Rolls-Royce erneuert sich

LONDON. Weniger Manager und bessere Kommunikation sollen den Turbinenbauer Rolls-Royce aus der Krise bringen. Das britische Traditionsunternehmen ist auch am Bodensee aktiv.

Sebastian Borger
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Ein Schiffspropeller von Rolls-Royce, 33 Tonnen schwer, mit sieben Metern Durchmesser und einer Motorleistung von 50 000 PS. (Bild: Gary Marshall/Rolls-Royce plc)

Ein Schiffspropeller von Rolls-Royce, 33 Tonnen schwer, mit sieben Metern Durchmesser und einer Motorleistung von 50 000 PS. (Bild: Gary Marshall/Rolls-Royce plc)

Die Krise des britischen Turbinenbauers Rolls-Royce (RR) dauert an. Dem Weltkonzern stehen im Rahmen einer erheblichen Umstrukturierung «schmerzhafte Veränderungen» bevor. Das sagte Firmenchef Warren East vergangene Woche in London. Der seit Juli amtierende Chef will Hierarchien abbauen, Fixkosten reduzieren und Entscheide transparenter machen. Die Firmenleitung steht unter hohem Druck von Grossaktionären. Erst kürzlich hat der US-Hedge-Fonds Value Act seinen Anteil an RR auf 10% aufgestockt und Ansprüche auf einen Sitz im Aufsichtsrat angemeldet. Dadurch erhalten bestehende Forderungen mehr Gewicht, der Konzern solle sich auf Flugzeugmotoren konzentrieren und die Marine-Sparte (unter anderem Schiffsturbinen) abstossen.

RR musste diesen Monat die fünfte Gewinnwarnung binnen zweier Jahre veröffentlichen. Die Aktie ist in diesem Zeitraum um über die Hälfte gefallen. Easts Strategie zielt auf einen klaren Zeitplan für einzelne Reformschritte. Während der Chef im August den neuen Grossaktionär Value Act noch als «opportunistisch» denunziert hatte, stehen die Zeichen jetzt auf konstruktive Kooperation. Die Amerikaner haben das RR-Management selbst wie auch andere Aktionäre mit ihrer Detailkenntnis des Unternehmens überrascht.

Triebwerke für Superjumbos

Der Konzern mit weltweit gut 54 000 Mitarbeitenden, darunter 15 500 Ingenieure, hat mittel- und langfristig gute Perspektiven. Die Auftragsbücher weisen Turbinen, Motoren und Dienstleistungen für globale Firmen und Streitkräfte im Wert von umgerechnet 118 Mrd. Fr. aus. Darin enthalten ist das grösste Geschäft in der 109jährigen Unternehmensgeschichte: Im April bestellte die arabische Airline Emirates bei RR Triebwerke für 50 neue Superjumbos des Typs Airbus A380. Vergangenes Jahr lag der Umsatz bei 21,5 Mrd. Fr., der Vorsteuergewinn ging um 8% auf 2,36 Mrs. Fr. zurück. Gleichzeitig investierte RR 1,85 Mrd. Fr. in Forschung und Entwicklung.

Tochter in Friedrichshafen

Die frühere Firmenleitung hatte sehr stark auf besonders grosse Passagierjets, wie den A380, gesetzt und darüber die Entwicklung neuer Motoren für kleinere Flugzeuge vernachlässigt. Das rächt sich jetzt, weil Airlines diesen Flugzeugtyp bevorzugen. Zudem könnte eine Korruptionsaffäre, in der die britische Betrugsbehörde SFO ermittelt, hohe Kosten verursachen.

Der niedrige Ölpreis hat die Nachfrage nach Bauteilen und Motoren im Offshore-Energiegeschäft in den Keller fallenlassen. Das defizitäre Marine-Geschäft mit Sitz im norwegischen Bergen ist vielen Analysten seit langem ein Dorn im Auge. Allerdings wäre angesichts der Wirtschaftslage ein Käufer wohl nur schwer zu finden. Zur Sparte Land & Sea gehören auch die Fertigung von Bauteilen für die Atomindustrie und die Tochter RRPS mit Sitz in Friedrichshafen. Die ehemalige Tognum AG mit der traditionsreichen Tochter MTU fertigt dezentrale Energieanlagen und Dieselmotoren für Schiffe.

«Zwei schlimme Jahre»

Mit dem jüngsten Update signalisiert East auch etwas mehr Offenheit in der bisher eher verschlossenen Kommunikation von RR. Das stiess auf Unverständnis in der City of London, deren auf schnelle Gewinne getrimmte Marktteilnehmer in eine tiefere Analyse eines in Jahrzehnten denkenden Ingenieurunternehmens selten genug Zeit stecken. Eine Ausnahme ist Howard Wheeldon. Der unabhängige Analyst prophezeit «zwei schlimme Jahre», zeigt aber Vertrauen in die neue Leitung. East werde «ohne Zögern anpacken, was getan werden muss». Dazu zählt Wheeldon eine erhebliche Reduktion des Managements. Hingegen müssten sich die Ingenieurabteilungen nicht sorgen.