Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Nüssli, Arbonia und Co.: Ostschweizer Firmen zieht es nach Ostdeutschland

Schweizer Unternehmen gehörten nach dem Mauerfall zu den wichtigsten Investoren in den neuen Bundesländern. Auch Ostschweizer Firmen wie Nüssli, Jansen und Baumer zog es nach Ostdeutschland.
Kaspar Enz

Es ist der 21. Juli 1990. Mitten in Berlin, im einstigen Niemandsland zwischen Ost und West, führt Roger Waters, Frontmann von Pink Floyd, «The Wall» auf. Das Konzert ist ein Symbol für die Aufbruchsstimmung, die der Mauerfall ausgelöst hatte. Und die Ostschweizer Wirtschaft war schon dabei. Erbaut wurde die Bühne von der Hüttwiler Nüssli, die im Vorjahr einen ersten deutschen Standort gegründet hatte. Seit 1999 hat Nüssli auch einen Standort im brandenburgischen Ludwigsfelde. Vor allem wegen der Nähe zur Hauptstadt, wo viele sportliche und kulturelle Veranstaltungen stattfinden, sagt Nüssli-Sprecherin Marike van der Ben.

Grosse Teile Ostdeutschlands haben wirtschaftlich aber noch nicht zum Westen aufgeschlossen. Das zeigt sich auch in den Schweizer Exporten. In die ostdeutschen Bundesländer exportierten Schweizer Unternehmen 2018 Güter für rund drei Milliarden Euro. Nach Baden-Württemberg liefern sie das Fünffache. Ralf Bopp, Direktor der Handelskammer Deutschland-Schweiz, relativiert. Ganz so einseitig sei die Situation nicht. Er sagt:

«Viele Schweizer Firmen haben langjährige Beziehungen zu Firmen im Westen.»

Und diese wiederum hätten Standorte oder Partner im Osten. «So ist der Austausch mit dem Osten tatsächlich grösser, aber er verläuft indirekt.» Ausserdem wachse der Anteil der Exporte nach Ostdeutschland, wenn auch langsam. Ein positives Signal sei auch der Entscheid von Volkswagen, seine Elektroautos in Zwickau zu bauen.

Allerdings haben viele Schweizer Betriebe in Ostdeutschland investiert, sagt Bopp, vor allem die Industrie und das produzierende Gewerbe. Schon bald nach der Wende gehörten Schweizer Firmen zu den wichtigsten Investoren in den neuen Bundesländern. Sechs Jahre nach der Wiedervereinigung hatten Schweizer Unternehmen 139 Staatsfirmen übernommen. Zuständig für die Privatisierungen war die Treuhandanstalt. Als diese im neuen Jahrtausend ihre Arbeit beendete, hatten Schweizer Unternehmen bereits 1,3 Milliarden investiert. Nach den USA und Grossbritannien waren die Schweizer damit die drittgrössten ausländischen Investoren im Osten.

Doch die Arbeit der Treuhandanstalt stiess im Osten auf Kritik. So fühlten sich viele von den neuen Chefs aus dem Westen von Oben herab behandelt.

Auf Augenhöhe begegnen

Ein ehemaliger Staatsbetrieb ist auch die heutige Baumer Optronics im sächsischen Radeberg. Der Frauenfelder Sensorik-Spezialist Baumer übernahm das Unternehmen 1997. Damals hatte das Unternehmen 15 Mitarbeiter. Heute ist es ein Entwicklungs- und Produktionsstandort für digitale Kameratechnik und elektrooptische Systeme mit 140 Angestellten. Der profitiere nicht zuletzt von der Nähe zur Technischen Universität Dresden. Dass es zum Deal gekommen war, sei eher Zufall, sagt der heutige Baumer-CEO Oliver Vietze. Er habe einige Ingenieure der Firma kennen gelernt. In der Aufbauphase wohnte Vietze drei Jahre mit der ganzen Familie dort. «Als weltoffene Schweizer wurden wir sehr herzlich aufgenommen», sagt Vietze.

«Das Geheimnis ist, auf gleicher Augenhöhe und mit Respekt zusammenzuarbeiten und nicht den überlegenen Schweizer raushängen zu lassen.»

Mit einem Bein in Europa

Auch Jansen, den Stahlrohrspezialisten aus Oberriet, zog es schon in den 1990er Jahren in den Osten. 1996 baute Jansen ein Werk im thüringischen Dingelstädt. Noch heute sei das Werk eines der modernsten Stahlröhrenwerke Europas. Grund für die Expansion war das Nein zum EWR-Beitritt der Schweiz. «Hätte die Schweiz zugestimmt, wären die Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe wohl in der Schweiz getätigt worden», sagt Geschäftsleiterin Priska Jansen. Weil es nahe an den europäischen Kunden liegt, und Unsicherheiten zwischen der Schweiz und der EU bestehen bleiben, sei das Werk weiterhin wichtig für Jansen.

In den letzten Jahren scheinen sich die Ostschweizer Investitionen in Ostdeutschland wieder verstärkt zu haben. Das war oft eine Folge der Frankenstärke. So kam im Zuge der Restrukturierung des AFG-Konzerns die Wertbau im sächsischen Langenwetzendorf zur heutigen Arbonia Gruppe. Dorthin verlagerte AFG bald auch einen grossen teil ihrer Fensterproduktion.

Und nachdem der Uzwiler Textilmaschinenhersteller Benninger seine 2007 übernommene Tochter in Zittau fast geschlossen hatte, verlagerte sie 2016 einen grossen Teil der Produktion dorthin.

«Die direkten Lohnstückkosten sind in Ostdeutschland noch tiefer als im Westen», sagt auch Handelskammer-Direktor Ralf Bopp. Aber es sei nicht der einzige Grund, der Schweizer Unternehmen anziehe. «Fachkräfte und passende Zulieferer sind bereits vorhanden», sagt Bopp. «Ausserdem spricht man Deutsch und Ostdeutschland ist von der Schweiz aus gut erreichbar.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.