Umsatzrückgang

SBB Cargo-Chef Nicolas Perrin: «Ein Drittel der Stellen müssen wir streichen»

Der grosse Verwaltungsapparat, der Umsatzrückgang und die Digitalisierung machen SBB Cargo zu schaffen. Nicolas Perrin, Chef von SBB Cargo nimmt im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» Stellung.

Philipp Felber
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SBB-Cargo-Chef Nicolas Perrin kündigt an, dass bis in fünf Jahren rund 760 Stellen abgebaut werden.

SBB-Cargo-Chef Nicolas Perrin kündigt an, dass bis in fünf Jahren rund 760 Stellen abgebaut werden.

HO

Herr Perrin, Sie sind auf der Suche nach einem Partner für SBB Cargo. Ist bereits jemand gefunden?

Nicolas Perrin: Es gab ja Firmen wie etwa Migros und Planzer, welche öffentlich Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns bekundeten. Darum bin ich positiv, dass wir jemanden finden.

Die Zeit drängt. Die Politik sieht es nicht gerne, dass SBB-Chef Andreas Meyer selbst und neben ihm nur SBB-Leute im Verwaltungsrat sitzen. Wann kommt die Öffnung?

Wir planen die Öffnung schon seit längerem. Künftige Partner reden mit bei der strategischen Geschäftsplanung, beim Angebot, bei Investitionen und beim Management. Im nächsten Jahr wollen wir die Öffnung des Verwaltungsrats vorantreiben. Und natürlich wollen wir, dass der Partner im Gremium Einsatz nehmen kann.

Wie bekannt ist, wollen Sie, um attraktiver für allfällige Partner zu werden, 80 Stellen im Verwaltungsapparat abbauen. Das reicht beim Verlust von 25 Millionen Franken allein im ersten Halbjahr 2017 nicht aus.

Einerseits haben wir Mengen verloren, deshalb müssen die Strukturkosten weiter angepasst werden. Zudem gehen wir in der Verwaltung auch noch die Planung und Disposition an, bei der wir nach wie vor zu komplex aufgestellt sind. Deshalb müssen wir weitere Stellen abbauen. Der Abbau wird bis 2020 noch mal mindestens in der gleichen Grössenordnung nötig sein.

Das sind schmerzhafte Eingriffe. Wie ist die SBB Cargo überhaupt in diese Situation gekommen?

2015 hat uns die Euro-Schwäche 60 Millionen Franken gekostet. Aktuell entwickelt sich zudem der Logistikmarkt enorm rasch. Gerade der Rückgang im Wagenladungsverkehr hat sich entgegen den Entwicklungsplänen mit den Kunden beschleunigt.

Das letzte Sanierungsprogramm blieb wirkungslos?

Natürlich nicht. Hätten wir nicht gespart, wäre der Verlust noch grösser ausgefallen. Die Verluste sind jetzt hauptsächlich auf rückläufige Nachfrage zurückzuführen.

Reicht der geplante Stellenabbau in der Verwaltung, um Gewinn zu erwirtschaften?

Nein, es werden sicher weitere Massnahmen nötig sein. Wir werden auch das Angebot mit unseren Kunden zusammen überprüfen müssen. Ein grosses Problem sehen wir im sehr kleinteiligen und unregelmässigen Einzel-Wagenladungsverkehr. Unsere Rangierteams transportieren teilweise einen oder zwei Wagen an einen Bedienpunkt – das ist nicht effizient.

Das heisst, man will die anderen Bedienpunkte zusammenstreichen?

Fakt ist: Heute werden 90 Prozent der Wagen über etwa die Hälfte der 344 Bedienpunkte transportiert. Die SBB wollen diesen System-Wagenladungsverkehr in Wirtschaftsräumen mit grossen Gütermengen weiter stärken. Bei kleinen Bedienpunkten mit Einzelagenladungsverkehr steht die Bahn hingegen immer stärker unter Druck. Wir werden mit überprüfen, ob es Alternativen zu einer fixen täglichen Bedienung gibt.

Warum hat man sich nicht schon länger von diesem Einzel-Wagenladungsgeschäft verabschiedet, wenn nur kleine Mengen umgesetzt werden?

Bei den grossen Kunden wie Post, Migros und Coop im System-Wagenladungsbereich ist das Geschäft einigermassen stabil. Aber im Einzel-Wagenladungsbereich haben wir allein im letzten Jahr 14 Prozent an Umsatz verloren. Genau dort, wo die Eisenbahn bereits heute in Relation zu der Strasse unflexibel und teuer ist, ist der Rückgang überproportional zurückgegangen.

Das Geschäft wird sich wohl nicht erholen. Das heisst, SBB Cargo muss auch in diesem Bereich weitere Stellen streichen?

Das Geschäft im Einzel-Wagenladungsverkehr ist sehr personal- und kostenintensiv. In den nächsten zwei Jahren werden wir im dreistelligen Bereich Stellen abbauen müssen – können das aber grösstenteils über ordentliche Pensionierungen schaffen.

Wo stehen Sie in der Digitalisierung? Hier hat SBB Cargo den Zug doch bereits verpasst.

Es stimmt, die Strasse hat punkto neuer Technologien in den letzten Jahren viel schneller vorwärtsgemacht als die Schiene. Der Einsatz neuer Techniken, wie etwa die automatisierte Kupplung, verändern beispielsweise den Rangierberuf und machen ihn sicherer – heutzutage ist er von schweren körperlichen Arbeiten geprägt und erfordert Tag- und Nachtarbeit. Während heute ein technischer Kontrolleur den Zug zwei Mal entlangläuft, werden künftig stationäre Kameras diese Arbeit übernehmen.

Automation geht immer auf Kosten von Arbeitsplätzen. In der Verwaltung sollen Stellen gestrichen werden, beim Einzel-Wagenladungsgeschäft auch. Sie haben heute rund 2300 Angestellte bei SBB Cargo, ohne das Tochterunternehmen SBB Cargo International. Wie viele werden es in fünf Jahren sein?

Wir gehen heute davon aus, dass wir rund ein Drittel aller Stellen streichen müssen. Die meisten werden wir aber über ordentliche Pensionierung und die natürliche Fluktuation abbauen können. Bei Entlassungen kommt der Sozialplan der SBB zum Tragen.

Sie sprechen bis jetzt nur von Stellenabbau und Effizienzgewinn. Versucht SBB Cargo sich künftig zusätzlich auch auf der Einnahmenseite zu verbessern?

Wir haben vor allem im Transitverkehr neue Kunden gewinnen können. Problem ist, dass die hohen Kosten im Einzel-Wagenladungsverkehr von den Kunden nicht getragen werden können. Zudem haben wir vom Bund den Auftrag, eigenwirtschaftlich Güterverkehr zu betreiben.

Momentan wird SBB Cargo quersubventioniert, auch von seiner Tochter SBB Cargo International. Was macht diese Tochterfirma besser?

Unsere Tochter erzielt ein positives Ergebnis und hilft damit, die Verluste von SBB Cargo Schweiz aufzufangen – von Quersubventionierung kann keine Rede sein. Zusammen mit dem Partner Hupac sind wir am Markt besser positioniert. Auf lange Sicht muss jede Cargo-Tochtergesellschaft ein schwarzes Ergebnis erreichen, mit dem sie künftige Investitionen finanzieren kann.