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«Rien ne va plus»: Nach Casino-Konkurs stehen in Campione d'Italia 486 Angestellte auf der Strasse

Die italienische Enklave Campione d’Italia am Luganersee steht nach der Schliessung der Spielbank am Abgrund. 486 Spielbank- und 86 Gemeindeangestellte stehen auf der Strasse – verbittert und ratlos.
Gerhard Lob, Campione d’Italia
Blick auf das Casino von Campione d’Italia. (Bild: Udo Bernhart/AFP (August 2017))

Blick auf das Casino von Campione d’Italia. (Bild: Udo Bernhart/AFP (August 2017))

Der Schock sitzt tief. Die Stimme von Rosy Bianchi zittert, wenn sie über den 27. Juli spricht. An diesem Freitag tauchten die Gerichtsvollzieher in der Spielbank von Campione d’Italia auf. Die Beamten des Konkursamtes von Como schickten die Angestellten und Kunden nach draussen. Es war 13.30 Uhr. Kurz darauf waren alle Eingänge versiegelt. Das spielerische «Rien ne va plus» war bitterer Ernst geworden. Eine der grössten Spielbanken Europas: Geschlossen wegen Konkurs.

Vier Wochen sind mittlerweile vergangen. Auf dem Parkplatz vor dem gigantischen Spielbankgebäude neben dem Municipio haben die Angestellten eine Mini-Zeltstadt aufgebaut. Hier wird Kaffee und Kuchen angeboten, am Mittag gemeinsam gekocht. «SOS Campione is dead» heisst es etwa auf einem Spruchband. Oder: «Ridateci il casinò» (Gebt uns die Spielbank zurück).

Ein gewaltiger Schuldenberg

Viele Personen tragen weisse T-Shirts mit der Aufschrift #salviamo Campione (Retten wir Campione). «Es ist ein unglaubliches Drama für uns, unsere Familien und das ganze Dorf», so Rosy Bianchi, Präsidentin des Betriebsrats. Seit etlichen Jahren arbeitete sie als Croupier im Casinò Municipale, einer Spielbank mit langer Geschichte. 1933 war diese auf Betreiben von Benito Mussolini wiedereröffnet worden, nachdem sie zuvor nur zwischen 1917 und 1919 in Betrieb war. Nur einmal, 1983, war sie wegen einer Mafia-Affäre schon mal kurz geschlossen.

Doch nun ist vollkommen unklar, wie es weitergeht. 486 Angestellte der Spielbank wurden vor die Tür gesetzt. Viele weitere Menschen sind betroffen, etwa Putz- oder Unterhaltsequipen. Die Hoffnung, dass die Spielbank nach einigen Tagen wiedereröffnen würde, hat sich zerschlagen. Ein gewaltiger Schuldenberg von 132 Millionen Euro (zirka 155 Millionen Franken) lastet auf der Institution. Bei einer Bürgerversammlung im Januar hatte Gemeindepräsident Roberto Sal­moiraghi zwar «Blut und Tränen» angekündigt, um Campione zu retten. Doch niemand rechnete mit einem solchen Ende.

Leonardo Pace arbeitet seit 20 Jahren in der Spielbank, davon 16 als Croupier. Wie viele seiner Kollegen wohnt er im Tessin, hat dort ein Haus gekauft, fährt zur Arbeit nach Campione. Er macht sich grosse Sorgen, die Hypothek nicht mehr bezahlen zu können. «Wir fühlen uns einfach von allen im Stich gelassen», sagt er. Offiziell entlassen oder gekündigt sind sie nicht. Damit gibt es auch kein Anrecht auf Arbeitslosengeld. Aber das will hier sowieso niemand. Alle wollen so schnell wie möglich wieder arbeiten. Vor der Präfektur in Como und dem Sitz der Region Lombardei in Mailand hat man schon protestiert. «Alle sind nett und freundlich, aber niemand interessiert sich wirklich für unser Schicksal», moniert Pace. Jetzt setzt man Hoffnungen auf die Zentralregierung in Rom, die einen Verwalter entsenden könnte. Doch in Rom sind im August alle in den Ferien. Und Tragödien wie der Brückeneinsturz in Genua absorbieren die öffentliche Aufmerksamkeit.

Das Schicksal der Spielbank und dasjenige der Gemeinde sind unmittelbar verwoben. Oh­ne Spielbank hat die Gemeinde keine Einkünfte. Die Steuereinnahmen von natürlichen Personen der 2000-Seelen-Gemeinde, in der 200 Russen und viele Pensionäre leben, reichen nicht, um den aufgeblähten Beamtenapparat des Dorfes am Leben zu halten. Die Gemeinde hat daher gerade 86 von 102 Angestellten entlassen beziehungsweise in den so genannten «Mobilitätsstatus» versetzt, der bei Massenentlassungen geltend gemacht werden kann. Bei der Gemeindepolizei bleiben so nur noch 2 von 22 Beamten übrig. Der Kindergarten, den 50 Kinder besuchen, wird nach den Sommerferien nicht mehr geöffnet. Neun Angestellte sind betroffen. Geschlossen wird auch das Tourismus­büro. Dienstleistungen wie die Versorgung von Senioren sind akut gefährdet.

Konkurrenz wittert Chancen

«Die Lage ist dramatisch», sagt eine der entlassenen Gemeindeangestellten. Sie wisse nicht mehr, wie sie die Rechnungen bezahlen könne. Und eine Deutsche, die seit vielen Jahren in Campione d’Italia wohnt, klagt: «Wir erhalten keinerlei offizielle Informationen – unglaublich.» Den Zeitungen konnten die Bürger entnehmen, dass es nun einen Rekurs gegen den Entscheid des Konkursamtes gibt, bezahlt von (nicht näher definierten) Privaten, weil die Gemeinde kein Geld hat. Vielleicht kann so erreicht werden, dass die Schliessung des Casinò Municipale aufgehoben wird.

«Sicher ist: Ohne die Spielbank läuft hier gar nichts», sagt der Leiter der Bar Campione. Die Immobilienpreise sind bereits in den Keller gegangen. Manche fordern nun einen Anschluss Campiones an die Schweiz. Aufgetaucht ist auch der Vorschlag einer Klinikgruppe, das von Mario Botta gebaute Spielbankgebäude in ein Spital und in Privatwohnungen zu konvertieren.

Solche Perspektiven sind für die suspendierten Spielbankangestellten Gift. Sie wollen zurück an die Spieltische, denken gar über eine Kooperative nach, um den Betrieb in Eigenregie laufen zu lassen. Derweil ärgern sie sich über andere Spielbanken, die aus ihrer Situation Profit zu schlagen versuchen. Das Casino von St. Moritz wirbt in einem Video etwa einleitend mit dem Konkurs von Campione, um Spieler ins kühle Engadin zu ­locken. Bei den Campionesi kommt das gar nicht gut an: «Mit den Schicksalsschlägen von anderen sollte man nicht spielen.»

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