PROGNOSEFORUM: «Wir haben die Eurokrise überwunden»

Die Schweizer Wirtschaft wird wachsen und in den kommenden zwei Jahren um bis zu zwei Prozent zulegen. Das erklärt jedenfalls Jan-Egbert Sturm von der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich am Thurgauer Prognoseforum.

Christof Lampart
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Jan-Egbert Sturm sagte am Thurgauer Prognoseforum auf dem Lilienberg, dass die Wirtschaft immer besser laufe. «Insbesondere, seit wir die Eurokrise überwunden haben.» Die Arbeits­losenzahlen seien in klassischen Industrieländern wie Japan, Deutschland und den USA auf einem Rekordtief. Dies könne die Schweiz zwar nicht von sich behaupten, doch die Zahl der Arbeitssuchenden sei nach wie vor sehr niedrig.

Der wieder gestiegene Frankenkurs gegenüber dem Euro stärke die hiesige Exportindustrie, und generell könne man bei der brummenden Weltwirtschaft in der Schweiz optimistisch in die Zukunft schauen, denn «wenn die Weltwirtschaft um ein Prozent wächst, so wächst auch die Schweizer Wirtschaft um ein ­Prozent». Zwar sei die Wachstumsprognose fürs 2017 mit 0,8 Prozent für die Schweizer Wirtschaft im internationalen Vergleich noch bescheiden, doch gehe er davon aus, dass sie in den nächsten zwei Jahren um durchschnittlich zwei Prozent wachse.

Euroschock betraf Multis und KMU gleichermassen

Bei der Produktivität sei in der Schweiz die Pharmaindustrie weit vor den Versicherungen und der Ölbranche. Die hintersten Plätze belegen, in absteigender Reihenfolge, Erziehung und Unterricht, Gastgewerbe/Hotellerie und die Land- und Forstwirtschaft. Doch in Sachen Beschäftigungsentwicklung falle auf, dass im Dienstleistungssektor über die Hälfte aller Arbeitenden zu finden sei. Durch die Aufhebung der Euromindestgrenze im Januar 2015 habe die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe zwar um vier Prozent abgenommen, diese habe sich jedoch über die ganze Bandbreite von Unternehmen, vom KMU bis zum Multi , gleichmässig verteilt.

Dass die Schweiz insgesamt ziemlich glimpflich durch diese Krise gekommen sei, habe auch damit zu tun gehabt, dass der graduelle Beschäftigungsrückgang mit der ­sofortigen Reduktion der offenen Stellen einhergegangen sei. Dass nur wenige gut qualifizierte Arbeitskräfte entlassen wurden, komme den Firmen im jetzigen Aufschwung zugute, könnten sie doch punkto Know-how aus dem Vollen schöpfen.

Guido Schwerdt, Professor an der Universität Konstanz, zeigte bei der Bildung im digitalen Zeitalter deren Möglichkeiten und Herausforderungen auf. Arbeitnehmer mit grundlegenden Fähigkeiten und Kenntnissen in der Internet- und Kommunikationstechnologie (IKT) verdienten 27 Prozent mehr als solche, die nur über geringe oder gar keine IKT-Fähigkeiten verfügten. Wobei mit «grundlegenden Fertigkeiten» keineswegs allzu hohe Hürden gemeistert werden müssen. «Wenn Sie wissen, wie man im Internet eine Reise bucht, dann gehören Sie schon in diese Gruppe», sagte Schwerdt. Dennoch seien in Zeiten des technologischen Wandels und der Industrie 4.0 Basiskompetenzen und soziale Kompetenzen enorm wichtig, denn die am stärksten wachsenden Berufe erforderten «ein hohes Mass an Kommuni­kation und Teamarbeit», sagte Schwerdt.

Virtuelle Bildung gewinnt an Stellenwert

Immer wichtiger werde auch die virtuelle Bildung. Schon heute müssten Collegeschüler in Florida mindestens ­einen Kurs an der «Florida Vir­tual Highschool» besuchen. Für Schwerdt hat diese Unterrichtsform den Vorteil, dass jeder ­Zugang zur Bildung habe. Doch er hat auch schon einen Nachteil ausgemacht: «Ob man so langfristig die Bildungsqualität hochhalten kann, wage ich zu bezweifeln.»

Christof Lampart