Saudi-Arabien unter Verdacht

Der Ölpreis ist in den vergangenen fünf Monaten um 30 Prozent gefallen und bleibt wohl auf Jahre hinaus tief. Zwei Verschwörungstheorien machen die Runde, um den spektakulären Preisverfall zu erklären.

Christian Mihatsch
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30,6 Millionen Fass Rohöl fördern die Opec-Länder täglich. Mit dem Geld aus dem Ölgeschäft füllen sie ihre Staatskassen. (Bild: ap/Vahid Salemi)

30,6 Millionen Fass Rohöl fördern die Opec-Länder täglich. Mit dem Geld aus dem Ölgeschäft füllen sie ihre Staatskassen. (Bild: ap/Vahid Salemi)

«Alle Gespräche begannen und endeten mit dem Ölpreis», sagt David Kostin von der US-Bank Goldman Sachs über einen Besuch in Texas. «Benommen von der Grausamkeit des Preisverfalls, hatten sich unsere Gesprächspartner damit abgefunden, dass der Ölpreis für mehrere Jahre tief bleiben wird.» Diese Einschätzung deckt sich mit einem Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA). Diese erwartet sogar noch tiefere Preise: «Das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage deutet darauf hin, dass der Preisverfall noch nicht abgeschlossen ist. Der Druck auf den Preis könnte in der ersten Hälfte 2015 noch weiter zunehmen.»

Dabei lag der Preis zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich unter 80 Dollar für ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent, dem Referenzpreis für mehr als die Hälfte des globalen Ölmarktes. Aus Sicht der IEA hat daher «ein neues Kapitel in der Geschichte des Ölmarktes begonnen». Dieses neue Kapitel zeichnet sich durch zwei Merkmale aus: eine geringere Nachfrage in China und Europa sowie der Fracking-Boom in den USA. Amerika konnte seine Ölproduktion in den letzten sechs Jahren um 70 Prozent steigern.

Förderung wird kaum gedrosselt

Nun ruhen alle Augen auf einem Treffen vom 27. November in Wien. Dort könnten die Minister des Ölländer-Kartells Opec eine Kürzung der Produktion beschliessen. Dies gilt aber als unwahrscheinlich, denn die Disziplin der Kartellmitglieder ist chronisch schlecht. So fördern die Opec-Länder derzeit 30,6 Millionen Fass pro Tag statt der vereinbarten 30 Millionen. «Der Druck auf die Opec nimmt zu, die Produktion zu kürzen. Aber im Moment scheint es keinen Konsens über einen formellen Produktionsschnitt zu geben», schreibt die IEA. Wenig Hoffnung hat auch der iranische Ölminister Bijan Zanganeh: «Zum vorherigen Ölpreis zurückzukehren ist schwierig, aber wir sollten den Preis so stark verändern, wie es die neue Marktsituation erlaubt.» Zu diesem Zweck üben sich die Opec-Minister seit einigen Tagen in hektischer Reisediplomatie. Ausserdem soll das Nicht-Opec-Mitglied Russland am Wiener Treffen teilnehmen. Die meisten Opec-Länder brauchen aber die Einnahmen aus der Ölproduktion und haben wenig Spielraum, die Förderung zu senken. Einzig Saudi-Arabien könnte seine Produktion deutlich drosseln, ohne dass der Staatshaushalt in Schieflage gerät. Doch das Wüstenkönigreich hat bereits angedeutet, dass es nicht bereit ist, auf Marktanteile zu verzichten.

Verschwörung gegen Russland?

