Insiderprozess
Hans Ziegler: Als «Sanierer der Nation» gelobt, als Insider verurteilt

Das Bundesstrafgericht verurteilt den Ex-Profiverwaltungsrat Hans Ziegler wegen Insiderhandels. Die Strafe fällt allerdings milde aus.

Roman Schenkel
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Hans Ziegler (mit Maske) und sein Anwalt vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona.

Hans Ziegler (mit Maske) und sein Anwalt vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona.

Bild: Samuel Golay/
Keystone

Hans Ziegler hatte jahrzehntelang den Ruf des Feuerwehrmannes. Er wurde gerufen, wenn es in einer Firma lichterloh brannte. Der Krisenmanager wurde etwa bei der kollabierenden Erb-Gruppe an Bord geholt, bei Interdiscount, bei der taumelnden Kleiderkette Charles Vögele, bei Swisslog, beim kriselnden Industriekonzern Oerlikon oder beim Stahlunternehmen Schmolz + Bickenbach. «Erst dort, wo eine Firma vor dem Abgrund steht, ist wirklich Kreativität gefordert», sagte damals der «Sanierer der Nation». Ein Übername, den er erhielt, obwohl er längst nicht in jedem Fall das Feuer löschen konnte.

Gestern verurteilte ihn das Bundesstrafgericht in Bellinzona zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 24 Monaten und einer Busse von 10'000 Franken. Es befand den heute 68-Jährigen wegen qualifizierten wirtschaftlichen Nachrichtendienstes, Verletzung des Geschäftsgeheimnisses sowie Insiderhandels schuldig. Auch sein Mitangeklagter Partner, ein Schweizer, der bei einem Finanzberatungsunternehmen arbeitete, wurde verurteilt. Er erhielt eine bedingte Gefängnisstrafe von 12 Monaten und eine Busse von 8000 Franken.

Hohe Börsengewinne dank Vorinformationen

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Ziegler sein Wissen als Verwaltungsrat und als Sanierer in grossem Stil missbraucht hat. Mit den vertraulichen Tatsachen der Firmen «spekulierte» er in mindestens elf Fällen mit Aktien der Unternehmen und erwirtschaftete so hohe Börsengewinne. Ziegler kaufte vor Bekanntgabe über sein Konto bei der Online-Bank Swissquote Aktien oder Derivate. Meist ging die Rechnung auf: Ziegler profitierte von der anschliessenden Kursveränderung. Während des Prozesses bezeichnete ihn der Staatsanwalt als «Senior Advisor ausser Rand und Band». Ziegler habe sich «heimlich selbst bedient». Auf 208 Seiten hatte die Anklage die Vergehen Zieglers detailliert ausgewalzt.

Neben den Börsengeschäften hat Ziegler als ehemaliger Verwaltungsrat des Industriekonzerns Oerlikon seinem Geschäftspartner insgesamt 14 Mal Informationen zum Verkauf einer ausländischen Tochtergesellschaft von Oerlikon gegeben. Per Telefon, per Mail oder per Stick. Das Passwort bei den oftmals verschlüsselten Daten stand laut Anklageschrift gern in der Betreffzeile.

Der «Sanierer» und sein Partner bildeten das perfekte Insiderduo. Ziegler war an der Quelle vertraulicher Informationen, sein Partner war Kadermann des Ablegers der internationalen Finanzberatungsfirma Lazard. Dieser hat die vertraulichen Daten dann innerhalb seiner Firma verschickt, sodass unter anderem der schwedische Ableger von Lazard informiert war. Brisant dabei: Lazard hat die schwedische Atlas Copco als Kaufinteressentin für eine deutsche Tochter von Oerlikon mit Erfolg unterstützt. Es kam 2016 tatsächlich zur Übernahme im Wert von einer halben Milliarde Franken.

Von Lazard erhielt Ziegler für seine Beratertätigkeit ein Honorar von rund 150'000 Franken ausbezahlt. Fast zwei Millionen Franken erwirtschaftete Ziegler mit seinen illegalen Tätigkeiten. Bereits 2017 hatte die Finanzmarktaufsicht (Finma) 1,4 Millionen Franken eingezogen. Ziegler rekurrierte vor Bundesverwaltungsgericht, das den Betrag zwar auf 1,28 Millionen Franken senkte. Darben muss der Ex-Manager aber nicht, sein Vermögen beläuft sich auf mehrere Millionen.

Die Staatsanwaltschaft forderte ein härteres Urteil

Der Fall Ziegler stand unter besonderer Beobachtung. Es ist der erste grosse Fall unter der 2013 verschärften Insiderstrafnorm. Es liege noch keine «etablierte» Rechtssprechung vor, schrieb die NZZ. Experten bezeichneten den Fall Ziegler deshalb als «ersten richtigen Test» für das Gesetz.

Seit 2013 ist nämlich die Bundesanwaltschaft und nicht mehr die Kantone für die Verfolgung schwerer Fälle von Insiderhandel zuständig. Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren sind möglich, wenn die erschlichenen Gewinne über eine Million Franken betragen. Damit scheint Ziegler gut wegzukommen, erfüllte sein Fall doch die Kriterien für die Maximalstrafe, welche die Staatsanwaltschaft denn auch gefordert hatte.

Das Gericht begründet dies damit, dass der Tatbestand für einen schweren Fall von wirtschaftlichem Nachrichtendienst nicht erfüllt sei, das wirke sich strafmildernd aus. Zudem sprach es den Angeklagten vom Vorwurf des Sich-Bestechenlassens frei.

Das tiefer ausgefallene Strafmass als Niederlage für die Bundesanwaltschaft zu werten oder als Zeichen, dass die Insiderstrafnorm in der Schweiz zu wenig greift, wäre aber ein falscher Schluss. Der Angeklagte wurde in den zentralen Punkten für schuldig befunden, was wichtiger für das Insidergesetz sein dürfte als die Höhe des Strafmasses. Auch dürfte die Verurteilung eines prominenten Wirtschaftvertreters abschreckende Wirkung haben.

Die Bundesanwaltschaft zeigte sich trotz Diskrepanz beim Strafmass zufrieden: «Die Bundesanwaltschaft hat dem Gericht eine umfangreiche Anklage mit vielen Sachverhalten, mehreren Tatbeständen und teilweise herausfordernden Rechtsfragen vorgelegt. Obwohl die Strafzumessung unter den Anträgen geblieben ist, ist das Urteil grundsätzlich positiv zu werten», schreibt ein Sprecher in einer Stellungnahme. Das Gericht sei mit der Verurteilung der Beschuldigten der Anklage in den meisten Punkten gefolgt. «Das Urteil ist damit weitestgehend eine Bestätigung der Arbeit der Bundesanwaltschaft.» Sie werde nun das schriftliche Urteil abwarten, daraus die richtigen Schlüsse ziehen und dann über das weitere Vorgehen entscheiden.

Ziegler und sein Anwalt wollten gemäss NZZ das Urteil nicht kommentieren.

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