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Overtourism? Bei uns doch nicht! Schweizer Tourismus-Verband bezieht Stellung

Der Schweizer Tourismus-Verband bezieht erstmals Stellung zu überfüllten Ferienorten. In Zukunft soll es vor allem darum gehen, Touristenströme gezielter lenken zu können.
Sven Altermatt
Touristen der 4'000 Personen grossen chinesischen Reisegruppe der Kosmetikfirma «Jeunesse Global» ziehen durch die Stadt Luzern (Bild: Urs Flüeler, Keystone, 13. Mai 2019)

Touristen der 4'000 Personen grossen chinesischen Reisegruppe der Kosmetikfirma «Jeunesse Global» ziehen durch die Stadt Luzern (Bild: Urs Flüeler, Keystone, 13. Mai 2019)

Manche sprechen abschätzig von einer «Chinesen-Welle», andere von einer «XXL-Reisegruppe». Noch nie empfing die Schweiz so viele ausländische Touristen auf einmal: Seit vergangener Woche reisen 12000 Chinesinnen und Chinesen durchs Land. Sie sind Angestellte eines Kosmetikkonzerns und werden, allein schon aus logistischen Gründen, gestaffelt herumgeführt. Die grösste Gruppe mit 4000 Personen traf am Montag mit 100 Cars in Luzern ein. Am Seebecken und in der Altstadt wimmelte es nur so von chinesischen Touristen.

Eine solch grosse Reisegruppe bleibe die absolute Ausnahme, betonen die Luzerner Touristiker. Trotzdem heizen die chinesischen Gäste eine Debatte an, die besonders in Luzern hitzig geführt wird. Sie dreht sich um die Fragen: Gibt es zu viele Gäste in der Stadt? Und wie viel Tourismus verträgt das Land?

Overtourism heisst das Schlagwort dazu. Es steht für verstopfte Gassen, lange Warteschlangen und überfüllte Strände. Mancherorts werden Touristen für Einheimische zu einem Störfaktor, der ihren Alltag zunehmend belastet.

Punktueller Dichtestress

Der Zufall will es, dass sich diese Woche auch der Schweizer Tourismus-Verband erstmals offiziell in die Debatte einmischt. Die Organisation legt ein mit Spannung erwartetes Positionspapier vor, unter dem Titel «Overtourism und seine Begleiterscheinungen». Gleich im ersten Abschnitt macht der Verband in fett gedruckten Buchstaben klar: «Man kann in der Schweiz nicht von Overtourism sprechen.» Zwar sei der Tourismus einer der weltweit am schnellsten wachsenden Wirtschaftssektoren, doch das Land profitiere im Vergleich weniger davon. «Profitieren», das Verb ist natürlich bewusst gewählt. Denn grundsätzlich sei Tourismus zu begrüssen, betont der von CVP-Nationalrat Dominique de Buman präsidierte Verband. Ihm gehören die 500 wichtigsten Player der Branche an.

In einigen Destinationen jedoch habe sich «die wachsende Masse von Touristen so stark konzentriert, dass die einheimische Bevölkerung Probleme bekundet». Neben Luzern werden im Verbandspapier auch Interlaken und Bern sowie das Jungfraujoch und die Rigi genannt. Das Phänomen ist laut dem Verband nicht neu, überhaupt trete es «nur sehr punktuell auf». Mit dem Aufkommen des Begriffs «Overtourism» werde vermehrt emotional argumentiert und auch das mediale Interesse sei gestiegen.

Nur heisse Luft also? So einfach wollen es sich die obersten Touristiker der Schweiz dann doch nicht machen. Nach der einleitenden Klarstellung folgen im Positionspapier differenziertere Töne. Der Massentourismus könne negative Begleiterscheinungen aufweisen, heisst es. «Während viele Destinationen gerne mehr Gäste hätten, erhöht sich der Dichtestress an einigen wenigen Hotspots zu bestimmten Zeiten.» Wo die Schwelle zu Overtourism beginnt, lässt sich kaum an einer objektiven Grenze festmachen. «Wird die Kapazität der Destination durch die touristische Nachfrage überschritten, ist von Overtourism die Rede», erklärte der Tourismusfachmann Fabian Weber von der Hochschule Luzern jüngst dieser Zeitung. Limitierend wirken könnten ebenso die Infrastruktur oder die Akzeptanz der Einheimischen.

Strikt gegen Einschränkungen

Der Tourismus-Verband ist sich bewusst, wie schnell ein Unbehagen in offene Feindseligkeit umschlagen kann. In Badeorten am Mittelmeer etwa sprayen Aktivisten immer mal wieder Parolen wie «Tourist go home» an die Mauern. Damit die Reiserei hierzulande «angesichts des erwartenden Wachstums in den kommenden Jahren» nicht plötzlich als Bedrohung empfunden wird, schweben dem Verband vorbeugende Massnahmen vor. Ziel müsse es sein, gesund und nachhaltig zu wachsen. Negative Konsequenzen für Einheimische wolle man verhindern. Debattiert wird, wie die Touristenströme so gelenkt werden können, dass sie nicht als unangenehm empfunden werden. Der Verband befürwortet grundsätzlich eine Steuerung. Wenn nötig, sollen Reisende räumlich und zeitlich besser verteilt werden.

Weniger Umsätze will aber keiner hinnehmen, und weniger Menschen sind aufgrund dessen auch nicht unterwegs. Die Rede ist etwas sperrig von «Massnahmen, die das Aufkommen bei Bedarf umlenken und breit verteilen, ohne die unternehmerische Freiheit wesentlich zu beschneiden». Der Verband will die Touristenströme mit gezieltem Marketing und neuen Angeboten lenken. So sollen etwa Vereinbarungen mit Car-Unternehmen geschlossen werden. Ebenso denken die Touristiker an «geschickte Raumplanungsmassnahmen», um Tagestouristen besser zu verteilen. Zudem müssten Daten wie Gästebuchungen endlich einheitlich erhoben werden. «So kann abgeschätzt werden, wie hoch die Auslastung zu welchem Zeitpunkt ist», schreibt der Verband. Er plädiert für eine bessere Koordination zwischen den wichtigsten Akteuren der Branche – strikte Regulierungen aber dürften wirklich bloss als letzte Massnahme eingeführt werden.

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