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PSYCHOLOGIE: Am Arbeitsplatz werden Probleme oft totgeschwiegen

Seelische Probleme von Angestellten sind verbreitet und eine grosse Belastung für das Umfeld. Trotzdem wird selten professionelle Hilfe angefordert.
Daniel Zulauf
Der psychische Druck, unter dem Angestellte stehen, wird vielerorts unterschätzt. (Bild: Getty)

Der psychische Druck, unter dem Angestellte stehen, wird vielerorts unterschätzt. (Bild: Getty)

Daniel Zulauf

Schon wieder erscheint Reinhard Muster nicht zur Arbeit. Der Gruppenleiter in der Verkaufsabteilung der Industriefirma A bis Z lässt sich oft krankschreiben. Der Mann ist 40 Jahre alt. Er hat eine junge Familie, ist seit einem Jahr Kadermitarbeiter und steht damit direkt in der Umsatzverantwortung. Im Kollegenkreis wird viel gemunkelt. Es heisst, Muster leide unter einem Burn-out. Manche stören sich an seinen häufigen Absenzen. Aber viele zeigen auch Verständnis: «Er hat eben viel Stress.»

Für den Psychologen Niklas Baer, Leiter der Fachstelle Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland, findet in dem fiktiven Beispiel eine typische «Bagatellisierung» einer psychischen Erkrankung statt. Hinter Allerweltsdiagnosen wie «Burn-out» oder «Mobbing» verbergen sich nämlich oft spe­zifische und medizinisch anerkannte Krankheitsbilder, zum Beispiel Depressionen.

Psychische Erkrankungen sind häufig und irgendwann im Verlauf des Arbeitslebens ereilen sie, in meist leichterer Form, jeden Fünften von uns. Die Folgen sind oft fatal, sowohl für den Kranken, aber auch für sein Umfeld. In der Mehrheit der Fälle kommt es zu einem Abfall der Arbeitsproduktivität (75%). In vier von fünf Fällen verlässt der von der Krankheit betroffene Mitarbeiter das Unternehmen. Den Unternehmen und der Versicherungswirtschaft entstehen dadurch hohe Kosten. Auch die Folgekosten für die Gesellschaft sind enorm hoch. Laut Schätzungen sind es 20 Mrd. Fr. im Jahr. Tatsächlich haben sich seit den 80er-Jahren die Berentungen der Invalidenversicherung als Folge von psychischen Erkrankungen verneunfacht.

Führungskräfte sind oft schlecht vorbereitet

Die Hochschule Luzern ist in Zusammenarbeit mit der Psychia­trie Baselland der Frage nachgegangen, wie sich das Verhalten psychisch kranker Menschen auf deren Chefs und Arbeitskollegen auswirken kann und wie diese auf das Problem reagieren. Das Fazit ist ernüchternd: Führungskräfte sind schlecht bis gar nicht vor­bereitet, obschon vier von fünf Chefs schon solche Situationen erlebt haben. Oft werden die ­Probleme totgeschwiegen, was ihre Lösung verunmöglicht. Die Beteiligten greifen nur selten auf professionelle Hilfe zurück, obschon dies erwiesenermassen am meisten Fortschritte bringt. Die gestern in Zürich präsentierte Studie basiert auf einer Umfrage unter 1524 Führungskräften, von denen sich 1236 an eine Situation mit einem psychisch auffälligen Mitarbeiter erinnern konnten. Um den vielfach unsichtbaren und schwer einschätzbaren psychischen Beeinträchtigungen ein prägnantes Bild zu geben, wurden die Befragten gebeten, die erlebten Situationen mit Begriffen aus der Filmwelt zu charakterisieren. Beschrieben wurden mehrheitlich serielle «Dramen», von denen 2,5% tödlich (mit Suizid) enden.

Obwohl die Befragten vor allem schlimme Fälle beschrieben, bezeichneten sie einen Drittel als «Stummfilme», in denen die ­vorhandenen Probleme nie oder kaum angesprochen wurden. Hinter dieser Statistik eröffnen sich Abgründe in puncto Betriebskultur. 90% der Chefs sagten, es würde ihnen helfen, wenn die Mitarbeiter ihre Probleme ­offenlegen würden. Gleichzeitig sagten aber fast 60% dieser Chefs, dass sie Menschen mit psychischen Problemen nicht anstellen würden. So bleiben die Probleme oft unausgesprochen und Lösungsmöglichkeiten bleiben ungenutzt.

Psychiatrische Hilfe wäre nützlich, aber sie kommt kaum zum Zug. Fast nie involviert ­werden IV-Stellen, obwohl die Arbeitgeber seit 2008 die Möglichkeit haben, psychisch angeschlagene Mitarbeiter zwecks Früherfassung unkompliziert bei der IV zu melden. Weniger als 30% der Chefs haben jemals eine Schulung im Umgang mit solchen Problemen erhalten. Niklas Baer spricht von einem «irrationalen Verhalten der Wirtschaft im Umgang mit psychischen Krankheiten». Deren Verbreitung sei so gross, dass die Unternehmen auf solche Mitarbeiter gar nicht verzichten könnten.

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