Pensionskasse für Gutverdiener bringt Erleichterung – nicht nur für Versicherte

Für sehr gut verdienende Angestellte bieten immer mehr Vorsorgeeinrichtungen ab einer fixen Lohngrenze Anlage-Wahlmöglichkeiten. Diese funktionieren ähnlich wie bei der dritten Säule.

Rainer Rickenbach
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Gut bezahlten Kaderleuten bieten sich zusätzliche Vorsorgelösungen. (Bild: Symbolbild: Gaëtan Bally/Keystone)

Gut bezahlten Kaderleuten bieten sich zusätzliche Vorsorgelösungen. (Bild: Symbolbild: Gaëtan Bally/Keystone)

Die 1e-Vorsorgelösung ist etwas für gut bezahlte Kaderleute. Sie richtet sich an Angestellte, die von ihrem Arbeitgeber mehr als 127'980 Franken (AHV-Lohn) Jahresgehalt auf ihr Lohnkonto überwiesen erhalten. Ab dieser Einkommensgrenze entscheiden die Versicherten mit einer 1e­Lösung selber, wie sie ihr Vorsorgegeld angelegt haben wollen. Ihnen bietet sich die Wahl zwischen bis zu zehn verschiedenen Anlagestrategien: Die Spanne reicht von sehr vorsichtigen – mit nicht einer einzigen Aktie im Sparvermögen – bis hin zu riskanten Varianten mit einem hohen Aktienanteil von 75 Prozent.

Diese Kategorie in der Pensionskassenlandschaft heisst 1e, weil sie auf eine Verordnung des Bundes aus dem Jahr 2017 zurückgeht, die diese Bezeichnung trägt. Es gab sie freilich schon vorher. Doch mit der Verordnung ist sie präziser vorgegeben, leichter zu handhaben und kommt darum nun in der zweiten Säule öfter zum Zug. «Die Einführung von 1e-Sparplänen bei der Credit ­Suisse ist ein wichtiger Schritt hin zu einem flexibleren System. Sie geben Versicherten die Möglichkeit, die eigene berufliche Vorsorge deutlich stärker als bisher mitzubestimmen», sagt Martin Wagner, Geschäftsführer der Credit-Suisse-Pensionskasse.

Die Grossbank führt 1e im kommenden Jahr ein. Die Kategorie ist indes nicht zu verwechseln in den weitverbreiteten Kaderkassen. Denn 1e funktioniert unabhängig von der angestammten Pensionskasse der Firma und wird von einem eigenen Stiftungsrat geführt.

Vorsorgesparer tragen das Anlagerisiko selber

Die Gutverdiener haben nicht nur eine Anlage-Auswahl, sie tragen auch das volle Risiko ihres Entscheides. Denn 1e ist zwar nicht freiwillig, funktioniert aber ähnlich wie die dritte Säule: Rechnet sich Strategie der Vorsorgesparer gut, können sie die Rendite bei Rentenantritt oder Jobwechsel mitnehmen. Rechnet es sich schlecht, bleiben sie auf den Verlusten für den Teil des versicherten Lohnes über den 127980 Franken sitzen. Das Risiko liegt nicht bei der Firmen-Pensionskasse oder der Sammeleinrichtung, sondern bei den ­Vorsorgesparern selbst. Die Sparsummen der 1e-Kategorie werden beim Abschied aus der Firma zudem nur als Kapital und nicht als Rente ausbezahlt. Pech haben also die Neurentner, die viel in Aktien angelegt haben und sich ausgerechnet während einer Börsen-Baisse in den dritten Lebensabschnitt verabschieden.

1e bringt indes den grossen Vorteil mit sich, dass die Rendite auch vollumfänglich bei den Sparern ankommt. Denn anders als in den Sphären des überobligatorischen Teils (siehe Box unten) geht in der Kassen-Liga für Gutverdienende kein Geld an die Umverteilung innerhalb der zweiten Säule verloren. Heute entgehen den berufstätigen ­Pensionskassenversicherten im überobligatorischen Teil rund 7 Milliarden Franken jährlich, weil bis vor rund zehn Jahren die meisten Neupensionäre mit zu hohen Rentenversprechen in den Ruhestand geschickt wurden.

