Ostschweizer Konjunktur wieder ausgebremst – sommerliche Erholung ist dahin

Nach einem harzigen Start in das Jahr 2020 ist die Wirtschaft im zweiten Quartal coronabedingt eingebrochen. In den Sommermonaten setzte eine Erholung ein, die nun durch die zweite Welle des Virus wieder gebremst wird.

Stefan Borkert
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Der Detailhandel hat in der aktuellen Konjunkturlage aufgeholt.

Der Detailhandel hat in der aktuellen Konjunkturlage aufgeholt.

Bild: Britta Gut

Die St. Galler Ecopol AG von Peter Eisenhut wertet jeweils die Daten der Konjunkturforschungsstelle (KOF) an der ETH Zürich aus. Eisenhut betont: «2020 wird für die Welt, die Schweiz und die Ostschweiz zu einem historischen Rezessionsjahr.» Gemäss den aktuellen Prognosen dürfte das Welt-BIP um rund 4,5 Prozent zurückgehen. Die Wirtschaft im Euroraum wird um 7 bis 8 Prozent schrumpfen. In der Schweiz ist ein BIP-Rückgang zwischen 4 und 5 Prozent zu erwarten. Die US-Wirtschaft dürfte mit einem Wachstumseinbruch von rund 4 Prozent glimpflich davonkommen. Chinas Wirtschaft scheint die Coronapandemie weitgehend hinter sich gelassen zu haben.

Konjunkturindex steigt

Der Konjunkturindex für St. Gallen-Appenzell hat den Tiefstand im April durchschritten und ist bis Ende Oktober wieder bei null angelangt. Dazu beigetragen habe die bessere Beurteilung der Geschäftslage. Eisenhut:

Peter EisenhutManaging Partner Ecopol AG, St. Gallen

Peter Eisenhut
Managing Partner Ecopol AG, St. Gallen

Bild: PD
«Besser heisst nicht ‹gut›, denn in der Industrie liegt der Geschäftslagenindikator noch immer im negativen Bereich, hat sich aber von den Tiefstständen entfernt.»

Die erfreulichen Aussichten im Sommer seien im Oktober wieder gebremst worden. Die Bauwirtschaft konnte sich der Konjunkturindex im positiven Bereich halten, während das Vorzeichen im Detailhandel nach einem starken Taucher im Frühling wieder ins Plus gewechselt hat.

Investitionsschwäche

Weil die aktuelle Krise vorwiegend auf eine Investitionsschwäche zurückzuführen sei, stünden die Maschinen-, Elektro- und Metallbranchen besonders unter Druck. Dabei konnte sich die Metallindustrie dem sich ausbreitenden Investitionsstopp zwar nicht entziehen, vermochte aber die Kapazitätsauslastung zu stabilisieren und die Exporte im dritten Quartal gegenüber der Vorperiode zu steigern.

Eisenhut weiter: «Die Pharmaindustrie hat nur teilweise unter der Krise gelitten und blickt zuversichtlich auf die kommenden Monate.» In der Papier-, Druck- und Verlagsindustrie sowie der Textilindustrie habe sich die Talfahrt fortgesetzt. Wenig angenehm fällt die Prognose der Industriebetriebe für den Arbeitsmarkt aus. Eisenhut rechnet in den kommenden Monaten mit einem Rückgang der Beschäftigung. Die regionale Bauwirtschaft hingegen navigiere erfolgreicher durch die Krise und bleibe zuversichtlich.

Detailhandel auf dem Vormarsch

Der Detailhandel habe sich nach dem Lockdown im Frühling positiv entwickelt und die Umsatzverluste mehr als kompensiert, analysiert Eisenhut. «Die Stimmung im Detailhandel ist befriedigend bis gut, auch wenn die zweite Coronawelle erneut für Verunsicherung sorgt.» Vor allem auf der Seite der Konsumenten herrsche Skepsis vor. Die Konsumentenstimmung liege unter dem langfristigen Mittelwert. Grund dafür sei unter anderem die Lage am Arbeitsmarkt, die sehr ungünstig eingeschätzt werde. «Nichtsdestotrotz rechnen die Detailhändler in den kommenden Monaten mit einem kleinen Umsatzwachstum», sagt Eisenhut.

«Der Schub wird die Wirtschaft verändern»

Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft und das alltägliche Leben.

Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft und das alltägliche Leben.

PD

Der Konjunkturexperte Peter Eisenhut warnt davor, die aktuelle Coronakrise einfach auszusitzen. Die Stützungsmassnahmen für die Wirtschaft begrüsst er, sieht aber auch kritische Punkte: «Die Gefahr ist dann gross, wenn mit dem finanziellen Zustupf Branchen und Unternehmen gestützt werden, die schon vor der Krise in Schwierigkeiten steckten.» So habe die Automobilindustrie schon länger mit einem Strukturwandel zu kämpfen. Ausserdem sollte mit den Geldern ein durch Covid-19 ausgelöster Strukturwandel nicht verhindert werden. «Wir dürfen uns nicht so verhalten, als ob wir die Krise einfach aussitzen könnten und glauben, nach der Krise sei alles wieder so wie vorher.»

Verwerfungen am Arbeitsmarkt

Weiter erklärt er, dass die Coronakrise den Digitalisierungsschub in allen Branchen massiv beschleunigt habe. «Dieser Schub wird die Wirtschaft verändern. Ich gehe zudem davon aus, dass die Geschäftsfelder von verschiedenen Branchen nach der Krise nicht mehr dieselben sein werden.» Man denke nur an die Veränderungen bezüglich Urlaubs- und Geschäftsreisen, Meetings und Veranstaltungen, an den Vormarsch des Onlinehandels oder des Lieferservice. Die gegenwärtige Rezession werde begleitet von einem strukturellen Wandel, bei dem es auch zu Verwerfungen am Arbeitsmarkt kommen werde. Die Gefahr, dass Entlassungen zunehmen werden, sei nicht gebannt. Eisenhut: «In der Schweiz mehren sich zurzeit die Signale für einen Anstieg von Konkursen.»