Peugeot-Citroën unter Hochspannung

Der französische Autohersteller PSA Peugeot-Citroën legt heute einen katastrophalen Jahresabschluss vor. In der von der Schliessung bedrohten und seit Wochen bestreikten Fabrik Aulnay herrscht Hochspannung. Ein Lokalaugenschein.

Stefan Brändle
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Streikender in der PSA-Fabrik. (Bild: ap/Christophe Ena)

Streikender in der PSA-Fabrik. (Bild: ap/Christophe Ena)

AULNAY-SOUS-BOIS. «Ein Funke genügt», raunt der junge Flugblattverteiler den Arbeitern zu, die durch die Drehtore die PSA-Fabrik verlassen. Es ist 14 Uhr, Schichtwechsel in der PSA-Fabrik von Aulnay-sous-Bois, einem trostlosen Vorort von Paris. Die Wolken hängen tief, die Gesichter sind verschlossen. Kaum jemand greift sich das Flugblatt mit der Überschrift «L'étincelle» (der Funke), auf dem ein Hammer und eine Sichel prangt.

Zu einer kleinen Revolution wären die Kumpels allemal bereit. Seit drei Wochen bestreiken sie die Fabrik. Ihr Protest richtet sich gegen die für 2014 angekündigte Schliessung dieser Werkstätte, einer der ältesten von Peugeot-Citroën – und Sinnbild für den Einbruch der französischen Autoindustrie: Wegen der sinkenden Nachfrage streicht PSA 8000 Stellen, Renault deren 8200. Die soziale Spannung überträgt sich aufs ganze Land. In Aulnay könnte der Funke als erstes zünden.

Wut, Erstarrung, Bewegung

Wütend streiken die Arbeiter für die Beibehaltung der Fabrik. Die Fabrik, ein Hangar von so riesigen Ausmassen, dass man in der Mitte nicht einmal die Seitenwände sieht, steht bereits weitgehend still. Auf den Fliessbändern warten halbfertige Karosserien. Wie in einem Filmriss: Nichts bewegt sich. Bis auf eine surreale Szene. Mitten in dieser erstarrten Fabriklandschaft stehen sich auf einem Vorplatz zwei Menschengruppen gegenüber – auf der einen Seite Arbeiter mit Gewerkschaftsklebern auf den Lederjacken, auf der anderen Seite PSA-Kader mit Helmen und leuchtend gelben Fabrikwesten. Gewerkschafter François sagt: «Wir wollen die Fabrik besetzen, und sie wollen uns daran hindern. Seither schauen wir uns in die Augen.»

Mit Trommeln und Nebelhorn

Plötzlich erklingt ein Trommelwirbel. Zwei Arbeiter treten mit umgeschnallten Blechtrommeln auf. Sie dreschen wie wild auf das Fell und stürmen auf die Westenträger zu, um Zentimeter vor ihnen zu bremsen. Ein Arbeiter röhrt mit einem Nebelhorn, einer zündet einen Knallfrosch. «Zermürbungstaktik», schreit der Gewerkschafter durch das Inferno. «Wir machen Lärm, um sie zu vertreiben.» Sie sind nur noch zwei Dutzend – halb so viele wie am Anfang. Die PSA-Kader, mit verschränkten Armen und Pfropfen in den Ohren, rühren sich aber nicht vom Fleck. Die Gewerkschaft verlangt, dass die Fabrik «nicht nur ein paar Monate weiterlebt». Der Zustand der französischen Autoindustrie spricht indes dagegen. PSA und Renault verzeichnen vorab im südeuropäischen Markt zweistellige Absatzeinbrüche. Schuld ist die Krise, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und Billigkonkurrenz.

Hilfe erwarten die Streikenden höchstens noch vom Staat. Aber das Grundproblem bleibt: Von den 220 000 Stellen der französischen Autoindustrie sind Tausende überzählig. Die Streikenden in Aulnay wissen dies auch. Die PSA-Kader sowieso. Im Herzen der riesigen Fabrik stehen sie sich gegenüber, in einem symbolischen und doch sinnlosen Grabenkampf.