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Interview

Roche-CEO über Digitalisierung: «Ich halte nichts von Angstmacherei»

Roche-Präsident Christoph Franz sagt, dass sich seine Mitarbeiter nicht vor dem digitalen Wandel fürchten sollen. Sein Unternehmen will die Angestellten dabei unterstützen.
Andreas Möckli
Roche-Präsident Christoph Franz (58). (Bild: Simon Dawson/Bloomberg (Davos, 19. Januar 2017))

Roche-Präsident Christoph Franz (58). (Bild: Simon Dawson/Bloomberg (Davos, 19. Januar 2017))

Christoph Franz, die geopolitischen Entwicklungen werden immer schwerer berechenbar. Der rekordlange Shutdown in den USA oder ein drohendes Brexit-Chaos in Grossbritannien sind einige Stichworte dazu. Was heisst das für einen global tätigen Konzern wie Roche?

Wir müssen immer wieder überprüfen, wie sich diese Themen auf unser Kerngeschäft auswirken. Viele davon sind für Roche nicht relevant. Das Auftreten von Krankheiten hängt nur wenig mit den wirtschaft­lichen Entwicklungen zusammen.

Der Brexit dürfte Sie jedoch direkt betreffen.

Auch wenn ich den Brexit insgesamt für eine unglückliche Entwicklung halte, müssen wir vor allem sicherstellen, dass alle Patientinnen und Patienten in Grossbritannien Zugang zu unseren Medikamenten und Diagnostika haben.

Wie sehen die Vorbereitungen von Roche konkret aus, vor allem wenn es zu einem vertragslosen Brexit kommt?

Wir haben uns vorsorglich aufgestellt, unabhängig davon, wie sich der Austritt des Landes tatsächlich abspielen wird. Wir haben bereits Lagerbestände für unsere Medikamente aufgebaut. Gleichzeitig verfügen wir über entsprechende Lieferketten, welche die Versorgung in den Monaten nach dem Brexit sicherstellen.

Wird die Politik immer weniger zu einem verlässlichen Partner für die Wirtschaft?

Das sehe ich nicht so. Die Politik ist ein Partner der Wirtschaft. Natürlich stösst nicht jede politische Entscheidung bei der Wirtschaft auf ungeteilten Jubel. Für uns sind stabile Rahmenbedingungen wichtig, damit wir uns darauf einstellen können und langfristige Entscheidungen treffen können, etwa bei der Wahl eines Standorts.

Viele Menschen haben den Eindruck, mit dem Tempo der Globalisierung sowie Digitalisierung nicht mehr Schritt zu halten, und sehen sich wirtschaftlich zunehmend abgehängt. Was kann, was muss die Wirtschaft dagegen tun?

Ich halte nichts von Angstmacherei. Oft wird der Eindruck vermittelt, dass sich mit der Digitalisierung die Arbeitswelt für alle komplett verändert. Ich glaube nicht, dass dies der Fall ist. Das heisst nicht, dass es gar keine Veränderungen geben wird. Unsere Aufgabe als Unternehmen ist es, diesen Wandel mitzugestalten und ihn sozial verträglich zu machen. Dabei sollen möglichst alle Bevölkerungsgruppen mitgenommen werden.

Was heisst das für Roche?

Wir wollen sicherstellen, dass unsere Mitarbeitenden die nötigen Kenntnisse erwerben. Das tun wir beispielsweise mittels internen Trainings. Auch bei uns verfügen nicht alle über ein grosses ­digitales Know-how. Im Vergleich zu früheren industriellen Revolutionen ­besteht ein grosser Unterschied. Im 19. Jahrhundert verschwanden bestimmte Berufsprofile. Dafür kamen jüngere Generationen nach, die mit neuen Erkenntnissen aus den Schulen und Hochschulen gekommen sind.

Und das wird heute nicht mehr möglich sein?

Das glaube ich nicht. Die meisten von uns werden in ihrem Berufsleben gezwungen sein, neue Fähigkeiten zu erwerben. Dabei tragen wir als Unternehmen eine grosse Mitverantwortung, diesen Prozess des lebenslangen Lernens zu begleiten. Das können wir nicht wie bei der Erstausbildung traditionell dem Staat überlassen.

Gleichzeitig üben Gewerkschaften Kritik, dass die Wirtschaft genau hier noch zu wenig macht.

Ich glaube schon, dass wir uns nicht nur intensivere Gedanken machen, sondern dies auch in konkrete Projekte umsetzen müssen. Wir verfügen über betriebliche Ausbildungsprogramme, die neue Inhalte mit aufnehmen. Das ist ein Entwicklungsprozess wie bei der staatlichen Ausbildung. Allein die Diskussion darüber ist wichtig.

Das alleine reicht jedoch nicht.

Absolut. Wir dürfen nicht nur darüber reden, sondern es muss auch tatsächlich etwas passieren. Wir versuchen ja eben, mit modernen Ausbildungskonzepten hier anzusetzen. Wir sollten aber den Eindruck vermeiden, dass auf die Mitarbeitenden eine Entwicklung zukommt, mit der sie nicht mehr fertig werden. Es betrifft letztlich alle, auch mich. Ich bin nicht gerade das, was man einen Digital Native nennt. Wenn ich mich zu Hause mit meinen Kindern vergleiche, habe ich noch einen gewissen Nachholbedarf. Das kann aber auch Spass machen.

Bei Roche ist es insbesondere in der Produktion aber schon so, dass immer mehr automatisiert wird. Da müssen die Mitarbeiter befürchten, dass es sie künftig nicht mehr oder weniger braucht.

