Pfarrerssohn als «achter Bundesrat»: Was Sie über den neuen Präsidenten von Economiesuisse wissen müssen

Christoph Mäder präsidiert künftig den Wirtschaftsverband Economiesuisse. Er wird Nachfolger von Heinz Karrer. Die Erwartungen an ihn sind bescheiden.

Daniel Zulauf
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Wer ist Christoph Mäder? Die Frage erscheint absurd, immerhin soll der Mann am 1. Oktober zum neuen Präsidenten von Economiesuisse gewählt werden. Und der Chef des Dachverbandes gilt bis heute als zentrale Figur der Schweizer Wirtschaft. Doch der Ruf des «achten Bundesrates», der diesem Posten bis in die 1980er-Jahre vorauseilte, ist längst verhallt. Macht und Einfluss sind der Lobbyorganisation im Lauf ihrer 150-jährigen Geschichte gründlich abhanden gekommen. Deshalb kann mit Mäder nun auch ein in der Öffentlichkeit weitgehend unbeschriebenes Blatt den Präsidentenjob übernehmen.

Christoph Mäder folgt auf Heinz Karrer

Christoph Mäder übernimmt das Amt des Economiesuisse-Präsidenten von Heinz Karrer. Der frühere Axpo-Chef präsidierte den Dachverband der Schweizer Wirtschaft während sieben Jahren. Im Vorstand war der 61-Jährige während zwölf Jahren. Karrer hat laut Economiesuisse dafür gesorgt, dass organisatorisch «Schritt für Schritt Stabilität und Ruhe eingekehrt ist». Der Verband habe sich neu ausrichten können und operativ wieder zur ursprünglichen Stärke und Professionalität zurückgefunden. Von 19 Abstimmungskampagnen unter Karrer seien 17 im Sinne von Economiesuisse ausgegangen. Karrer übergibt sein Amt im September. (ehs)

Gewiss, der Aargauer ist nach einer langen Karriere hervorragend vernetzt in der Schweizer Geschäftswelt. Vor zwanzig Jahren schaffte er den Aufstieg in die Konzernleitung des Agrochemieunternehmens Syngenta. Als Leiter des Rechtsdienstes, Verantwortlicher für Steuerabteilung und als Sekretär des Verwaltungsrates anerbot sich der Jurist mit aargauischem Anwaltspatent für vielerlei komplexe Stabsaufgaben.

Nach der Übernahme der Chinesen im Jahr 2016 hielt er es dort länger aus alle seine vormaligen Kollegen. Gewissenhaft verteidigte er die Absichten der neuen Eigentümer und schirmte sie gegen die vielen Vorbehalte aus der Politik und aus Wirtschaftskreisen ab: «Es gibt keinen Grund Angst zu haben», versicherte er der lokalen Bevölkerung via Radio. Er sei überzeugt, dass die ChemChina Syngenta weiterentwickeln und nicht nur die Technologien an sich reissen wolle, betonte er gegen die vielen anders lautenden Stimmen im Land. «Das hätten die Chinesen mit Lizenzverträgen billiger als für 43 Milliarden Dollar haben können.»

Pfarrerssohn aus der Zuckerhauptstadt

Doch Ende Juli 2018 ging das Syngenta-Kapital auch für Mäder zu Ende. Der Pfarrerssohn aus der Schweizer Zuckerhauptstadt Rupperswil machte sich selbstständig. Nach einem ganzen Arbeitsleben im Dienst von Institutionen (Bezirksgericht Rheinfelden, Universität Basel), Verbänden (Aargauische Industrie- und Handelskammer, Handelskammer beider Basel, Scienceindustrie, Economiesuisse) und Unternehmen (Sandoz, Novartis, Syngenta) wählte der 60-jährige 2019 die Partnerschaft in einem Lenzburger Advokaturbüro.

Von dort aus hat er seine Mandatstätigkeit weiter ausgedehnt. Zu dem bereits seit 2016 bestehenden Verwaltungsratssitz bei Lonza kamen 2018 und 2019 entsprechende Mandate bei Ems Chemie, Baloise und Assivalor hinzu - ergänzt durch verschiedene Beiratssitze unter anderem beim Beratungsunternehmen Accenture oder bei der Vereinigung Schweizerischer Unternehmen in Deutschland.

