Ex Nationalbank-Chef

Philipp Hildebrand: «Die Krise widerlegt all jene, die den Sozialstaat verteufelt haben»

Philipp Hildebrand kritisiert die USA für ihre mangelnde Führung im Kampf gegen das Coronavirus. Anders als während der Finanzkrise fehle eine Instanz, die im Krisenmanagement die Leitfunktion übernehme.

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Philipp Hildebrand.

Philipp Hildebrand.

Gian Ehrenzeller/Keystone

«Die Abkehr der USA von ihrer traditionellen Führungsrolle verheisst leider wenig Gutes», sagt der Vice-Chairman des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock im Interview mit der «NZZ am Sonntag».

Das erste und einzige G-7-Treffen der Staatschefs der führenden Industrieländer habe zu spät, erst Mitte März, stattgefunden und sei zudem ergebnislos geblieben. Die ausgehöhlte staatliche Infrastruktur im angelsächsischen System räche sich nun, erklärt der ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank. «Diese einseitige Ausrichtung auf den Kapitalmarkt und die kurzfristige Gewinnmaximierung wird jetzt zum Problem.»

Umgekehrt sei das europäische Staatsverständnis mit seinen soliden sozialen Netzwerken und Strukturen ein immenser Vorteil. Besonders in der Schweiz hätten die Hilfsmassnahmen vorbildlich funktioniert, betont Hildebrand: «Die Krise widerlegt all jene, die den Sozialstaat über Jahre hinweg verteufelt haben.»

Die Gefahr von Staatspleiten wegen der riesigen Finanzspritzen sei vorerst gering: «In der eigenen Währung kann sich ein Land praktisch endlos verschulden.» Wichtig sei allerdings, dass die Zentralbanken bei der Finanzierung mithelfen: «Die Regierungen stossen mit den Rettungsprogrammen schnell an eine Grenze, wenn die Zinsen abrupt steigen. Diesen Super-GAU müssen wir verhindern, indem wir die Notenbanken ins Boot holen.»