Potenzial, mit Risiken behaftet

Der russische Markt mit 144 Millionen Konsumenten lockt Schweizer Firmen an, und die Schweizer Exporte steigen. Doch die russische Wirtschaft leidet auch an konjunkturellen und strukturellen Defiziten, an Korruption und Bürokratie.

Klaus-Helge Donath und Thomas Griesser Kym
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MOSKAU. Die russische Wirtschaft sei in einer schwierigen Lage, Anzeichen einer Krise seien zu erkennen. Das räumte diese Woche Vizewirtschaftsminister Sergej Beljakow ein. Die ohnehin seit Monaten schwächelnde Wirtschaft wird nun auch noch von Folgen der Politik gegenüber der Ukraine in Mitleidenschaft gezogen. Die russische Zentralbank ging bisher noch von einem Wachstum zwischen 1,5% und 1,8% dieses Jahr aus. Doch schon vergangenes Jahr war das Bruttoinlandprodukt nur um 1,3% statt der prognostizierten 3,6% gewachsen.

Der Konflikt um die Krim hat auch den Rubel weiter geschwächt. Seit Ende Jahr verlor er über 10% gegenüber Dollar und Euro. Experten gehen davon aus, dass der Wertzerfall anhält. Die Zentralbank hatte zunächst versucht, den Kurs durch milliardenschwere Stützungskäufe zu stabilisieren, scheint diese Politik aber nicht weiter zu verfolgen. Die für 2014 angepeilte Inflation von 5% wird die Zentralbank wegen Russlands Importabhängigkeit wohl auch kaum mehr einhalten können. Die Konsumentenpreise für einige Grundnahrungsmittel sind bereits um 10% gestiegen.

«Wahl der richtigen Partner»

Auch das Kapital fühlt sich zunehmend unwohl. Ex-Finanzminister Alexej Kudrin schätzt, dass sich im 1. Quartal 2014 die Kapitalflucht gegenüber dem Vorquartal verdreifachen könnte – von 16,6 Mrd. $ auf 50 Mrd. $. Der bereits im Exil lebende russische Ökonom Sergej Gurijew rechnet mit einem erheblichen Einbruch ausländischer Direktinvestitionen, die 2013 bei 80 Mrd. $ lagen. Mit den Investitionen kamen bisher auch die dringend benötigten neuen Technologien und Managementkapazitäten ins Land. Bleiben sie aus, würde dies das russische Wachstum langfristig schwer treffen.

Für Schweizer Firmen ist Russland «ein Markt mit grossem Potenzial, dessen Erschliessung aber mit gewissen Schwierigkeiten und Risiken verbunden ist». Das schreibt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in seinem jüngsten Länderbericht. Zu den Hürden zählen etwa die «unverändert wuchernden Plagen» Korruption und Bürokratie. «Eine entscheidende Rolle» zur Minderung von Risiken spielt laut Seco «die Wahl der richtigen lokalen Partner». Erleichtert werde dies dadurch, dass gegenwärtig auch russische Unternehmen ihre Kontakte mit Schweizer Firmen intensivieren wollten. Das eröffne Chancen für Schweizer Innovationen, die wichtig seien für die Modernisierung der russischen Wirtschaft.

Pharma, Maschinen als Renner

Die russische Wirtschaft krankt an strukturellen Defiziten. So bestehen die Exporte zu zwei Dritteln aus Erdöl, Ölprodukten und Erdgas. Im Aussenhandel mit der Schweiz (siehe Grafik) sieht es etwas anders aus: Die Schweiz nimmt Russland vor allem Edelsteine, Edelmetalle und Chemikalien ab. In die andere Richtung exportiert die Schweiz vor allem Pharmazeutika und Maschinen nach Russland, gefolgt von Uhren und optischen Instrumenten. Dank des Rohstoffreichtums hat Russland insgesamt einen Überschuss in seiner Handelsbilanz. Im Verkehr mit der Schweiz ist es umgekehrt: 2013 standen Schweizer Importen aus Russland von gut 500 Mio. Fr. Exporte von gut 3,1 Mrd. Fr. gegenüber. Zum Vergleich: Den wichtigsten Absatzmarkt Deutschland belieferte die Schweiz mit Exporten im Wert von 37,6 Mrd. Franken. Insgesamt aber hat die Schweiz ihre Ausfuhren nach Russland seit 1992 jährlich im Schnitt um fast 13% gesteigert – dreimal rascher als das ganze Schweizer Exportwachstum, wie die Eidg. Zollverwaltung festhält.

Nestlé als Schwergewicht

Die Schweizerische Exportrisikoversicherung (SERV) ist für Russlandgeschäfte geöffnet. Die maximale Kreditdauer beträgt zehn Jahre. Russlands Länderrating beträgt 3 auf einer Skala von 1 (geringes Risiko) bis 7 (hohes Risiko). Die Schweizer Direktinvestitionen in Russland betrugen per Ende 2012 laut Nationalbank 12,5 Mrd. Franken. Die Schweiz ist damit der zwölftgrösste Investor in Russland. Die Investitionen schufen 73 000 Arbeitsplätze. Bei der Schweizer Botschaft in Moskau sind etwa 200 Schweizer Firmen gemeldet, die in Russland aktiv sind. Grösstes Unternehmen ist Nestlé. Der Nahrungsmittelkonzern betreibt elf Fabriken mit 10 000 Mitarbeitenden. Im Herbst 2011 eröffnete Nestlé in Russland die grösste Fabrik für löslichen Kaffee in Europa. Und letzten Herbst nahm Nestlé eine Maggi-Fabrik in Betrieb. 2013 setzte Nestlé in Russland als seinem elftgrösstem Absatzmarkt 1,85 Mrd. Fr. um.

Der Technologiekonzern ABB hat in Russland fünf Fabriken mit 1300 Beschäftigten. Dieses Jahr ist der Bau eines sechsten Werks geplant. 2012 setzte ABB in Russland 660 Mio. $ um. Holcim zählt in Russland 1370 Beschäftigte und betreibt dort zwei Zementfabriken mit einer Jahreskapazität von 5,8 Mio. Tonnen. Die Luzerner Holzverarbeiterin Swiss Krono Group hat im Jahr 2000 entschieden, in Russland einen Standort zu errichten: Seit 2002 werden im Werk der Kronostar 800 km östlich von Moskau Span- und Faserplatten sowie Laminatfussböden für den russischen Markt hergestellt.

Ein Propellergondelantrieb der ABB-Marke Azipod für einen russischen Eisbrecher. (Bild: ABB)

Ein Propellergondelantrieb der ABB-Marke Azipod für einen russischen Eisbrecher. (Bild: ABB)