Pleite der Swisswindows: Mitbewerberin Arbonia hat im Fensterbau mit Verlagerungen die Wende geschafft

Anders als Swisswindows hat Arbonia die Fensterherstellung in der Schweiz aufgegeben. Die Produktion der Ego Kiefer in Altstätten und im Waadtland wurde in den Osten Europas verlagert, wo in hoch automatisierten Fabriken und zu deutlich tieferen Löhnen gearbeitet wird. Arbonia-Chef Alexander von Witzleben erwartet weitere Konkurse von Schweizer Herstellern.

Thomas Griesser Kym
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Als Ego Kiefer noch in der Schweiz Fenster im grossen Stil produzierte: Blick ins Rheintaler Werk vor sieben Jahren.

Als Ego Kiefer noch in der Schweiz Fenster im grossen Stil produzierte: Blick ins Rheintaler Werk vor sieben Jahren.

Bild: Ralph Ribi (Altstätten, 8. März 2013)
«Wir werden in den kommenden Monaten mehrere Pleiten von Schweizer Fensterbauern sehen.»

Das sagte vergangenen Dienstag am Rande der Bilanzpressekonferenz des Gebäudezulieferers Arbonia deren Chef Alexander von Witzleben. Am Tag darauf wurde der Konkurs der Swisswindows AG mit Hauptsitz in Mörschwil publik. Und gestern gab der Freiburger Fenster- und Jalousienhersteller Favorol Papaux bekannt, 95 Mitarbeitende oder 90 Prozent der Belegschaft zu entlassen. Grund seien Liquiditätsprobleme trotz mehrerer Umstrukturierungen samt Halbierung der Belegschaft in den vergangenen fünf Jahren. Von Witzleben fühlt sich bestätigt.

«In der Schweiz ist es kaum mehr möglich, im Fensterbau Geld zu verdienen.»

Ausnahmen seien «sehr spezialisierte Fensterhersteller», aber «auch die müssen bereit sein, sich mit geringeren Ergebnissen zufrieden zu geben». Zumal der Franken seit geraumer Zeit zum Euro wieder aufwertet. Das verschafft Importfenstern aus der EU einen weiteren Preisvorteil.

Von der Schweiz in den Osten

Betreffend Arbonia hat von Witzleben schon bei Amtsantritt erkannt, dass die Zukunft der Herstellung im Ausland liegt. 2015 wurde beschlossen, dass sich der Arbonia-Fensterbauer Ego Kiefer vom Produktionsstandort Schweiz verabschiedet und die Herstellung ins slowakische Slovaktual-Werk (Kunststofffenster) sowie zur akquirierten ostdeutschen Wertbau in Thüringen (Holz- und Holz-Aluminiumfenster) verlagert.

Die Folgen waren für die beiden Ego-Kiefer-Standorte einschneidend. In Altstätten gingen rund 250 Stellen verloren, in Villeneuve im Waadtland gegen 100. Von Witzleben sagt aber:

«Hätten wir damals nicht gehandelt, wäre Ego Kiefer finanziell sofort zusammengebrochen.»

2015 schrieb die Gesellschaft «feuerrote Zahlen», konkret einen Betriebsverlust von 10 Millionen Franken. Der Wertberichtigungsbedarf wurde auf 83 Millionen beziffert.

Ein Fenster zu bauen dauert halb so lange wie zuvor

Die Verlagerung zog einen massiven Ausbau der Kapazität und hohe Investitionen in die Produktivität der Wertbau nach sich. «Wir haben am Standort Thüringen eine komplett neue Fabrik aufgezogen, um die Ego- Kiefer-Volumen zu integrieren.» Benötigte das Thüringer Werk einst 4,5 Stunden zur Herstellung eines Fensters, sind es laut von Witzleben nun noch zwei Stunden. «So lange hatte es auch in Altstätten gedauert, allerdings wurde hier zu deutlich höheren Löhnen gearbeitet», sagt von Witzleben. In Thüringen seien die Einsparungen bei den Lohnkosten derart gross, dass sie die Transportkosten für die Lieferung von Fenstern in den Schweizer Markt mehr als wettmachen.

Von Witzleben rechnet vor: In Altstätten betrugen die Ar­beitskosten pro Fabrikarbeiter 115'000 Franken im Jahr, in Thüringen seien es weniger als 40'000 Euro (42'000 Franken). Und in den Fensterfabriken in der Slowakei und in Polen (Dobroplast) seien es unter 20'000 Euro. Aufgrund der im Vergleich tiefen Löhne fallen auch die Lohnsteigerungen weniger stark ins Gewicht, die im Osten Europa deutlich stärker sind als im Westen.

Geldabfluss ohne Ende

Gleichwohl hat Arbonia hierfür vorgesorgt, mit enormen Investitionen in die Automatisierung. Das Wertbau-Werk in Thüringen sei der modernste Fensterproduktionsbetrieb ganz Europas, sagt von Witzleben. Als Ego Kiefer noch in der Schweiz produzierte, «haben wir mit jedem einzelnen Fenster Geld verloren», sagt von Witzleben rückblickend auf 2015. Nun prophezeit er:

«2020 werden wir der rentabelste Schweizer Fensterhersteller sein.»

Die Entwicklung des Betriebsergebnisses der Fensterdivision geht jedenfalls kontinuierlich nach oben (siehe Grafik).

Rentabilität der Fensterdivision der Arbonia steigt ständig an

Betriebsergebnis Ebitda in Millionen Franken; 2020 = Prognose
2015201620172018201920200102030

Das Prädikat «Schweiz» ist von Witzleben wichtig. In Thüringen produziere man nach Schweizer Qualitätsstandards. Und Ego Kiefer hat in der Schweiz nach wie vor rund 500 Mitarbeitende. Diese sind am Hauptsitz, in der Entwicklung, im Design und im Vertrieb tätig, und sie sind als Monteure unterwegs. Zudem fertigt eine Einheit von 30 bis 40 Beschäftigten Spezialitäten.

Preiskampf geht auch auf das Konto von Swisswindows

In Thüringen kommt die neue Fabrik nach Anlaufschwierigkeiten allmählich auf Touren. Installiert ist eine Kapazität von 200'000 Quadratmetern Fenster pro Jahr. 2018 fertigte man 70'000 Quadratmeter her, 2019 waren es fast 140'000, und dieses Jahr peilt man 170'000 an.

Von Witzleben bestätigt Angaben anderer Fensterbauer, wonach Swisswindows im Preiskampf eifrig mitgemischt habe:

«Sie haben gefüllte Auftragsbücher, aber zu unrentablen Preisen.»

Woher von Witzleben das weiss? «Swisswindows hat uns trotz unserer knallharten Preis- und Kostendisziplin immer wieder unterboten.»

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