Renault rebelliert gegen die Pariser Regierung

PARIS. Wer hat bei Frankreichs Grosskonzernen wirklich das Sagen? Diese Frage steht im Hintergrund eines Konflikts, der die Pariser Wirtschaftskreise seit Tagen umtreibt – und der langsam einem Höhepunkt zutreibt. Am 30.

Stefan Brändle
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PARIS. Wer hat bei Frankreichs Grosskonzernen wirklich das Sagen? Diese Frage steht im Hintergrund eines Konflikts, der die Pariser Wirtschaftskreise seit Tagen umtreibt – und der langsam einem Höhepunkt zutreibt. Am 30. April muss der Autobauer Renault an der Generalversammlung (GV) entscheiden, ob er seinen Langzeitaktionären mehr Stimmrechte einräumen will.

Das sieht jedenfalls ein neues französisches Gesetz vor, das «Loi Florange»: Aktionäre, die ihre Anteile an einem französischen Grossunternehmen mehr als zwei Jahre gehalten haben, werden mit der Verdoppelung ihrer Stimmrechte belohnt. Falls das Unternehmen dagegen ist, muss es an einer GV eine Zweidrittelmehrheit hinter sich scharen, sonst gilt die neue Regelung.

Unerfülltes Wahlversprechen

Die französische Regierung will Anlegern mit dieser Regelung zusätzliche Anreize geben, nicht nur den schnellen Gewinn zu suchen, sondern langfristig zu investieren und dem betreffenden Unternehmen damit auch eine Langzeitperspektive zu ermöglichen. Anlass für das Gesetz war ein unerfülltes Wahlversprechen: Präsident François Hollande war es misslungen, das lothringische Stahlwerk Florange des indischen Konzerns Arcelor Mittal zu retten. Um sein Gesicht zu wahren, setzte er ein Gesetz durch, das unter anderem die Langzeitaktionäre stärkt. Von den 40 Konzernen des Pariser Börsenindexes CAC 40 haben bereits 22 das System der doppelten Stimmrechte akzeptiert. Mehr und mehr wird aber auch Kritik laut, das Gesetz schrecke ausländische Investoren ab.

Patron Carlos Ghosn in Rage

Mittlerweile planen 14 weitere Konzerne Resolutionen zum Verzicht auf die doppelten Stimmrechte. Hollande und Wirtschaftsminister Emanuel Macron befürchten eine Widerstandsfront gegen das «Loi Florange». Bei Renault liessen sie den Staatsanteil von 15% auf 19,7% erhöhen. Die Regierung will damit eine Zweidrittelmehrheit der widerspenstigen Aktionäre verhindern; nach der GV soll der zugekaufte Anteil angeblich wieder abgestossen werden.

Dieses Vorgehen verärgert Carlos Ghosn, der als Chef von Renault und des japanischen Partners Nissan per Telefon vom Aktienkauf durch den Staat informiert wurde. Er befürchtet, dass die fragile Allianz mit Nissan leiden könnte, wenn sich die Regierung doppelte Stimmrechte zuschanzt: Die Japaner halten 15% an Renault, verfügen aber über keinerlei Stimmrechte. Daher lehnt Renaults Verwaltungsrat die doppelten Stimmrechte in einer Resolution ab. Die Abstimmung darüber an der GV vom 30. April scheint offen. 60% der Aktien sind in Streubesitz.