Pessimismus fehl am Platz: Die Coronakrise macht Immobilen in der Ostschweiz attraktiv

Der Immobilienmarkt in der Ostschweiz ist intakt. Die Preise sind stabil. Es geht nur etwas langsamer zu.

Stefan Borkert
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Besichtigungen laufen heute anders ab, als vor der Krise.

Besichtigungen laufen heute anders ab, als vor der Krise.

Bild: Gaëtan Bally/KEY

Der Immobilienmarkt präsentiert sich alles in allem recht stabil in der aktuellen Krise. Regional gibt es Unterschiede, aber für Panik gibt es besonders in der Ostschweiz keinen Grund. Zwar kommt Ernst & Young (EY)in einer Umfrage zu dem Schluss: «Die Schweizer Immobilienwirtschaft steht angesichts der Covid-19-Krise vor gewaltigen Herausforderungen.» Dann aber schiebt der Autor der Studie, Claudio Rudolf, Partner und Leiter Transaction Real Estate bei EY-Schweiz, nach:

«Pessimismus ist aber fehl am Platz.»

Immobilien- und Liegenschaftsexperten in der Ostschweiz haben sich arrangiert. Bei der Goldinger Immobilien AG mit Sitz unter anderem in Frauenfeld und St.Gallen heisst es:

«Es ist eine Frage der Einstellung und der Handhabung dieser für alle Beteiligten ungewöhnlichen Situation.»

Manche überzahlen sogar

Werner Fleischmann, Fleischmann Immobilien AG

Werner Fleischmann, Fleischmann Immobilien AG

PD

Werner Fleischmann von der Fleischmann Immobilien AG in Weinfelden sagt auch, dass man sich auf die Situation eingestellt und sich angepasst habe. Open-House-Veranstaltungen seien derzeit nicht möglich. Aber gestaffelt unter Einhaltung der Sicherheitsempfehlungen des Gesundheitsamtes, könne man auch Hausbesichtigungen machen. Leer stehende Liegenschaften seien kein Problem. Man desinfiziere dann eben. Ein Termin vor Ort sei wichtig, denn:

«Ein Haus kauft man mit dem Bauch.»

Auch was die Preise angeht, sieht er keinen Einbruch. «Ehrlich gesagt staune ich, dass die Leute Preise sogar überzahlen.» Was er sich hingegen vorstellen kann, ist, dass es vereinzelt zu Notverkäufen kommen könnte. Denn wenn eine Firma zu stark unter Druck gerate, dann könnte es sein, dass verkauft werden müsse. Die Hypothekarzinsen bereiten ihm auch kein Kopfzerbrechen.

Das sieht auch Thomas Mesmer, Präsident des SVIT (Schweizerischer Verband der Immobilienwirtschaft) Ostschweiz so. Er sagt nach Telefonaten mit Bankberatern: «Vor der Coronakrise waren die Zinsen in ununterbrochenem Sinkflug. Jetzt haben sie im Zuge der Hysterie ein wenig angezogen. Mittelfristig werden sie wieder sinken. Diesen leichten Anstieg kann man managen, eine gute Bankberatung und ein wenig Weitsicht vorausgesetzt.»

Auf digitalem Weg einen notariellen Vertrag abzuschliessen, sei nicht möglich. Aber er betont: «Ich staune und möchte hier ein Kompliment aussprechen, wie dienstleistungsbereit, kooperativ und flexibel die Grundbuchämter arbeiten. Ich stelle keinerlei Einschränkungen fest. Zudem ist der Kauf von Wohneigentum eine im Leben einmalige Sache, die möchte man nicht digital abwickeln.»

Seine persönliche Einschätzung ist: «Die Immobilien- und Baubranche hat vor der Krise geboomt. Die Krise schafft ein weiteres Argument, in Sachwerte wie Immobilien zu investieren. Wir werden nach der Rückkehr zur Normalität mittelfristig in unserer Branche nochmals einen Schub erfahren.»

«Der Markt liegt nicht am Boden»

Manuel Gervilla, Leiter des Marktgebiets Thurgau bei der Raiffeisen Immo AG, sagt, dass viele Besichtigungen auf Kundenwunsch hin verschoben wurden. Aber man versuche viel auf digitalem Weg und telefonisch zu erledigen. Um den Markt in der Ostschweiz macht er sich vorderhand keine Sorgen: «Der Markt liegt nicht am Boden, aber eine Zurückhaltung ist sowohl seitens Käufer als auch Verkäufer spürbar. Das dürfte sich aber nach dieser ausserordentlichen Situation wieder ändern. Das Angebot ist nach wie vor knapp, sodass wir keine markanten Preiseinbussen befürchten. Raiffeisen rechnet nicht mit einem Boom, aber mit gewissen Aufholeffekten, die dem Markt wieder mehr Luft verschaffen und die Aktivität wieder erhöhen wird.»

Manuel Gervilla, Leiter Marktgebiet Thurgau, Raiffeisen Immo AG

Manuel Gervilla, Leiter Marktgebiet Thurgau, Raiffeisen Immo AG

PD

Anders sieht es bei Mietwohnungen aus: «Am Mietwohnungsmarkt wird die Delle wahrscheinlich etwas grösser ausfallen, weil vor allem dort die fehlende Zuwanderung relevant ist. Wir rechnen nicht damit, dass die Migration rasch wieder auf das Vor-Corona-Niveau zurückschnellt», sagt Gervilla.