Pensionskassen werden gnädiger: Mieterlass für Betriebe in der Ostschweiz – «Wir streben Gleichbehandlung an»

Die Mieten belasten in der Coronakrise noch viele Gewerbler. Einige Pensionskassen und Versicherungen wollen nun entgegenkommen.

Kaspar Enz
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Coiffeure haben in Zeiten von Corona keine Möglichkeit, Einnahmen zu erzielen.

Coiffeure haben in Zeiten von Corona keine Möglichkeit, Einnahmen zu erzielen.

Bild: Getty

Bei Mode Weber gehen in diesen Tagen bestellte Ware ein, modische Kleider für Frühling und Sommer. Doch die Läden bleiben weiterhin geschlossen. Ob die neuen Kleider noch modisch und saisongerecht sind, wenn die Geschäfte wieder öffnen? «Der Druck, die Preise zu senken, steigt enorm», sagt Inhaber Erich Weber. Bei den Lieferanten gibt es hingegen kaum Rabatt.

«Manche geben längere Zahlungsfristen. Aber das verschiebt nur das Problem.»

Ähnlich ist es bei den Mieten. Wie vom Bundesrat empfohlen, sucht Weber das Gespräch mit den Vermietern seiner rund 20 Ladenflächen in der ganzen Ostschweiz. Dabei versucht er, mehr zu erreichen als eine Verlängerung der Zahlungsfrist. Mit unterschiedlichem Erfolg. «Regional verbundene Vermieter zeigen mehr Verständnis als grosse, nationale Unternehmen», sagt er, auch wenn es Ausnahmen gebe. «Meist wartet man bei den Grossen auf nationale Entscheide.» Und man lässt Gewerbetreibende wie Weber warten. «Dabei wird die Situation langsam bedrohlich.»

Institutionelle Anleger geben nach

Dass die Mieten für viele KMU ein Problem sind, haben scheinbar auch die Spitzen von grossen Unternehmen erkannt, gerade bei Versicherungen und Pensionskassen. Noch kurz vor Ostern meldeten die Versicherungen Swiss Life und Helvetia, unter gewissen Bedingungen Geschäftsmieten zu erlassen. Als der Bundesrat die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus in Kraft setzte, seien über 100 Anfragen eingegangen, sagt Helvetia-Sprecher Jonas Grossniklaus. Sie fragten nicht nur nach Stundungen, sondern nach Mietreduktionen.

Nach einer Analyse habe Helvetia entschieden, diesen Gewerblern entgegenzukommen. «Das richtet sich an Kleinbetriebe, die ihre Geschäfte schliessen müssen», sagt Grossniklaus. Ein Anspruch auf eine Mietreduktion haben Geschäftsmieter in Helvetia-Liegenschaften allerdings nicht. «Die Anträge werden individuell beurteilt», sagt er. Die Versicherung rechnet mit über 200 Anfragen.

Einen Schritt weiter gehen die Valiant-Bank und ihre Pensionskasse. Sie erlässt allen KMU, die in einer ihrer Liegenschaften eingemietet sind, die Mieten für die Monate Mai und Juni. «Ausgenommen davon sind nur drei Grossunternehmen», sagt Pressesprecher Marc Andrey. Einen Unterschied, ob das KMU direkt von den bundesrätlichen Massnahmen betroffen ist oder nicht, macht die Valiant nicht. «Zuerst wollten wir eine Selektion machen», sagt Andrey. «Aber das war nicht zielführend. So werden alle gleich behandelt.»

Gerechte Lösung wird noch gesucht

Denn nicht nur Restaurants oder Coiffure, deren Betriebe schliessen mussten, sind von den Massnahmen betroffen. Auch Unternehmen, die geöffnet bleiben dürfen, haben oft starke Einbussen. Das sei auch eine Frage der Gerechtigkeit, sagt Stefan Schäfer, Geschäftsführer der St.Galler Pensionskasse.

«Ein Coiffeur hat zum Beispiel gar keine Einnahmen mehr. Andere Geschäfte können noch etwas verdienen. Wir streben Gleichbehandlung an.»

Wie diese aussieht, weiss die SGPK noch nicht. «Wir warten noch ab, in welchem Ausmass der Bundesrat die Massnahmen lockert. Vielleicht entspannt sich auch die Lage der Mieter etwas», sagt Schäfer. Aber die SGPK sei durchaus bereit, Betrieben mit Mietreduktionen entgegenzukommen. «Wir haben auch ein Interesse daran, dass unsere Mieter langfristig erfolgreich sind», sagt Schäfer. Die Ausfälle, die der SGPK mit einer solchen Reduktion für Geschäftsmieter entstünden, seien zwar schwer zu beziffern. Die Renten wären davon nicht betroffen.

Noch prüft auch die Pensionskasse Asga einen solchen Schritt. «Wir haben Verständnis für die Lage der Gewerbemieter, welche jetzt keine oder nur reduzierte Einnahmen erzielen können», sagt Sprecherin Bianca Sieber. So habe die Kasse bereits mit Stundungen und Ratenzahlungsvereinbarungen für besonders betroffene KMU reagiert. «Wir prüfen jeden Antrag individuell und beobachten die Situation.» Denn es ginge auch darum, dass die Mieter die Krise möglichst unbeschadet überstehen können.

Allerdings komme jeder erwirtschaftete Franken den Versicherten zugute, sagt Bianca Sieber. Man müsse sich deshalb auch der Tragweite der Entscheidung bewusst sein. Nichtsdestotrotz würden Mietzinsreduktionen der nächste notwendige Schritt sein, so Sieber. «Wir prüfen derzeit die Möglichkeiten für eine pragmatische Lösung.»

Thurgauer reagierten schnell

Kurz, nachdem der Bundesrat die Massnahmen verkündete, reagierte die Pensionskasse Thurgau bereits. Sie durchforstete das Portfolio nach direkt betroffenen Mietern. «Ihnen haben wir eine Monatsmiete erlassen. Zwei weitere Monatsmieten können mittels Stundung bis zum Juni 2021 zurückgezahlt werden», sagt Romeo Vetter, Real Estate Manager der PKTG. Im Sinne eines partnerschaftlichen Verhältnisses mit den Mietern sei dies vertretbar, sagt Vetter.

«Es muss den Mietern auch gut gehen. Eine Wiedervermietung der Flächen würde auch Kosten mit sich bringen.»

Die Rentner der Pensionskasse des Thurgaus müssten sich deswegen keine Sorgen machen. «Der Verlust bewegt sich unter einem Prozent der Einnahmen», sagt Vetter. «Wir haben auch vergleichsweise wenige Geschäftsmieter in unseren direkt gehaltenen Immobilien. Es ist also ein hinnehmbares und vor allem auch kalkulierbares Risiko.»

Wegen Virus geschlossen: Die Miete bleibt eine Bürde

Der Bundesrat will die Nachfristen für säumige Mieter verlängern. Auch viele Vermieter von Geschäftslokalen bieten Stundung an. Wirte und andere Gewerbler fordern aber eine Reduktion der Lokalmieten. Ein Mietaufschub verschiebe nur das Problem.
Kaspar Enz