Mäders zweiseitiges Curriculum zeugt von viel Fleiss und grosser Zielstrebigkeit aber die Glanzpunkte sucht man vergeblich. Dies ganz im Unterschied zu seinem Vorgänger und aktuellen Präsidenten Heinz Karrer. Dessen Vita strotzt vor Höhepunkten, was Angesichts seines Aufstieges vom einfachen Bankangestellten zum Spitzenmanager mit Universitätsabschluss auch nicht weiter verwundert. Der «Handwerker», wie ihn die sozialdemokratische Wirtschaftspolitikerin Susanne Leutenegger-Oberholzer einst fast liebevoll nannte, verdiente sich in seiner Arbeit für staatsnahe Unternehmen (vier Jahres Swisscom, elf Jahre Axpo) auch im linken Lager viele Sympathien.

Während seines Intermezzos als Ringier-Chef lernte Karrer, was Kommunikation für eine Karriere bedeuten kann und wie sie wirkungsvoll gemacht werden muss. Nichts, was seinem guten Ruf förderlich sein könnte, blieb der Öffentlichkeit verborgen. Karrer, der leidenschaftliche Bergsteiger, Karrer der Familienmensch und stolze Vater von drei Söhnen, Karrer der Handballspieler, der es in seiner Karriere als Spitzensportler bis an die Olympischen Spiele nach Los Angeles brachte. Als Karrer 2013 den kläglich gescheiterten Economiesuisse-Präsidenten Rudolf Wehrli nach dessen nur einjährigem Interregnum ablöste, wurde er in Wirtschaft und Politik wie der Erlöser gefeiert.

Mässige Erfolgsbilanz von Vorgänger Heinz Karrer

Karrer brachte den ins Stottern geratenen Motor des Dachverbandes wieder zum Laufen. Von 19 Abstimmungskampagnen habe Economiesuisse unter seiner Leitung der 17 gewonnen, liest man in der Medienmitteilung von vergangener Woche. Nur zweimal war er nicht erfolgreich: bei der Masseneinwanderungsinitiative und bei der Unternehmenssteuerreform. Es waren freilich zwei der mithin wichtigsten Vorlagen für die im Dachverband überproportional stark vertretene Grossindustrie mit ihrer stark internationalen Ausrichtung. So geht auch Karrers Ära bei Economiesuisse mit einem bloss mässigen Erfolgsausweis zu Ende. Die erhoffte Dynamisierung der Organisation ist nicht gelungen. Noch immer wirkt der Verband träge, zu wenig agil, um in der öffentlichen Diskussion der wichtigsten politischen Fragen eine führende Rolle zu spielen.

Vom Gewerbeverband ergeht der Vorwurf der Wankelmütigkeit. Direktor Hans-Ulrich Bigler kritisiert:

«Es fehlt ein klares Profil.»

Ein Hüst und Hott in der Energiestrategie 2050 habe in der Volksabstimmung 2017 dazu geführt, dass der Verband nicht einmal eine eigene Parole fasste. In der öffentlichen Diskussion um einen verlängerten Vaterschaftsurlaub lasse Economiesuisse gewichtige Mitgliedsfirmen mit eigenen, überaus grosszügigen Modellen vorpreschen, statt die selbst ernannten Musterknaben an Nöte der KMU und damit an das Gesamtinteresse der Schweizer Wirtschaft zu erinnern.

Die Niederlagen der Wirtschaft in wichtigen direktdemokratischen Urnengängen sagt nicht nur viel über den geschwundenen politischen Einfluss der Unternehmensverbände. Ebenso deutlich wird in diesen Urnengängen, dass in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend schwerer gefallen ist, mit einer Stimme zu sprechen.

Es sei schwieriger geworden, auf politischer und medialer Ebene tragfähige Koalitionen zu schmieden, schreibt André Mach, Politikwissenschafter an der Universität Lausanne, in der Zeitschrift «Schweizer Monat» zum 150. Geburtstag von Economiesuisse. Genau das müsse den Verbänden künftig aber mehr gelingen, wenn sie ihr wirtschaftliches Gewicht auch in der Politik zur Geltung bringen wollten. Ob der Dachverband unter Christoph Mäder in diesem Punkt weiterkommt, bleibt abzuwarten. «Die Erwartungen sind tief» sagt ein Beobachter, und setzt den Kontrast zu Karrer.

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