Pfiffe und Buhrufe für die Erben

Die Generalversammlung des Bauchemiekonzerns Sika wird weitgehend zu einem Heimspiel des Verwaltungsrates. Die Aktionäre unterstützen mit ihren Stimmen und Applaus die Führung.

Ernst Meier/Baar
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Sika-Verwaltungsratspräsident Paul Hälg leitet die Generalversammlung, die sieben Stunden und 15 Minuten dauert. (Bild: ky/Anthony Anex)

Sika-Verwaltungsratspräsident Paul Hälg leitet die Generalversammlung, die sieben Stunden und 15 Minuten dauert. (Bild: ky/Anthony Anex)

Als Showdown zwischen der Familie Burkard und dem sich gegen eine Übernahme wehrende Verwaltungsrat war sie angekündigt: die ordentliche Generalversammlung (GV) der Sika. Wegen des seit Dezember andauernden Streits rechnete man im Vorfeld mit einem Grossaufmarsch. Auf zahlreichen Stühlen im Saal blieben die Lunchpakete mit Sandwich, Mineral und Linzertorte dann doch unangetastet. 675 Aktionäre kamen an die GV, was dennoch Rekord ist; in anderen Jahren waren es knapp 500. Lag es am schönen Frühlingswetter?

Ein gutes Startquartal

Paul Hälg, Verwaltungsratspräsident, begrüsste die Anwesenden kurz nach 14 Uhr. Zunächst präsentierte Konzernchef Jan Jenisch das ausgezeichnete Geschäftsjahr 2014 und gab einen Einblick in das erste Quartal 2015. Die Zahlen zeigen keine negativen Auswirkungen des Streits.

Erst nach einer guten Stunde kam es zur mit Spannung erwarteten Debatte. Hälg erklärte ausführlich, weshalb sich die unabhängigen Verwaltungsräte und die Konzernleitung gegen den Verkaufsvertrag der Familie Burkard mit Saint-Gobain wehrt. «Diese unfreundliche Übernahme ist nicht im Interesse Sikas. Unsere erfolgreiche Strategie und das Wachstumsmodell sind akut gefährdet», sagte Hälg und verwies auf Meinungen und Einschätzungen Dritter.

Bildung einer feindlichen Gruppe

Hälg malte ein düsteres Bild aus, sprach von Wertverlust von über einer Milliarde Franken, einem deutlichen Rückgang des Börsenwertes und tiefgreifenden negativen Folgen für die Mitarbeiter. Dann kam er auf den rechtlichen Aspekt zu sprechen und sagte, dass der Verwaltungsrat wie angekündigt die Stimmrechte in einzelnen Abstimmungen auf 5 Prozent beschränkt. «Auch nach Einsicht in den revidierten Kaufvertrag sind wir der Meinung, dass die Schenker-Winkler Holding (SWH) der Familie Burkard heute bereits Befehlsempfänger von Saint-Gobain ist», sagte Hälg. Durch diese Bildung einer feindlichen Gruppe wende man die Vinkulierung der Sika-Statuten an, also die Stimmrechtsbeschränkung.

«In der Höhle des Löwen»

Es war kurz vor 16 Uhr, als mit Urs Burkard das Familienoberhaupt der fünfköpfigen Erbenfamilie ans Rednerpult schritt. Dem Sika-Verwaltungsrat blieb nichts anders übrig, als sich «in der Höhle des Löwen» zu stellen. Die Antipathie, die ihm seitens der Mehrheit der Aktionäre entgegenschlug, war zu spüren. «Den besorgten Angestellten kann ich sagen: Eure Arbeitsplätze sind sicher», sagte Burkard. Kaum hatte er das Wort «sicher» ausgesprochen, ertönten Buhrufe, Lacher, Pfiffe. Burkard fuhr fort: «Saint-Gobain hat uns das schriftlich zugesichert.» Wieder Buhrufe. Dann richtete Burkard eine Reihe von Vorwürfen an die Sika-Chefs und warf dem Verwaltungsrat eine «inszenierte Schlammschlacht» vor. Und: «Die Beschränkung der Stimmrechte entbehrt jeder rechtlichen Grundlage», sagte Burkard. Dafür erntete er von einigen Anwesenden Applaus, dann nach weiteren Worten wieder Buhrufe. Um 17 Uhr konnte Hälg zu den Wahlen übergehen. Wie erwartet wurden durch die Stimmenbeschränkung alle Verwaltungsräte bestätigt. Der von der SWH vorgeschlagene Familienanwalt Max Roesle als Ersatz für Hälg blitzte chancenlos ab. Bei den anderen Traktanden durfte die SWH mit voller Stimmkraft von gut 52 Prozent abstimmen. So verweigerte sie den unabhängigen Verwaltungsräten um Präsident Hälg die Entlastung.

Auf zur nächsten Runde

Dafür sagte die GV Ja zur Einberufung einer Sonderprüfung und zum Einsatz von Sachverständigen, wie sie eine Aktionärsgruppe um die Stiftung von Bill und Melinda Gates beantragt hatte. Gegen 21.15 Uhr, die meisten Kleinaktionäre waren bereits gegangen, zeigte sich die Familie Burkard je nach Sichtweise trotzig oder beharrlich. Ihr Anwalt beantragte eine ausserordentliche GV für den 24. Juli. Haupttraktanden: Die Abwahl von drei missliebigen Verwaltungsräten um Paul Hälg und die Zuwahl von Max Roesle. Die GV nahm an, dank voller Stimmkraft der SWH.

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