Prozess gegen Schmidheiny

In Rom entscheidet ab heute das höchste italienische Gericht darüber, ob der Schweizer Unternehmer Stephan Schmidheiny verantwortlich ist für 3000 italienische Asbest-Opfer.

Dominik Straub
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Die meisten italienischen Asbest-Opfer stammen aus der piemontesischen Kleinstadt Casale Monferrato, wo Eternit Italia eine Fabrik unterhielt. (Bild: ap/Massimo Pinca)

Die meisten italienischen Asbest-Opfer stammen aus der piemontesischen Kleinstadt Casale Monferrato, wo Eternit Italia eine Fabrik unterhielt. (Bild: ap/Massimo Pinca)

ROM. Für die italienische Justiz war der Fall bisher klar: Das Turiner Appellationsgericht hat Stephan Schmidheiny im Juni 2013 in zweiter Instanz wegen Verursachens eines Desasters zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Richter haben den ehemaligen Eternit-Chef für den Tod und die Erkrankung von fast 3000 italienischen Asbestarbeitern und Privatpersonen für schuldig befunden. Das Appellationsgericht verurteilte Schmidheiny zudem zu provisorischen Entschädigungszahlungen von 90 Mio. €.

Im Prozess geht es um die Zeit von 1973 und 1986, als die Schweizerische Eternit-Gruppe (SEG) der Familie Schmidheiny grösste Einzelaktionärin der italienischen Eternit war. Stephan Schmidheiny war 29jährig von seinem Vater Max 1976 mit der Führung der SEG betraut worden. Zehn Jahre später ging Eternit Italia in Konkurs. Obwohl Stephan Schmidheiny bei der italienischen Tochter nie operativ tätig war und nie im Verwaltungsrat sass, wird ihm in Italien seit 2008 der Prozess gemacht.

Beispielloses Kesseltreiben

In Italien ist der 67jährige Multimilliardär und Philanthrop seither einem beispiellosen Kesseltreiben von Staatsanwaltschaft und Medien ausgesetzt: Er wird als zynischer Massenmörder dargestellt, der sich aus reiner Profitgier über die tödlichen Gefahren, die von Asbest ausgehen, hinweggesetzt habe. Um weiter Geld scheffeln zu können, habe er die Gefahren vertuscht und in den Fabriken Sicherheitsmassnahmen unterlassen.

Völlig ausgeblendet wurde in Italien bisher, dass Schmidheiny schon kurz nach seinem Amtsantritt als SEG-Chef ein Programm zur Entwicklung asbestfreier Produkte lancierte und im Jahr 1981 den Ausstieg aus Asbest ankündigte – neun respektive elf Jahre bevor die Schweiz und Italien den Baustoff verboten. Auch investierte Schmidheiny in den italienischen Eternit-Fabriken 70 Mio. Fr. in die Arbeitsplatzsicherheit und in bessere Produktionsanlagen. So führte er etwa staubsenkende Produktionstechniken ein, von denen der italienische Gesetzgeber damals nicht einmal zu träumen wagte.

Für die Verteidigung war das Verfahren ein Schauprozess, in dem die Justiz den leidgeprüften Opfern und wegen der aufgebrachten öffentlichen Meinung einen Sündenbock habe präsentierten wollen. Dazu seien Prinzipien eines fairen Prozesses und der Rechtsstaatlichkeit mit Füssen getreten worden.

Weiterzug wäre gewiss

Sollte auch das Kassationsgericht in Rom zu einem Schuldspruch kommen, werde man den Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weiterziehen, betont Schmidheinys Sprecherin Elisabeth Meyerhans. Eine unmittelbar bevorstehende Verhaftung hätte er ohnehin nicht zu befürchten: Die Schweiz liefert ihre Staatsbürger nicht gegen deren Willen an Drittstaaten aus.

Stephan Schmidheiny Unternehmer (Bild: pd)

Stephan Schmidheiny Unternehmer (Bild: pd)