Ostschweizer Start-up-Szene holt auf

Die Gründerszene der Ostschweiz wird bei Ratings oft übersehen. Doch verstecken muss sie sich nicht.

Kaspar Enz
Drucken
Teilen
In den Räumen von Startfeld in St.Gallen ist ein Start-up-Ökosystem entstanden. Bild: Mareycke Frehner (St.Gallen, 20. Dezember 2018)

In den Räumen von Startfeld in St.Gallen ist ein Start-up-Ökosystem entstanden. Bild: Mareycke Frehner (St.Gallen, 20. Dezember 2018)

Die Ostschweiz ist ein hartes Pflaster für Firmengründer. Zumindest könnte man das meinen, wenn man die Rangliste der «Top 100 Swiss Start-up Award»studiert: In den vergangenen Jahren schafften es immerhin ein paar vereinzelte Ostschweizer Jungunternehmen in die Rangliste. Dieses Jahr ist es keine einzige mehr. Die Karte der jüngsten Ausgabe des «Swiss Start-up Radar» zeigt ein ähnliches Bild: Sechs bis neun Start-ups haben danach ihr Domizil in der Stadt St.Gallen, ein paar weitere sind über die Ostschweiz verstreut.

«Die Ostschweiz fällt bei solchen Ranglisten oft etwas durch die Maschen», sagt Timur Sagirosman. Er ist stellvertretender Geschäftsführer von Startfeld. Dieses bietet Start-ups in St.Gallen Räume, Beratung und Förderung. «Wer in den Ratings vorkommt, hängt von der Jury ab.»

Nahe an den schlauen Köpfen

Im Fall des «Top 100» wurden 100 Investoren nach ihren Favoriten befragt. «Die Rangliste dürfte das Bild verzerren. Je nach Jury-Pool erhält man andere Ergebnisse», sagt Paul Sevinç, einer der Befragten. Dass vor allem Start-ups aus Zürich oder Lausanne auftauchen, wundert aber kaum. Man sei dort näher an den Abgängern von ETH und EPFL, sagt Sevinç. Der ETH-Abgänger gründete in Zürich einst Doodle. Unterdessen ist er aber wieder in seiner Ostschweizer Heimat tätig, wo er auch den Verein IT St.Gallen präsidiert.

Dass Ostschweizer Start-ups in solchen Listen gerne übersehen werden, sei aber kein grosser Nachteil. «Oft ist Dritten sowieso nicht bewusst, wo ein Start-up sitzt», sagt Sevinç. Allerdings geht er nicht davon aus, dass viele Gründer ohne Bezug zur Ostschweiz hier ein Unternehmen starten würden. «Aber die Ostschweizer Start-up-Szene hat eine ansehnliche Grösse und wird grösser», sagt er. «Doch so wie Lausanne und Zürich ein Jahrzehnt Vorsprung des Silicon Valley aufholen mussten, muss nun die Ostschweiz den Vorsprung von Lausanne und Zürich aufholen.»

Dem kann Timur Sagirosman zustimmen. «Wir sind vergleichsweise spät gestartet», sagt er. Aber Startfeld habe grosse Schritte gemacht. Vor allem der Umzug in die grösseren Räumlichkeiten neben der Empa vor zweieinhalb Jahren sei ein wichtiger Schritt gewesen. «Das ermöglicht auch mehr Interaktion zwischen den Gründern. Das schafft den Spirit, der sich positiv auswirkt.»

600 Arbeitsplätze geschaffen

Seit der Gründung vor bald 10 Jahren hat Startfeld über 110 Förderpakete vergeben, 1100 angehende Unternehmer beraten, 18 Start-ups mitfinanziert. Private haben über 50 Millionen Franken in Jungunternehmen von Startfeld investiert, sie haben über 600 Arbeitsplätze in der Region geschaffen, wie das «Innovationsnetzwerk rund um den Säntis» ausweist.

Die nächste Generation steht schon bereit

Manche der Start-ups, die im Startfeld angefangen haben, und zum Teil immer noch hier Büros haben, sind schon beinahe etablierte Unternehmen mit Dutzenden Mitarbeitern, wie Meteomatics oder Advertima. Andere seien eben am durchstarten, wie Onlinedoctor, ServiceOcean oder E-Monitor. Die Arbeit von Startfeld zahle sich immer mehr aus. «Hier entseht ein Start-up-Ökosystem, das auch immer mehr wahrgenommen wird», sagt Sagirosman. Ein bekannter Investor aus dem Silicon Valley hat eben bei einem Startfeld-Unternehmen investiert. «Wir müssen uns nicht verstecken.»

Start-ups gibt es auch im Thurgau. «Wir sind etwas im Hintertreffen, weil uns die Hochschulen fehlen», sagt Tiziana Ferigutti, die das Startnetzwerk Thurgau führt. Der Digital Campus soll im Umfeld von Uni Konstanz und pädagogischer Hochschule etwas Abhilfe schaffen. «Der erste Schritt ist aber die Zusammenarbeit innerhalb der Ostschweiz.» So arbeitet das Netzwerk auch mit Startfeld zusammen, bringt Gründer und Investoren zusammen. Vielversprechende Start-ups gebe es im Thurgau jedenfalls. Ferigutti nennt die Reinigungsroboter der Eschliker Kemaro. Oder die Lernwolke, die Lernprogramme für Schulen entwickelt.

Dass die Ostschweizer Szene übersichtlicher ist, hat auch Vorteile, meint Sagirosman. Man kenne sich schneller. Auch der Kontakt in die Wirtschaft sei schnell geknüpft. «Wer hier gründet, ist nicht einer von Hunderten.»