RENTEN: «Eine traurige, eine schwache Reform»

UBS-Vorsorgeexpertin Veronica Weisser kann dem Fortgang der Altersreform wenig abgewinnen: Die anvisierten Erhöhungen der AHV und der Mehrwertsteuer belasteten vor allem Geringverdiener.

Martin Sinzig
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Veronica Weisser, die Einigungskonferenz des Bundesparlaments ist weitgehend auf die ständerätliche Version eingeschwenkt. Ihr Urteil?

Es ist eine schwierige Vorlage. In der zweiten Säule, bei den Pensionskassen, geht man zwar den richtigen Weg, man senkt den Umwandlungssatz, man will sparen, um die Renten zu sichern. In der ersten Säule, der AHV, wird aber die falsche Richtung ein­geschlagen. Obwohl man jetzt schon weiss, dass die Renten in absehbarer Zeit nicht mehr bezahlbar sind, will man sie noch erhöhen.

Neurentner sollen 70 Franken mehr AHV-Geld pro Monat bekommen. Warum halten Sie das für eine Schnapsidee?

Mir fällt es sehr schwer, auch nur eine Perspektive zu finden, aus der diese Rentenerhöhung Sinn macht. Das Volk hat mit der Ablehnung der AHVPlus-Initiative ausgedrückt, dass es versteht, dass die AHV nicht solide finanziert ist. Sind die 70 Franken ein Ausgleich für Anpassungen in der zweiten Säule? Kaum, denn für die Gutverdienenden sind die 70 Franken eine pure Rentensteigerung. Die Geringverdiener stehen hingegen schlechter da, weil sie einerseits in Zukunft eine höhere Mehrwertsteuer hinnehmen müssen. Andererseits werden die steuerfreien Ergänzungsleistungen um 70 Franken gekürzt, aber auf die 70 Franken Zusatzrente müssen Steuern gezahlt werden.

Die Mehrwertsteuererhöhung, die zur Finanzierung der AHV herangezogen wird, ist aus Ihrer Sicht eigentlich systemfremd. Warum?

Wir wissen heute schon, dass 27 Prozent der Ausgaben der AHV nicht über die Beiträge, sondern über Steuern gedeckt werden. Der Mehrwertsteuerbeitrag erhöht jetzt diesen Anteil. Damit werden gerade die Falschen erwischt. Es ist eine progressive Steuer, das heisst junge Familien und Geringverdiener zahlen anteilig an ihrem Lohn viel mehr Mehrwertsteuern als Menschen mit höheren Löhnen. Das ist sicherlich keine Umverteilung im Sinne einer klassischen linken Politik, welche die Schwächeren schützen und von Wohlhabenden mehr Beiträge verlangen will.

Es geht also um höhere Steuern, um einen Ausbau des Staats. Andererseits fällt der Interventionsmechanismus einer Erhöhung des Rentenalters auf 67 weg.

Das wäre die einzige mutige Massnahme gewesen. Wenn man sich fragt, was die Politik dem Volk zutraut, dann muss man sagen, dass diese Reform eine traurige, eine schwache Reform geworden ist. Die Politik macht es sich aus meiner Sicht ein bisschen zu einfach, indem sie sagt, das Volk würde eine Erhöhung des Rentenalters nicht hinnehmen. Vielmehr wäre es Aufgabe der Politik, das Volk aufzuklären, zu erklären, warum wir das brauchen und was die Folgen sind, wenn das Rentenalter nicht auf über 65 ansteigt.

Welche Folgen sind das?

Entweder sind wir ärmer im Rentenalter oder in jungen Jahren oder beides. Diese Wahl haben wir. Wenn wir aber gesünder sind im Alter, dann gibt es auch spannende Möglichkeiten, länger zu arbeiten. Es ist eine verpasste Chance, wenn man es dem Volk nicht zutraut, dies zu verstehen.

Andere Länder gehen in diese Richtung.

In allen Vergleichsländern ist schon entschieden, dass das Rentenalter steigt, oder es ist schon angestiegen. In Japan liegt das effektive Rentenalter bereits bei 69. Doch die Schweiz mit der fast höchsten Lebenserwartung der Welt traut es sich noch nicht zu, diesen Schritt zu gehen. Ich höre es so häufig von Personen nahe am Rentenalter, dass sie noch gerne weiterarbeiten, etwas beitragen möchten oder könnten. Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Gesellschaft Modelle finden werden, um für solche Leute spannende Stellen zu schaffen.

Interview: Martin Sinzig