit» stehen, der US-Automobilindustrie. Sein Staat ist der drittgrösste Hersteller amerikanischer Autos, gleich nach Michigan und Ohio. Dennoch stellt sich Bunning quer, wenn es um das geplante 25-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für die US-Automobilindustrie geht.

Die Demokraten dagegen wollen diese Unterstützung am besten gleich als Subvention bezeichnen. Auch der gewählte Präsident Barack Obama will den «grossen drei» helfen – General Motors (GM), Ford und Chrysler. Die konservativen Republikaner aber sehen staatliche Hilfe für die Wirtschaft als unamerikanischen Sozialismus an.

Topmanager betteln

Deshalb sagen Republikaner wie Jim Bunning bisher nein zu dem «bailout» genannten Hilfspaket für die drei Autokonzerne von Detroit. «Ich weiß, dass die Schmerzen Detroits in den Städten und Gemeinden von ganz Kentucky zu spüren sind», sagt der Senator. «Aber dem Problem Geld hinterherzuwerfen, kann nicht die Antwort sein.»

Die amerikanische Autoindustrie ist in diesen Tagen in die Knie gegangen: Sie ersucht um Hilfe und bettelt. Am Dienstag erschienen die Topmanager von GM, Ford und Chrysler vor dem Bankenausschuss des Senats in Washington und plädierten für staatliche Unterstützung.

Subventionen statt Darlehen?

Zur Debatte steht im Kongress, ob die Zweckbindung für ein 25-Milliarden-Paket aufgehoben wird, das vor geraumer Zeit beschlossen wurde, um der Autoindustrie eine Umstrukturierung zum Bau neuer, energiesparender Autos zu gestatten. Und, ob aus den ursprünglich vorgesehenen Darlehen jetzt Subventionen werden sollen. Die Mehrzahl der Republikaner in beiden Häusern des Kongresses ist gegen staatliche Subventionen für die Industrie. Auch der noch amtierende Präsident George W. Bush lehnt das ab. Allerdings glauben manche Experten, dass auch er es sich nicht leisten kann, zum Ende seiner Amtszeit den Zusammenbruch eines Sektors hinzunehmen, in dem immerhin rund drei Millionen Menschen beschäftigt sind. Die nächste Regierung wird ohnehin eingreifen, denn Michigan und Ohio waren entscheidend verantwortlich für den Wahlsieg Barack Obamas, der bereits angekündigt hat, zu helfen.

Modernisierung verpasst

«Hier geht es um mehr als nur um Detroit», sagt Richard Wagoner, Vorstandschef von General Motors, des grössten, aber auch verwundbarsten der drei US-Autohersteller, vor dem Senat. «Es geht darum, die US-Wirtschaft vor einem katastrophalen Kollaps zu bewahren.»

Der starke Anstieg der Kraftstoffpreise in diesem Jahr hatte Detroit in zusätzliche Schwierigkeiten gestürzt. Dort werden grosse Autos, Geländewagen und Kleinlaster mit grossen Motoren und hohem Verbrauch gebaut. Als die Finanzkrise begann und Kredite für Autos teuer wurden und schwer zu bekommen waren, zeigte sich, dass die Japaner mit ihren – auch in den USA gebauten – kleineren Modellen mit energiesparenden Motoren am Markt richtig lagen.

Der Absatz der amerikanischen Fahrzeuge ging sehr stark zurück. Man verzeichnete die niedrigsten Verkaufszahlen seit 25 Jahren. Im kommenden Jahr erwartet man nur noch den Verkauf von etwa 10 Millionen Fahrzeugen gegenüber den üblichen 17 Millionen im Jahresdurchschnitt.

Chrysler-Chef Robert Nardelli hat schon erklärt, dass seine Firma nicht in der Lage sein werde, die notwendigen drei Milliarden Dollar aufzubringen, um Löhne, Altersbezüge und andere laufende Kosten in den kommenden Monaten zu bestreiten.

Vergünstigungen: Viele Altlasten

«Es geht nicht um Rettung der Autoindustrie», sagt dagegen Michael Hicks von der Universität Indiana. «Der geht es gut. Es geht um einen Rettungsplan für die United Auto Workers (Autoarbeiter-Gewerkschaft). Was immer mit dem Hilfspaket geschieht, es wird lediglich eine Periode schlechten Wirtschaftens verlängern.»

Wenn die Automobilarbeiter-Gewerkschaft wirklich helfen wolle, das Überleben der Hersteller zu sichern, sagt Hicks, dann müssten ihre Funktionäre die Kürzung der Betriebsrenten und anderer Zusatzleistungen hinnehmen, die sie in den vergangenen Jahren ausgehandelt haben. Die äusserst grosszügigen Altersversorgungs-Pakete seien beispielsweise eine grössere Belastung für die Unternehmen als Marktanteile oder andere Kosten. John Dyer, Boston

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