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Raiffeisen in der Selbstfindung: Die Kleinen schwingen das Zepter

Die Genossenschaftsbank steckt tief im Selbstfindungsprozess – das braucht Zeit, welche die Gruppe eigentlich gar nicht hat.
Beat Schmid
Musste viel Macht abgeben, jetzt bestimmt sie mit: Regionale Raiffeisen-Bank. (Bild: Gatean Bally/Keystone)

Musste viel Macht abgeben, jetzt bestimmt sie mit: Regionale Raiffeisen-Bank. (Bild: Gatean Bally/Keystone)

In Zofingen am Rande der Altstadt befinden sich die Büros von LB Treuhand. Partner und Treuhandexperte Thomas Lehner trifft sich hier regelmässig mit Kurt Sidler. Das Thema ist stets das gleiche, das die beiden schon seit Monaten beschäftigt: der Umbau der Raiffeisen-Genossenschaften. Der Innerschweizer Sidler und der Aargauer Lehner sind die führenden Köpfe hinter der sogenannten «Reform 21». Gleichzeitig ist Lehner auch Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Region Zofingen und Präsident des Regionalverbands Aargau. Sidler ist Präsident der Raiffeisenbank Luzern sowie Präsident des Regionalverbands Luzern, Ob- und Nidwalden.

Einen wichtigen Auftritt hatten Sidler und Lehner Mitte Juni an einer Versammlung in Crans-Montana. In verschiedenen Workshops wurden Szenarien diskutiert, wie die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz nach der Ära Vincenz neu organisiert werden soll. Alle Konsultativ-Anträge bis auf einen wurden von den Eignern gutgeheissen, sagen Lehner und Sidler im Gespräch. «Am Schluss gab es sogar Standing-Ovations», sagt Lehner. Es war eine Machtdemonstration der regionalen Banken gegenüber der Zentralgenossenschaft aus St. Gallen, die seit letztem Herbst von Guy Lachappelle präsidiert wird.

Der Einfluss der Regionen schwand von Jahr zu Jahr

Die Beziehung zwischen der Zentrale in St. Gallen und den 229 regional verankerten unabhängigen Genossenschaftsbanken ist «nicht immer einfach», sagt Sidler. Über Jahre hat sich eine grosse Ladung Frust aufgebaut, die sich nach dem Erdbeben um Vincenz urplötzlich entlud. «Die Banken haben begriffen, dass sie das Zepter wieder übernehmen müssen», sagt Sidler kämpferisch.

Der eigentliche Zweck der Zentrale besteht darin, zentrale Dienste für die Regionalgenossenschaften zu erbringen. Gleichzeitig hat die Zentrale aber auch den vom Regulator erteilten Auftrag, die einzelnen Banken zu kontrollieren. Ein schwieriger Spagat – denn die regionalen Banken sehen sich gleichzeitig als Eigner und Chefs der Zentrale, stehen aber auch unter deren Aufsicht.

Der frühere Chef Pierin Vincenz baute die Zentrale stark aus. Die regionalen Genossenschaften sahen mit an, wie ihr Einfluss unter seiner Führung von Jahr zu Jahr schwand. Zur Wehr haben sie sich nicht gesetzt. Er baute die Anlageberatung aus, kaufte die Privatbank Notenstein, beteiligte sich an der Derivatefirma Leonteq und stieg ins Private-Equity-Geschäft ein. Er gab dafür Hunderte Millionen Franken aus.

Auch die neu gebildeten Raiffeisen-Banken in den grossen Ballungsgebieten wurden direkt von St. Gallen gesteuert. Zudem riss die Zentrale immer mehr Aufgaben an sich, die vorher von den regionalen Raiffeisenbanken erledigt wurden. Die Folge war: Die regionalen Banken mussten für diese Dienste einen immer grösseren Anteil ihrer Erträge nach St. Gallen abliefern.

Stärker auf die Finger schauen

Damit soll nun Schluss sein. «Es wurden Leistungen aufgebaut, die wir dort nie haben wollten», betont Sidler. Lehner und Sidler sind überzeugt, dass gewisse Dienste wieder dezentral erbracht werden müssen. Welche das sein werden, werde derzeit diskutiert. Man habe Ideen, aber will sich nicht dazu in der Öffentlichkeit äussern. Lehner sagt aber:

«Klar ist, dass der Anteil der Kosten, die eine regionale Raiffeisenbank für die zentralen Dienste bezahlen müssen, sinken muss.»

Um Fehlentwicklungen zu verhindern, wollen die regionalen Genossenschaften der Zentrale besser auf die Finger schauen. Dazu schlagen sie die Etablierung eines Beirats vor, der sich im regelmässigen Austausch mit dem Verwaltungsrat der St. Galler Zentrale befinden soll. Vieles an diesem neuen Organ ist noch unklar. Unter anderem auch deshalb, weil man sich mit der Finma absprechen muss. In Gespräch erschliessen sich die Gründe für diesen Beirat nicht vollständig. Denn immerhin verfügen die Regionalgenossenschaften bereits über zwei Verwaltungsratsmitglieder in der Zentrale, mit denen sie sich bereits jetzt austauschen können.

Die Veränderungen führen zu Unruhe in der Zentrale

Bis zur nächsten ausserordentlichen Delegiertenversammlung im Herbst gibt es für Sidler und Lehner noch viel zu tun. Denn bis dahin sollen möglichst viele Fragen der künftigen Governance und der Strategie geklärt werden. Klappt es, müssen die Delegierten den erneuerten Statuten mit einer Zweidrittelmehrheit zustimmen.

Dass mit der starken Einbindung kleiner Banken der Reformprozess «eher etwas mehr Zeit braucht», sind sich Sidler und Lehner bewusst. Doch das ist der Preis, den die Organisationsform Genossenschaft erfordert. Sidler als Projektleiter von Reform 21 und Lehner haben sich mit einer Impulsgruppe in den letzten Monaten intensiv damit auseinandergesetzt, wie sich andere Genossenschaften organisieren. Zum Beispiel die Migros oder die Raiffeisenbanken in Österreich. Sidler:

«Wir sind zum Schluss gekommen, dass unser Bankenverbund nicht allein von oben gesteuert werden kann.»

Nur der basisdemokratische Weg sei der richtige für Raiffeisen. Und sein Kollege Lehner sagt: «Das braucht Zeit, doch wir sind hervorragend unterwegs.» Dass diese Veränderungen für Unruhe in der Zentrale in St. Gallen sorgen, sei ihnen bewusst.

Das Bankengeschäft befindet sich in einem fundamentalen Umbruch. Die Digitalisierung des Geschäfts scheitet mit grosser Geschwindigkeit voran. Neue Mitspieler treten auf den Markt und wollen den klassischen Banken Marktanteile abjagen. Braucht es da nicht schnellere Entscheidungswege? «Sicher stehen wir unter Zeitdruck.» Doch gerade die basisdemokratische Prägung der Raiffeisen dürfte letztlich ein wichtiger Grund sein, «warum wir gut durch die Krise gekommen sind». «Uns sind keine Kunden davongelaufen – damit unterscheiden wir uns stark von anderen Banken, als diese in die Krise gerieten», sagt Lehner.

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