Das ist nicht ihr Fehler, sie haben niemandem etwas weggenommen. Die Kassen gingen damals schlicht und ergreifend von anderen Zukunftsszenarien aus. Dass die Lebenserwartung schneller als erwartet weiter steigt, ist dabei noch die kleinere Überraschung. Doch dass die Zinsen als «dritter Beitragszahler» über eine so lange Zeit praktisch ausfallen, hat alle auf dem falschen Fuss erwischt. Nun sehen sich die Kassen gezwungen, Rentenlöcher mit unsicheren Renditeeinnahmen von Finanzmärkten und anderen mehr oder weniger riskanten Anlagekategorien zu stopfen.

Von der systemfremden Umverteilung bleiben die 1e-Sparer verschont, da sie ihr Kapital beziehen. Der Einwand, die neue Sparkategorie sei unsolidarisch, sticht nicht: Anders als bei der AHV mit dem Umlageverfahren sollten bei den Pensionskassen alle Versicherten für sich selbst sparen.

Grosskonzerne und internationale Firmen

Für die Pensionskassen bringt die Sparkategorie für Gutverdiener eine Erleichterung, weil sie bei einem Teil der Spitzenverdiener nur noch für die Rente bis zu den versicherten 127'980 Franken aufkommen müssen. Auch ein Teil der grossen, weltweit tätigen Konzerne profitiert, denn die tieferen künftigen Rentenverpflichtungen entlasten ihre Bilanz bei den international gängigen Rechnungslegungen.

So wundert es nicht, dass in erster Linie die Pensionskassen von Grosskonzernen wie Credit Suisse, ABB oder Novartis die neue Vorsorgekategorie einführen oder bereits eingeführt ­haben. Kommt hinzu, dass bei ihnen überdurchschnittlich viele Kaderleute beschäftigt sind, die genug verdienen, um dort dabei zu sein. Ein Massenphänomen wird 1e aber nicht werden. Bei der Credit Suisse sind es weniger als 10 Prozent des Personals, das die hohe Lohn-Eintrittsschwelle erreicht. Deren Sparpotenzial schätzt die Grossbank aber auf immerhin 50 Milliarden Franken.

In der ganzen Schweiz gab es Ende 2018 gemäss der Schweizerischen Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge 16 BVG-Einrichtungen mit 11'264 aktiv Versicherten und insgesamt 3,7 Milliarden Franken Vorsorgekapital, die 1e-Lösungen anbieten. «Das macht lediglich gegen ein halbes Prozent der gesamten Vorsorgekapitalien der beruflichen Vorsorge aus», sagt Direktor Manfred Hüsler.

Auch in der Region bildet 1e eine Randerscheinung. Die Zentralschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht überwacht 403 Pensionskassen und 3a-Vorsorgeeinrichtungen mit Sitz in der Region. «Gut zehn 1e-Vorsorgeeinrichtungen haben ihren Sitz in einem der sechs Zentralschweizer Kantone. Dabei handelt es sich zum einen um firmeneigene Vorsorgelösungen von international tätigen Unternehmen und zum anderen um Sammeleinrichtungen», sagt Geschäftsleiterin Barbara Reichlin Radtke.

Die drei Stufen der Pensionskassen

Obligatorischer Bereich: Er ist streng reglementiert und versichert den Einkommensteil zwischen 24'885 bis 85'320 Franken. Für ihn gilt nach wie vor der Umwandlungssatz von 6,8 Prozent. Dieser Satz ist massgebend für die Rentenhöhe. Die Mindestverzinsung liegt aktuell bei einem Prozent. Der überobligatorisch versicherte Teil des Altersguthabens ist weniger eng reglementiert. Er beginnt bei einem Gehalt von 84'600 und endet bei 127'900 Franken. Zusammen mit dem obligatorischen Bereich bildet er eine sogenannte umhüllende Kasse.

Über den überobligatorischen Teil lassen sich die Umwandlungssätze unter die 6,8 Prozent des obligatorischen Bereichs senken. Die Sätze beider Kassenteile liegen heute für Neurentner mit 65 in der Spanne von 4,8 bis 6 Prozent des Sparvermögens. Pro 100'000 Franken Sparkapital sind das 4800 bis 6000 Franken im Jahr.

Ab 127'900 Franken können Pensionskassen 1e-Lösungen anbieten. Die Versicherten können für diesen Teil ihres Sparkapitals die Anlagestrategie selber wählen, tragen aber auch das volle Risiko. Im Gegensatz zum obligatorischen und überobligatorischen Bereich gibt es bei 1e keine Altersrenten, sondern nur volle Kapitalbezüge. (rr)

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