Derzeit machen zwei Verschwörungstheorien die Runde, warum Saudi-Arabien auf seinem Marktanteil beharrt: Erstere geht von einem Pakt zwischen den USA und Saudi-Arabien aus. Die beiden Länder hätten vereinbart, den Ölpreis zu drücken, um Russland und Iran zu schaden. Russland braucht einen Ölpreis von 114 Dollar und Iran einen von 136 Dollar, um den Staatshaushalt ausgleichen zu können. Der Schaden ist bereits angerichtet: Der Rubel ist dieses Jahr um knapp 40 Prozent gegenüber dem Dollar gefallen, die Wirtschaft stagniert, und der russische Präsident Wladimir Putin spricht von einem «katastrophalen Preisverfall». Derweil muss Iran auf seinen Staatsfonds zurückgreifen. Falls es den Pakt gibt, funktioniert er also bestens. Und US-Aussenminister John Kerry stellt die Existenz einer heimlichen Vereinbarung zumindest nicht in Abrede. Auf eine Frage nach nach dem Pakt sagte er: «Die Saudis sind sich sehr, sehr bewusst, dass sie die Möglichkeit haben, den Ölpreis zu beeinflussen.» Ein klares Dementi sieht anders aus.

Saudi-Arabien kontra US-Fracking

Die zweite Theorie geht von einem Preiskrieg Saudi-Arabiens gegen die US-Frackingfirmen aus. Durch einen tiefen Ölpreis sollen diese aus dem Markt gedrängt werden. In Saudi- Arabien kostet die Förderung von einem Fass Öl sechs Dollar. Für die Frackingfirmen sind die Kosten derweil sehr unterschiedlich: zwischen 40 und 100 Dollar sind es pro Fass. Die US-Bank Citigroup schreibt in einer neuen Studie, dass der Ölpreis auf 50 Dollar sinken müsste, bevor die US-Ölproduktion zurückgeht.

Trotzdem nimmt auch in der US-Öl- und -Finanzindustrie die Nervosität zu. Grund ist die Finanzierung der vielen, oft relativ kleinen Frackingfirmen. Diese haben ihre Förderpumpen zu einem grossen Teil auf Pump finanziert – mit Ramschanleihen, den Junk Bonds. Diese Anleihen zeichnen sich durch hohe Zinsen und hohes Risiko aus. Der Anteil von Energiefirmen am Markt für Junk Bonds ist in den letzten vier Jahren deutlich gestiegen, von 5 auf 15 Prozent. Ausserdem hat sich das Volumen des Junk-Bond-Markts seit 2008 verdreifacht. Die Deutsche Bank hat einen Stresstest für den Junk-Bond-Markt durchgeführt: Wenn der Ölpreis auf 60 Dollar fällt, dann droht bei knapp einem Drittel der Anleihen ein Ausfall. Und weiter: «Ein Schock dieser Grössenordnung könnte ausreichen, um eine breitere Welle an Anleihenausfällen auszulösen.»

Preisverfall stimuliert Wirtschaft

Dies ruft Erinnerungen an die Finanz- und Wirtschaftskrise wach: Im Jahr 2008 hatte der Zusammenbruch des Markts für Ramschhypotheken (Subprime-Krise) erst die Bank Lehman Brothers und dann die ganze Welt in den Abgrund gerissen. Trotzdem ist ein Vergleich mit der Subprime-Krise gewagt: Es sind heute viel weniger Ramschanleihen von Frackingfirmen ausstehend, als es Ramschhypotheken im Jahr 2008 waren. Den Käufern von Junk Bonds ist das Risiko bewusst, während viele Subprime-Hypotheken so geschickt gebündelt wurden, dass sie als mündelsicher galten. Und wegen der strengeren Regulierung der Banken nach der Krise 2008 werden weniger Ramschpapiere als früher gehalten, da die Finanzinstitute diese mit relativ viel wertvollem Eigenkapital unterlegen müssen.

Zudem stimuliert der Verfall des Ölpreises die Wirtschaft, was für die meisten anderen Junk Bonds positive Auswirkungen haben dürfte: Die US-Bank Citigroup schätzt, dass der Ölpreisverfall einem Stimuluspaket für die Weltwirtschaft von 1,5 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entspricht. Es gab also schon schlechtere Nachrichten kurz vor Weihnachten.