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SAMSTAGSKOMMENTAR: Die Kontrolleure sehen nichts: Raiffeisen und die Post haben dasselbe Problem

In der Affäre Pierin Vincenz wird klar: Die Raiffeisenbank hat ein massives Aufsichtsproblem. Da gibt es Parallelen zum Skandal bei Postauto Schweiz, schreibt Chefredaktor Stefan Schmid.
Raiffeisen-CEO Patrik Gisel gerät in Erklärungsnot. (Bild: WALTER BIERI (KEYSTONE))

Raiffeisen-CEO Patrik Gisel gerät in Erklärungsnot. (Bild: WALTER BIERI (KEYSTONE))

Es ist schon erstaunlich, was uns Raiffeisen-Chef Patrik Gisel auftischt: Verdeckte Treuhandgeschäfte soll es da gegeben haben, von denen er, als langjährige Nummer zwei der Bank notabene, nichts mitbekommen habe. Er spricht von «neuen Verdachtsmomenten» und «krimineller Energie», die schockieren. Er sei von den Anschuldigungen gegen seinen früheren Chef Pierin Vincenz «tief betroffen» und «erschüttert». Ob Gisel schummelt, um seinen Kopf zu retten, das werden die laufenden Untersuchungen zeigen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Als Normalbürger ist man geneigt, der offiziellen Darstellung zu misstrauen. Wie kann ein Vizechef, der mit Vincenz jahrelang am selben Strick gezogen hat, plötzlich aus allen Wolken fallen? Klar ist: Raiffeisen hat offensichtlich ein massives Aufsichtsproblem. Niemand fühlte sich zuständig, dem charismatischen Vincenz auf die Finger zu schauen: Weder die Kollegen in der Geschäftsleitung noch die Damen und Herren Verwaltungsräte. Wirtschaftsprofessor Peter V. Kunz spricht deshalb von einem «amateurhaften KMU-Verwaltungsrat», der sich nie und nimmer auf Augenhöhe mit den Cracks in der Unternehmensleitung befunden habe. Er rät dringend zu einer durchschlagenden Professionalisierung.
Die Raiffeisen-Geschichte kocht wenige Tage nach Bekanntwerden des Subventionsskandals um die Postauto AG hoch. Das ist natürlich Zufall. Auch sind die beiden Affären rein sachlich unterschiedlich gelagert. Hier ein selbstherrlicher Bankchef, der sich möglicherweise persönlich bereicherte. Da ein öffentlicher Betrieb, der zu Unrecht Subventionen in Millionenhöhe erschlich. Gemeinsam ist aber das Versagen der Kontrollinstanzen. Bei Vincenz will gar niemand gemerkt haben, was vor sich geht. Und bei «Postauto» sollen sich einzig die mittlerweile gefeuerten Chefs der Postauto AG mit Schande bekleckert haben. Postchefin Susanne Ruoff hingegen wäscht ihre Hände in Unschuld, wie auch der Verwaltungsrat, an dessen Spitze CVP-Mann Urs Schwaller steht. Wer sich wo und wie allenfalls strafbar gemacht hat, wird die Untersuchung zeigen, die das Bundesamt für Polizei nun führt.

Positiv ist, dass beide Fälle aufgearbeitet werden. In Bananenrepubliken würden derlei Untersuchungen von vornherein abgewürgt oder bewusst im Sand verlaufen. In der Schweiz mit ihrem funktionierenden Rechtsstaat besteht immerhin die Hoffnung auf Aufklärung. Dennoch bleibt ein schaler Geschmack zurück. Die Affären werfen ein Schlaglicht auf eine mangelhafte Kultur des Hinsehens, des Kontrollierens, des Rechenschaftsablegens. Es drängt sich der Verdacht auf, dass diese Kultur etwas spezifisch Schweizerisches ist. In unseren kleinräumigen Verhältnissen kennt man sich in der Regel gut. Es ist üblich, dass Verwaltungsräte und Geschäftsleitungsmitglieder miteinander Essen gehen, sich duzen, oft auch privat gut befreundet sind und allenthalben friktionslos zusammenarbeiten. Das mag in vielen Fällen absolut problemlos sein. Nähe schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche Geschäftsstrategie.

Doch wo das Vertrauen in Blindheit umschlägt, wo Regeln der Corporate Governance missachtet und keine unangenehmen Fragen gestellt werden, wo sich ehrgeizige Chefs verselbstständigen und mit Jasagern und Claqueuren umgeben, wo Kontrollierte und Kontrolleure gemeinsam Kuchen backen, da nimmt die Gefahr des Missbrauchs exponentiell zu. Gelegenheit macht Diebe – auf welcher Stufe auch immer.

Im Fall Postauto sind die Steuerzähler geschädigt worden. Es geht um fast 80 Millionen Franken. Raiffeisen kämpft um ihren Ruf als solide Bank für Kleinsparer. Wahrlich keine Bagatellen. Effiziente Aufsichtsorgane, ob in der Privatwirtschaft oder bei staatsnahen Betrieben, sind das Schmiermittel einer funktionierenden Marktwirtschaft. Ihr Versagen liegt nie im allgemeinen Interesse.

Stefan Schmid


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