RAIFFEISEN: Schonungslose Aufarbeitung der Affäre Vincenz

Unabhängige Ermittler unter der Leitung von Bruno Gehrig nehmen Raiffeisen Schweiz unter die Lupe. Im Zentrum stehen die zahlreichen Beteiligungskäufe seit 2005.

Stefan Borkert
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Am Hauptsitz von Raiffeisen Schweiz in St. Gallen werden Vorgänge rund um die Tätigkeiten von Ex-Chef Pierin Vincenz durchleuchtet. (Bild: Benjamin Manser)

Am Hauptsitz von Raiffeisen Schweiz in St. Gallen werden Vorgänge rund um die Tätigkeiten von Ex-Chef Pierin Vincenz durchleuchtet. (Bild: Benjamin Manser)

Stefan Borkert

Noch immer sitzt der ehemalige langjährige Raiffeisen-Chef ­Pierin Vincenz in Untersuchungshaft. Sie dauert bereits seit ­Anfang März. Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft ermittelt gegen Vincenz wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung. Vincenz soll bei Firmenübernahmen im Umfeld Raiffeisens und der Kreditkartengesellschaft Aduno möglicherweise ein Doppelspiel gespielt und persönlich abkassiert haben.

Unterdessen will die drittgrösste Bank der Schweiz Vertrauen von Kunden zurückgewinnen und ihr Image aufpolieren. Dafür sind nun unabhängige ­Ermittler auf den Plan gerufen worden, die interne Untersuchungen anstellen sollen. Die Leitung ist dem ehemaligen Swiss-Life-Präsidenten Bruno Gehrig übertragen worden. Er wird unterstützt von der Zürcher Anwaltskanzlei Homburger.

Gehrig ist ein Mann mit Gewicht am ­Finanzplatz. Schliesslich war er Mitglied der Eidgenössischen Bankenkommission, einer Vorläuferin der Finanzmarktaufsicht, Mitglied im Direktorium der Schweizer Nationalbank, Verwaltungsrat bei der UBS. Aktuell ist er Verwaltungsrat der Bank Maerki Baumann, der Investec Bank und der Zürcher Wirz-Gruppe. Der in Rorschach geborene Wirtschaftsprofessor verspricht Unabhängigkeit und ­schonungslose Aufklärung bei seinen Untersuchungen. In einem Schreiben heisst es: «Meiner Rolle kommt eine besondere Bedeutung zu, da auch der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung Teil des Prüfgegenstandes sind. Ich werde die Resultate der Untersuchung unabhängig und ohne Rücksicht auf interne Betroffenheit würdigen können.» Und Gehrig fährt fort: «Dank meiner langjährigen Erfahrung sowohl im operativen als auch im strategischen Unternehmensumfeld weiss ich, wie Unternehmen funktionieren. Das ist für diesen Auftrag besonders wichtig, da viele Fragestellungen Corporate-Governance-Themen und nicht rein juristische Fachgebiete betreffen werden.» Und schliesslich betont Gehrig, dass er hoffe, einen Beitrag leisten zu können, damit «die Vergangenheit schonungslos aufgearbeitet werden kann».

Verwaltungsrat hält zu Patrik Gisel

Ob es bei Lippenbekenntnissen und vollmundigen Ankündigungen bleibt, das wird der Untersuchungsbericht aufzeigen. Immerhin hat Raiffeisen schon zuvor drei Gutachten erstellen lassen, um Firmenbeteiligungen unter Chef Vincenz zu untersuchen. Zu grösseren Konsequenzen kam es dabei aber nicht. Die neuerliche Untersuchung betrifft nun auch die Rolle des aktuellen Chefs und vormaligen Stellvertreters von Vincenz, Patrik Gisel. Der begeisterte Triathlet kennt sich mit Ausdauer und Durchhaltewillen aus. Bislang rüttelt der Verwaltungsrat nicht an seiner Position. Auf Anfrage teilt Raiffeisen Schweiz mit, der interimistische Verwaltungsratspräsident Pascal Gantenbein habe bei seinem Amtsantritt an der Medienkonferenz vom 9. März mehrfach betont, dass gegen Gisel bis dato nichts vorliege und dass der Verwaltungsrat ihm deshalb das Vertrauen ausspreche. «Daran hat sich bis jetzt nichts geändert.»

Bei Raiffeisen ist man sich ­sicher, dass Gehrig als Chefermittler die Unabhängigkeit der Untersuchung gewährleistet. Er nehme auch die Wertung und Würdigung der Resultate vor, was maximale Objektivität garantiere. Und weiter erklärt Raiffeisen-Sprecherin Angela Rupp: «Als Anwaltskanzlei hat Homburger bis anhin wenige Berührungspunkte zu Raiffeisen gehabt und verfügt deshalb über grösstmögliche Unabhängigkeit.» Für operative Aspekte wie das Sammeln und Auswerten von Daten und deren Aufbereitung habe man sich entschieden, zusätzliche Ressourcen beizuziehen. Über die Kosten der internen Untersuchung mochte Rupp keine Angaben machen. Und nein, betont sie, die Einleitung der neuerlichen Untersuchung sei keine Reaktion auf die Vorwürfe, der Verwaltungsrat sei zu schwach: «Ziel der unabhängigen Untersuchung ist es, ein vollständiges Bild der Ära Vincenz zu erhalten.» Indem die Vergangenheit konsequent aufgearbeitet und volle Transparenz über das Resultat der Untersuchungen geschaffen werde, trage dies dazu bei, das Vertrauen in Raiffeisen Schweiz zu stärken, so die Mediensprecherin. Dazu ­gehöre auch die Beleuchtung der Rollen von Organen und des ­Managements seit dem Jahr 2005, als Pierin Vincenz Chef von Raiffeisen Schweiz wurde.

100 Beteiligungen auf dem Prüfstand

Im Zentrum der Untersuchung stehe ausserdem die Frage, ob es beim Erwerb von Beteiligungen durch Raiffeisen Schweiz oder ihrer Tochtergesellschaften seit 2005 zu Unregelmässigkeiten ­gekommen sei. Zu diesem Zweck würden alle rund 100 Beteiligungen wie Leonteq, Avaloq, Investnet oder das Nicht-US-Geschäft Wegelins, die in diese Zeitspanne fallen, einer Risikoanalyse unterzogen und gegebenenfalls detailliert analysiert, schreibt Raiffeisen.

Mediensprecherin Rupp ergänzt, dass Unternehmen und Transaktionen, welche im Rahmen der Strafuntersuchung der Staatsanwaltschaft Zürich direkt untersucht werden, von dieser Untersuchung ausgenommen seien. Die Finma konzentriere sich auf die Beteiligung Investnet. Die interne Untersuchung beleuchte alle übrigen Beteiligungskäufe und Transaktionen seit 2005. Laut Gantenbein soll die Untersuchung bis Ende Jahr abgeschlossen sein.