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RAIFFEISEN: "Enttäuscht, frustriert und aufgebracht"

Der neue Verwaltungsratspräsident Pascal Gantenbein will die Affäre um den früheren Bankchef Pierin Vincenz so rasch als möglich aufarbeiten. Vincenz’ Nachfolger Patrik Gisel bleibt trotz belastender Indizien im Amt, zumindest vorerst.
Thomas Griesser Kym, Zürich
Suchen nach Erklärungen: Raiffeisen-Chef Patrik Gisel, flankiert vom gewesenen Verwaltungsratpräsidenten Johannes Rüegg-Stürm (rechts) und dessen Interimsersatz Pascal Gantenbein. (Bild: WALTER BIERI (KEYSTONE))

Suchen nach Erklärungen: Raiffeisen-Chef Patrik Gisel, flankiert vom gewesenen Verwaltungsratpräsidenten Johannes Rüegg-Stürm (rechts) und dessen Interimsersatz Pascal Gantenbein. (Bild: WALTER BIERI (KEYSTONE))

Es kommt nicht oft vor, dass Spitzenleute aus der Wirtschaft unmittelbar nach ihrem Fall nochmals vor die Medien treten. Johannes Rüegg-Stürm, am Vortag abrupt als Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz abgetreten, hat es gestern getan. In einem kurzen Statement äusserte er tiefes Bedauern, dass «viele Genossenschafter, Kunden und Mitarbeiter, viele Menschen in diesem Land, irritiert, enttäuscht, frustriert und aufgebracht sind» wegen der Vorkommnisse bei Raiffeisen. Mit seinem Rücktritt wolle er es ermöglichen, dass «die Krise von Personen aufgearbeitet werden kann, die frei und unbelastet sind».

Sein Nachfolger ad interim ist Pascal Gantenbein, Finanzprofessor in Basel, der erst seit Mitte vergangenen Jahres im Raiffeisen-Verwaltungsrat sitzt. Gantenbein nannte Rüegg-Stürms Rücktritt einen «richtigen und wichtigen Schritt». Die Dankesworte bekam dieser schon nicht mehr mit: Nach seinem Statement hatte der unscheinbare Mann den Raum schnellen Schrittes verlassen. Gantenbein sagte über den Rücktritt, «der Entscheid lag bei Rüegg-Stürm, eindeutig», dies nach Gesprächen im ganzen Aufsichtsgremium. Die Mutmassung, Raiffeisen-Chef Patrik Gisel oder gar die gesamte Geschäftsleitung könnten Druck aufgesetzt und Rüegg-Stürm abgesägt haben, wies Gantenbein zurück. Auch sei der Abgang keine Forderung der Finanzmarktaufsicht (Finma) gewesen.

Laut Gantenbein ist nun der Weg frei für die bereits eingeleitete Erneuerung und Verjüngung des Verwaltungsrates. Der Delegiertenversammlung im Juni werden mit Wirtschaftsprüfer und Bankenexperte Rolf Walker sowie Unternehmer Thomas Rauber zwei frische Kräfte vorgeschlagen. «Wir müssen jene Kompetenzen weiter aufbauen, die für eine systemrelevante Bank wichtig sind», sagte Gantenbein. Dazu gehören neben Bankfachwissen etwa auch Know-how betreffend Recht und Compliance. Über die gesuchte neue Person im Verwaltungsratspräsidium sagte Gantenbein, diese werde das Amt «mehr oder weniger in Vollzeit ausüben». Rüegg-Stürm hatte ein Pensum von 50 Prozent.



Betreffend Corporate Governance (Unternehmensführung) sagte Gantenbein, «der Informationsfluss muss lückenlos funktionieren, der Verwaltungsrat muss rechtzeitig informiert sein». Der Professor spielte damit darauf an, dass sich der Raiffeisen-Verwaltungsrat vom früheren Bankchef Pierin Vincenz getäuscht sieht. Von dessen mutmasslichem Doppelspiel mit verdeckten Treuhandgeschäften, mittels derer sich Vincenz heimlich an Firmen beteiligt haben soll, die später von Raiffeisen respektive der Kreditkartenfirma Aduno (mit Raiffeisen als grösster Aktionärin) übernommen wurden, will das Aufsichtsgremium nichts gewusst haben. Dank der Transaktionen soll Vincenz in Millionenhöhe abkassiert haben. Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Vincenz, der in Untersuchungshaft sitzt, wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und persönlicher ungerechtfertigter Bereicherung.

