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Die Schattenseiten des Tessiner Finanzplatzes

RSI-Journalist Francesco Lepori hat in einem Buch die Finanzkriminalität und Bankprozesse im Tessin seit den 1970er-Jahren aufgearbeitet.
Gerhard Lob, Bellinzona
Eine Filiale der Tessiner Bank BSI. Bild: Martin Rütschi/Keystone (Lugano, 5. November 2009)

Eine Filiale der Tessiner Bank BSI.
Bild: Martin Rütschi/Keystone (Lugano, 5. November 2009)

Das Phänomen ist häufig beschrieben worden. Das Tessin erlebte in den Nachkriegsjahren, insbesondere in den 1960er- und 1970er-Jahren, einen regelrechten Boom. Aus der Agrargesellschaft wurde in kürzester Zeit eine Dienstleistungsgesellschaft. Vor allem das Bankenwesen florierte – dank unzähligen Millionen von Lira, die ihren Weg von Italien ins nahe gelegene Tessin fanden. Nicht deklarierte Fluchtgelder, die aus Angst vor Instabilität, möglichen kommunistischen Regierungen und Terrorismus im sicheren Schweizer Hafen angelegt wurden. Durch das damals geltende Bankgeheimnis waren sie geschützt. Im Tessin explodierte die Zahl der Bankfilialen – von 75 (1945) auf 254 (1970). Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl der Angestellten von 500 auf 6000 und ist seither mehr oder wenig stabil geblieben.

Doch dieser Boom hatte seine Schattenseiten, wie Francesco Lepori in seinem soeben erschienenen Buch «Il Ticino dei colletti sporchi» (wörtlich: Das Tessin der schmutzigen Kragen) eindrücklich dokumentiert. Der Journalist und Gerichtsreporter des Radios und Fernsehens der italienischen Schweiz (RSI) hat auf der Grundlage aller Gerichtsurteile zu Prozessen gegen Banken eine eindrückliche Geschichte zur Finanzkriminalität im ­Tessin seit den frühen 1970er-Jahren geschrieben.

Skandale, Korruption, Spekulationen und Betrug

Die Palette der Fälle reicht von den Verlusten der Privatbank Weisscredit in Lugano in Höhe von 100 Millionen Franken – sie musste ihre Schalter schliessen – über den grossen Skandal bei der SKA in Chiasso, die Affären um die InterChange Bank in Chiasso (1967) und die Schliessung der Bank Vallugano (1971).

Vergessen wird auch nicht das unrühmliche Ende der BSI, der ältesten Bank der italienischen Schweiz, die 2016 in der Folge der Korruptionsaffäre des malaysischen Staatsfonds 1MDB auf Geheiss der Finanzmarktaufsicht (Finma) geschlossen beziehungsweise in die EFG integriert wurde.«In diesem Fall haben überhöhter Risikoappetit und die Uneinsichtigkeit zum Ende der Bank geführt», sagte Finma-Chef Mark Branson. Diese Erkenntnis lässt sich auf viele andere Fälle übertragen.

Nach den Bankencrashs befasst sich Lepori mit Betrüge­reien, die von Bankangestellten ausgeführt wurden, oft durch Fehlspekulationen, die man durch neue Spekulationen kaschieren wollte. Schon 1974 kreierte ein Angestellter der Lloyds- Bank in Lugano ein Loch von 222 Millionen Dollar. Bei der Raiffeisenbank in Balerna brachte es der Vizedirektor 2003 zu einem unglaublichen Verlust von 95 Millionen Franken. Und unvergessen bleibt natürlich auch der Skandal bei der Tessiner Kantonalbank von 2006, als zwei Kaderpersonen in einer Art Roulette 21,5 Millionen Franken verbrannten. Schade allerdings, dass die echten Namen der Verantwortlichen im Buch durch Pseudonyme wie «Giovanni» oder «Umberto» ersetzt werden. Der Autor rechtfertigt dies mit dem «Recht auf Vergessen».

Nach eklatanten Fällen wie demjenigen des ehemaligen Direktors der BSI-Filiale von Melide, der Kundengelder in Höhe von 28 Millionen Dollar in phantomatische Kaffeeplantagen verspekulierte, kommt im vierten Kapitel auch die unrühmliche Rolle der hiesigen Banken im internationalen Drogengeschäft zur Sprache. Sinnbildlich für diese Phase steht die sogenannte Pizza Connection, in der Gewinne aus dem Heroinhandel über Zürich und das Tessin gewaschen wurden.

Das Tessin als dritter Finanzplatz der Schweiz war folglich ein Epizentrum von grossen Skandalen. Doch dabei ging es nicht nur um Geld, wie Lepori betont. Er erinnert daran, wie viel menschliches Leid diese Vorgänge erzeugt haben. Etwa Familien, die infolge von Bankschliessungen ihre ganzen Ersparnisse verloren haben. Oder Banker, die sich das Leben genommen haben.

Internet bringt neue Probleme

Erwähnt werden aber auch positive Folgen. Als Reaktion auf den SKA-Chiasso-Skandal beschlossen die Banken 1977 etwa eine Sorgfaltspflichtvereinbarung (VSB) zur Verhütung des Missbrauchs des Bankgeheimnisses. Die 1990 erfolgte Einführung des Geldwäschereiartikels im Strafgesetzbuch geht auf die Initiative des ehemaligen Tessiner Staatsanwalts Paolo Bernasconi zurück.

Inzwischen haben auch die Banken ihre internen Kontrollmechanismen intensiviert und Massnahmen gegen mögliche Betrügereien ergriffen, was dazu führt, dass bestimmte Vorgänge heute nicht mehr denkbar sind. Doch neue Technologien wie Internet bringen wieder neue Probleme. «Die Finanzkriminalität ist dem Gesetz in der Regel einen Schritt voraus», sagt Lepori.

Das faktenreiche Buch, das erstmals eine Übersicht über die grössten Bankenskandale im Tessin gibt, wurde vom Locarneser Verleger Armando Dadò herausgegeben. Dieser sagt dazu: «Die beschriebenen Tatsachen sollten das Gewissen von denen aufrütteln, die im Leben an nichts anderes denken, als Reichtum anzuhäufen.» Da kann man ihm kaum widersprechen.

Francesco Lepori, «Il Ticino dei colletti sporchi, I processi bancari dagli Anni Settanta a oggi», Armando Dadò editori, Locarno 2018, 243 Seiten, 24 Franken.

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