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Pharma-Poker mit Nebenwirkungen

So viel Geld wie für Monsanto hat Bayer noch nie für einen Firmenkauf
ausgelegt. Für die Aktionäre wird die Rechnung laufend teurer.
Daniel Zulauf
Das Bayer-Werk in Leverkusen. Bild: Sascha Steinbach/EPA (2. Juli 2018)

Das Bayer-Werk in Leverkusen. Bild: Sascha Steinbach/EPA (2. Juli 2018)

Plötzlich musste es ganz schnell gehen. Es war der Frühling vor drei Jahren, als Monsanto-Chef Hugh Grant mit der Idee in Basel vorstellig wurde, den Konkurrenten Syngenta zu kaufen. Auch diesmal bekam der Schotte einen Korb, wie schon zweimal davor. Der schlechte Ruf des US-Konzerns kam dem Verwaltungsrat gerade recht, die für viele Aktionäre überaus verlockende Milliardenofferte zurückzuweisen. Eigenständig blieb Syngenta trotzdem nicht. Wenige Monate später trat Chem China auf den Plan, um das Angebot der Amerikaner mit einer Offerte von 44 Milliarden Franken noch deutlich zu überbieten. Die Sache war gelaufen. Seit etwas mehr als einem Jahr ist Syngenta definitiv in chinesischer Hand.

Doch der Erfolg ist den Chinesen bis dato versagt geblieben. 100 Millionen Dollar Verlust resultierten im ersten Geschäftsjahr. Die Kosten zur Beilegung eines Rechtsstreites mit amerikanischen Maisbauern in der Höhe von 1,5 Milliarden Dollar brachte die neuen Eigentümer gleich um ihre erste Dividende.

Die Aktionäre des Chemiemultis Bayer fürchten, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte. Seit die Leverkusener im Mai 2016 ihr erstes Gebot zum Kauf von Monsanto auf den Tisch gelegt haben, sind die Bayer-Aktien um 17 Prozent gefallen, während der Dax um 25 Prozent gestiegen ist. Allein in den vergangenen zehn Tagen tauchten die Titel um mehr als 10 Prozent. Acht Milliarden Euro haben sich an der Börse ­quasi in Luft aufgelöst. Das Urteil eines kalifornischen Gerichts, das Monsanto zu einer Zahlung von 289 Millionen Dollar an einen krebskranken Anwender der Glyphosat-basierten Unkrautvertilger «Roundup» und «Ranger Pro» verdonnerte, ist den Investoren tüchtig in die Knochen gefahren.

Was, wenn weitere Kläger Recht bekommen?

Konzernchef Werner Baumann versuchte am Donnerstag in einer Telefonkonferenz mit Finanzanalysten die Wogen zu glätten. «Das Urteil eines Gerichtes in einem Fall verändert die wissenschaftlichen Fakten nicht», beteuerte der Manager, für den auch das Bayer-Geschäftsmodell, das der 63-Milliarden-Dollar teuren Akquisition zugrunde liegt, auf strengen «wissenschaftlichen Fakten» beruht. Glyphosat erzeuge keinen Krebs. Diese Erkenntnis werde durch mehr als 800 wissenschaftliche Studien untermauert. Als Laie sollte man sich vielleicht fragen, weshalb eine scheinbar so bewährte und sichere Substanz wie Glyphosat so viel akademisches Interesse auf sich zieht.

Baumanns Intervention vermochte die Skepsis der Investoren nicht zu beseitigen. Eher das Gegenteil war der Fall. Nicht weniger als 8000 Glyphosat-Klagen seien bis Ende Juli bei Monsanto eingegangen, 50 Prozent mehr als die bisher bekannten 5200 Klagen, räumte er ein. Bayer werde sich aber energisch wehren und Vorsorge für die Verteidigungskosten in ungenannter Höhe bilden, versicherte der Konzernchef.

Doch schon die erste Wortmeldung in der anschliessenden Fragerunde brachte die Befürchtungen des Finanzmarktes auf den Punkt. Was, wenn die nächsten drei oder vier Gerichtsurteile wieder zu Gunsten der Kläger ausfallen? Würde Bayer die gegenwärtige Verteidigungsstrategie auch bei einem solchen Verlauf weiterverfolgen, oder könnte sich auch die Erkenntnis durchsetzen, dass man mit allen Klägern einen Vergleich suchen ­sollte, wollte Morgan-Stanley-­Analyst Vincent Andrews von Baumann wissen. Die Antwort hätte sich der Analyst natürlich gleich selber geben können. Dieses erstinstanzliche Urteil stehe völlig quer zu allen verfügbaren Fakten, weshalb man sich in diesem und und in allen anstehenden Fällen rigoros zur Wehr setzen werde, sagte Baumann.

Eine andere Antwort hätte den Investoren vermutlich einen weiteren Schrecken eingejagt, denn ein Vergleich mit 8000 Klägern dürfte sehr teuer werden. Auch Johnson-Anwalt Brent Wisner hatte ein Vergleichsangebot über 6 Millionen Dollar unterbreitet, wie er gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sagte. Mit dem Geld, das ein solcher Vergleich mit allen Klägern kosten würde, hätte sich Bayer nebst Monsanto auch gleich noch den Kauf von Syngenta leisten können.

Glyphosat ist nicht das einzige Problem

Doch über die Strategie eines Rechtsstreites reden am Ende auch die Investoren mit. Weitere Verurteilungen würden Bayers Investoren kaum goutieren, sie gefährdeten den Ruf, zitierte die «NZZ am Sonntag» vergangene Woche den Schweizer Anwalt Peter Haas von der Kanzlei Ever­sheds Sutherland. Der Konzern werde abwägen müssen, ob ein Vergleich mittels Sammelklage letztlich doch der bessere Weg sein könnte.

Und Glyphosat ist nicht das einzige Problem, das Bayer mit Monsanto übernommen hat. Auch zahlreiche Bundesstaaten, Städte und Gemeinden haben in jüngerer Zeit Klagen gegen den Konzern angestrengt. Das Unternehmen habe in den Jahren 1935 bis 1972 die ebenfalls Lymphdrüsenkrebs erregende Chemikalie PCB verkauft und das Wissen über die Gefahren des toxischen Stoffes für Mensch und Umwelt verheimlicht, bis der Stoff verboten wurde. Die Behörden verlangen Schadenersatz für die aufwendige Beseitigung der Altlast etwa in ihren Abwassersystemen.

Die Erfolgschancen der Kläger sind naturgemäss schwer einzuschätzen, doch unter dem Tatbestand der Public nuisance ­erzwangen schon in den 1990er-Jahren zahlreiche Bundesstaaten einen über 200-Milliarden-Dollar schweren Vergleich mit der Tabakindustrie, welche öffentliche Hand für die medizinischen Kosten von Nikotinopfern entschädigen musste.

Den Bayer-Aktionären schwant, dass der hohe Einsatz ihres Unternehmens im «Agro­poly» ein teuerer Fehler gewesen sein könnte. Der Bayer-Konkurrent Basf, der die Pokerrunde vor zwei Jahren noch als Verlierer verlassen hatte, steht heute am besten von allen da. Die Basf-Aktien haben seit Mai 2016 um 16 Prozent zugelegt. Die Performance übertrifft jene von Bayer um ein Drittel. Derweil wird man sich auch in China fragen, wie hoch die Glyphosat-Rechnung für Syngenta noch werden könnte.

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