Bericht einer Prüfungsfirma belastet Patrik Gisel

Gantenbein will nun rasch Klarheit schaffen. Bisher lag der Fokus auf der Investmentfirma und Raiffeisen-Beteiligung Investnet, bei der Vincenz privat seine Finger im Spiel gehabt haben soll. Nun werden auch andere Zukäufe unter die Lupe genommen wie etwa das Nicht-US-Geschäft Wegelins, das Raiffeisen als Notenstein (heute Notenstein La Roche) weiterführte und dessen Kaufpreis von 577 Millionen Franken heute als weit überteuert gilt. Der Raiffeisen-Verwaltungsrat hat beschlossen, für die Untersuchung «eine externe Partei zu mandatieren», die aber noch nicht bestimmt sei. Gantenbein will vorwärts machen: «Wir können es uns nicht leisten, drei Jahre herumzueiern.» Zudem will er die internen Kontrollmechanismen stärken.

Zu prüfen ist zudem, «wem zu welchem Zeitpunkt welche Informationen vorgelegen sind». Dabei geht es auch um Gisel, der Vincenz 2015 als Raiffeisen-Chef ablöste, davor 13 Jahre dessen Vize war und von 2012 bis 2015 den Investnet-Verwaltungsrat präsidierte. Gestern sprach Gantenbein im Namen des ganzen Raiffeisen-Verwaltungsrates Gisel «das volle Vertrauen» aus. Und: «Dem Verwaltungsrat liegen bis heute keine Anhaltspunkte vor, die Gisel im Zusammenhang mit Investnet belasten.» Allerdings gibt es da einen bisher unter Verschluss gehaltenen Bericht der Prüfungsfirma Deloitte vom Oktober 2017. Dieser war von der Finma in Auftrag gegeben worden, und auf dessen Basis eröffnete diese ein Zwangsverfahren gegen Raiffeisen betreffend Corporate Governance, was schliesslich auch die Staatsanwaltschaft zum Strafverfahren gegen Vincenz animierte. Gestern hat der Finanzblog «Inside Paradeplatz» erste Passagen aus dem Bericht veröffentlicht. Sie legen nahe, dass Gisel sich bei Investnet auf Betreiben von Vincenz hat einspannen lassen, ohne dessen Rolle zu hinterfragen. Laut dem Deloitte-Bericht hatte Vincenz Ende 2011 erfahren, dass sein naher Vertrauer Beat Stocker, damals Chef und Verwaltungsrat von Aduno, an Investnet beteiligt war. Die Nähe zu Stocker verunmöglichte es Vincenz, der selber über Strohmänner an Investnet beteiligt gewesen sein soll, weiter über einen Einstieg Raiffeisens bei Investnet zu verhandeln. Deshalb betraute er Gisel mit der Angelegenheit, worauf das Dossier zu ihm wechselte. Im Deloitte-Bericht heisst es, man habe «keinen Schriftverkehr gefunden, in dem sich Patrik Gisel über den Grund für den Wechsel und die Rolle von Beat Stocker erkundigte». Gisel führte die Verhandlungen zu Ende, Raiffeisen übernahm eine Mehrheit an Investnet, und Vincenz soll privat tüchtig mitverdient haben.

Gisel, der gestern die meisten Fragen an seine Person an Gantenbein delegierte, sagte in einer seiner wenigen Antworten, er habe «zu keiner Zeit Hinweise auf ein strafrechtlich relevantes Verhalten» rund um die Causa Investnet gehabt. Raiffeisen zahlte 2012 für 60 Prozent der Investmentfirma 107 Millionen Franken – später stellte sich heraus, dass sie überschuldet war. Eine vertiefte Buchprüfung (Due Diligence) soll es vor dem Erwerb nicht gegeben haben. Gantenbein äusserte sich inhaltlich nur vage; er sagte, im Deloitte-Bericht «gibt es Hinweise», dass es verdeckte Transaktionen «hätte geben können». Doch «damals war nicht bekannt, wer hinter den Transaktionen hätte stehen können». Der Bericht enthalte «keinerlei Anschuldigungen gegen Gisel» und enthalte «in der Konklusion eine positive Beurteilung Gisels». Dieser quittierte Gantenbeins Ausführungen meist mit leichtem Kopfnicken. Inzwischen mehren sich aber Stimmen, wonach auch die Tage Gisels als Bankchef gezählt sein dürften. Fragt sich noch, warum sich Vincenz trotz Millionensalärs bei Raiffeisen mutmasslich persönlich bereichert hat. Ein früherer enger Begleiter äussert sich überzeugt, die Antwort zu kennen. Sie kommt wie aus der Pistole geschossen: «Geldgier!»

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