Die Produktion kann nie vollständig automatisiert werden, da der Produktionsprozess immer irgendwo gesteuert werden muss. Wir verfügen bereits heute über eine hoch automatisierte Herstellung von Medikamenten. Das ist aber gar nicht so stark mit dem Ziel verbunden, mit möglichst wenig Mitarbeitenden auszukommen.

Sondern?

Es hat viel mit den Hygienevorschriften der Arzneimittelbehörden zu tun. Diese erfordern, dass ein Medikament in der Produktion möglichst wenig mit dem Menschen in Berührung kommt. Mit Automatisierung erreichen wir eine Zuverlässigkeit und einen Hygienestandard, den wir durch eine manuelle ­Bearbeitung nicht schaffen. Im Zweifelsfall sind solche Aufgaben für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch gar nicht so attraktiv. Wenn ein Mitarbeiter etwa Ampullen optisch darauf prüfen muss, ob sie nicht verunreinigt sind, so kann ich mir spannendere Aufgaben vorstellen.

Trotz aller Irrungen: In der US-Politik besteht bei den Medikamentenpreisen zumindest ansatzweise Konsens bei Republikanern und Demokraten. Die einst starke US-Pharmalobby schwächelt dagegen. Was heisst das für Roche?

Wir beobachten die Situation sehr genau. Die USA sind mit Abstand unser grösster Markt. Unsere US-Tochter Genentech gehört zu den grössten Biotechfirmen des Landes und ist einer der grössten Steuerzahler. Wir sind stark in die Gespräche über die Reformen des Gesundheitswesens und natürlich auch über die Preisfestsetzung von Medikamenten involviert. Wir wollen mithelfen, Lösungsvorschläge für Probleme zu entwickeln, die im US-Gesundheitswesen bestehen. Dabei müssen wir aufpassen, dass diese Reformen es uns nicht verunmöglichen, im gleichen Masse in Forschung und Entwicklung zu investieren wie bisher.

Aber es scheint so, dass die USA nicht mehr länger bereit sind, die Forschung und Entwicklung teurer Medikamente für andere Länder querzufinanzieren.

Es gab tatsächlich Vorschläge, die rigideren Preisregulierungen Europas in die USA zu übertragen. Dabei wird aber ausser Acht gelassen, dass sich das US-Gesundheitssystem stark von jenem in Europa unterscheidet. In den USA sind die Wahlmöglichkeiten der Patienten viel grösser, etwa wenn ich an den Versicherungsschutz denke. Ich wäre daher ganz vorsichtig, nur ein Element des Systems isoliert zu reformieren.

Doch der Druck auf die Preise hält an.

Letztlich sind alle Länder aufgerufen, innovative Medikamente im Rahmen ihrer Preisbildung zu belohnen. Da sehen wir in einzelnen Ländern in Europa Nachholbedarf. In den USA ist der Wille zur Innovation unglaublich gross. Das Land ist gleichzeitig sehr entschlossen, diese neuen Arzneimittel den Patienten sehr rasch zur Verfügung zu stellen.

Aber sicher verfügen Sie über ­Szenarien, sollten die Preise in den USA tatsächlich deutlich sinken.

Selbstverständlich werden wir mit jedem neuen Szenario in irgendeiner Form fertig werden. Ob es dann nur um technische Anpassungen geht oder die Forschung und Entwicklung zurückgefahren werden muss, wissen wir noch nicht. Letzteres hätte im Übrigen auch Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze in den USA.

Kommen wir zur Schweiz. Hier ist das politische System stabil, dennoch tut sich das Land mit Reformen schwer. Für Sie steht die Reform der Unternehmenssteuern im Zentrum. Wann ist Ihre Geduld aufgebraucht?

Wir sind stolz und zufrieden, unsere Wurzeln in der Schweiz zu haben. Wir halten das Land für einen sehr guten Standort. Die hiesige Politik hat es wiederholt geschafft, vernünftige Lösungen durchzubringen, selbst wenn die Diskussionen zeitweise sehr hitzig sind. Wenn es um Entscheide geht, die für uns von grosser Relevanz sind, müssen wir auch mögliche Konsequenzen darlegen.

Was wären denn die Konsequenzen, wenn sich die Steuerreform weiter hinzieht?

Derzeit haben wir noch keinen Zustand, wo wir seitens der EU konkret spürbar abgestraft werden, weil wir uns nicht an die Standards der OECD angepasst haben. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu spekulieren, was passieren würde, sollte sich die Steuerreform weiter verzögern. Ich glaube, dass es zu vernünftigen Lösungen kommen wird.

Sie sagten in einem Interview, wenn es kein Rahmenabkommen mit der EU gäbe, würde Roche andere Standorte zu Lasten der Schweiz ausbauen. Das Abkommen scheint kaum mehrheitsfähig.

Für uns ist entscheidend, dass wir auch unter neuen Rahmenbedingungen ungehinderten Zugang zur EU haben. Ich bin sehr zurückhaltend und skeptisch, ob die Schweiz durch allfällige Neuverhandlungen ein besseres Resultat erreichen wird. Stabile Beziehungen zur EU erreichen wir am schnellsten, wenn wir das Rahmenabkommen unterzeichnen.

Sie sind für das Abkommen?

Ja, ich unterstütze es aus einer Roche-Perspektive klar.

Zur Person

Christoph Franz ist seit knapp fünf Jahren Präsident von Roche. Er ist unter anderem auch Stiftungsrat der Zuger Ernst-Göhner-Stiftung und des Lucerne Festival. Zuvor war der 58-Jährige für die Deutsche Bahn, Lufthansa und deren Tochter Swiss tätig. Franz lebt in Zürich.

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