Raiffeisen-Chef Gisel: «Ich bin voll im Saft» - und die Zahlen geben ihm Recht

Als Folge der Affäre Vincenz professionalisiert das Institut nicht nur seinen Verwaltungsrat, sondern räumt künftig auch den einzelnen Raiffeisenbanken mehr Mitsprache ein. Operativ läuft es rund.

Thomas Griesser Kym
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Patrik Gisel, der im Zuge der Affäre Vincenz vor dem Rücktritt als Raiffeisen-Chef steht, hat ein letztes Mal Semesterzahlen präsentiert. (Bild: Benjamin Manser)

Patrik Gisel, der im Zuge der Affäre Vincenz vor dem Rücktritt als Raiffeisen-Chef steht, hat ein letztes Mal Semesterzahlen präsentiert. (Bild: Benjamin Manser)

«Ich bin voll im Saft.» Das sagt Patrik Gisel voller Inbrunst auf die Frage, ob er nach seinem angekündigten Rücktritt per Ende Jahr als Raiffeisen-Chef dieses Amt noch mit Elan und Motivation ausüben könne. Die Zahlen geben ihm recht: Die Raiffeisen-Gruppe hat im ersten Semester 2018 mit 416 Millionen Franken zwar 4 Prozent weniger verdient als in der Vorjahresperiode, den Gewinn nach dem letztjährigen Rekord aber dennoch zum zweiten Mal über die Marke von 400 Millionen gehievt. Gestiegenen Geschäftserträgen in allen Segmenten steht ein rückläufiger Geschäftsaufwand gegenüber. Dass der Geschäftserfolg dennoch um 2,7 Prozent auf 517 Millionen Franken gesunken ist, hat mit Sonderfaktoren zu tun.

An der Front scheinen die Raiffeisenbanken also vieles richtig zu machen. Das kontrastiert mit der Affäre Vincenz, den Turbulenzen rund um den Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz und nicht zuletzt mit dem bevorstehenden Abgang Gisels. Dieser spricht von «einer ereignisreichen und schwierigen Phase», deren Aufarbeitung weitergehe, und Raiffeisen sei daran, die Corporate Governance (gute Unternehmensführung) zu verbessern. Dies hat auch die Finanzmarktaufsicht Finma in ihrem Zwangsverfahren gegen Raiffeisen verfügt, nachdem die Behörde unter anderem eine mangelhafte Aufsicht des Verwaltungsrats über Gisels Vorgänger Pierin Vincenz festgestellt hatte. Gegen den früheren Raiffeisen-Chef, der mehrere Monate in Untersuchungshaft sass, ermittelt die Zürcher Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung.

Vergütungsmodell wird überarbeitet

Unter Gisel hat Raiffeisen eine Entflechtung des Sammelsuriums an Beteiligungen an die Hand genommen, und der Verwaltungsrat hat mit zwei neuen Köpfen (Thomas Rauber, Rolf Walker) seine Erneuerung eingeleitet. An der ausserordentlichen Raiffeisen-Delegiertenversammlung (DV) am 10. November soll die Blutauffrischung, in deren Rahmen Amateure durch Profis ersetzt werden, fortschreiten: Laut Gisel will Raiffeisen den Delegierten weitere vier oder fünf neue Mitglieder für das Aufsichtsgremium vorschlagen plus einen Kandidaten oder eine Kandidatin für das Präsidium.

Ferner will der Verwaltungsrat die Delegierten über ein überarbeitetes Vergütungsmodell informieren und sie darüber abstimmen lassen. Ein solches ist notwendig, nachdem der Verwaltungsrat trotz seines Versagens in der Aufsicht über Vincenz die Basis und die Öffentlichkeit mit einer Erhöhung seiner eigenen Bezüge empört hatte. Ferner sollen an der DV die wichtigsten Resultate der unabhängigen internen Untersuchung von Professor Bruno Gehrig präsentiert werden. Dieser arbeitet die Ära Vincenz auf, indem er die Beteiligungskäufe Raiffeisens seit 2005 durchleuchtet und auf allfällige Unregelmässigkeiten prüft.

Die neue Informatik läuft allmählich besser

Gisel, dessen Nachfolge bis Ende Jahr geregelt sein soll, skizzierte am Mittwoch zudem einen «grundsätzlichen Erneuerungsprozess» namens «Fokus 21», den der Verwaltungsrat initiiert hat. Dieser sieht vor, die 246 Raiffeisenbanken künftig «stärker und transparenter» in die Führung und die Entscheidprozesse einzubinden sowie die Zusammenarbeit der Zentrale mit den einzelnen Geldinstituten zu optimieren. Teil von «Fokus 21» ist ausserdem die Prüfung der Vor- und Nachteile einer Umwandlung von Raiffeisen Schweiz von einer Genossenschaft in eine AG. Diese Prüfung hat die Finma verlangt. Gisel betont, es gehe hier ausschliesslich um die zentrale Organisation Raiffeisen Schweiz. «Die Rechtsform der genossenschaftlichen Raiffeisenbanken steht nicht zur Debatte, und sie sind nicht von Corporate-Governance-Themen betroffen.»

Die Rechtsform der genossenschaftlichen Raiffeisenbanken steht nicht zur Debatte, und sie sind nicht von Corporate-Governance-Themen betroffen.

Fortschritte meldet Gisel beim neuen Kernbankensystem. Die neue Informatikplattform ACS hatte sich als fehlerbehaftet erwiesen und eine zügige Migration der Raiffeisenbanken verhindert. Anfang Monat nun haben die 22 Pilotbanken, die bereits auf ACS migriert sind, laut Gisel eine «angemessene Systemreife erreicht». Als Folge seien letztes Wochenende 13 weitere Banken migriert, und für die übrigen plane man fünf Zeitfenster. Klappt alles, so soll die Migration dieses Jahr abgeschlossen werden.

Bei den Hypotheken ist Raiffeisen um gut 2 Prozent weiter gewachsen und macht nun einen Schweizer Marktanteil von 17,6 Prozent geltend nach 17,5 Prozent per Ende 2017. Dass man bei den Tragbarkeitskriterien Abstriche mache, stellt Gisel in Abrede und verweist auf rekordtiefe Wertberichtigungen (0,12 Prozent der Ausleihungen) und effektive Kreditverluste (0,01 Prozent). Und wie geht es dem Raiffeisen-Chef, wenn er an seinen nahenden Abschied denkt? «Es tut mir schon etwas weh, eine so erfolgreiche Gruppe zu verlassen.»