Ostschweizer Konjunktur: Erholung sieht anders aus – dennoch ist es ein Aufatmen in der Flaute

Über der Ostschweizer Wirtschaft schwebte das Damoklesschwert der Rezession. Die Gefahr ist vorläufig gebannt.

Stefan Borkert
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Chemisch-pharmazeutische Produkte schieben die Konjunktur an.

Chemisch-pharmazeutische Produkte schieben die Konjunktur an.

Raisa Durandi

«Die Rezession ist abgesagt.» Jedenfalls würden dafür die jüngsten Konjunkturindikatoren sprechen. Zu diesem Schluss kommt der Ostschweizer Konjunkturexperte Peter Eisenhut. 2019 habe während einiger Monate die Frage dominiert, ob die Rezession komme oder eben nicht. Der regionale Konjunkturindex habe sich aber Anfang Jahr leicht verbessert. Von einer breiten Erholung könne jedoch noch keine Rede sein.

Ganz ähnlich tönt es auch im Thurgauer Wirtschaftsbarometer. Im Thurgau hat sich demnach die Geschäftslage in der Industrie gegen Ende 2019 abgekühlt. Für die kommenden Monate sind die Thurgauer Industriebetriebe lediglich verhalten zuversichtlich.

Eisenhut ist überzeugt, dass auch die Wirtschaft im Euroraum von einer dynamischeren Weltkonjunktur profitieren werde. Man erwarte ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,2 Prozent. Deutschland werde nach einem mageren Wachstum von rund einem halben Prozent im aktuellen Jahr wieder die Ein-Prozent-Schwelle knacken, schreibt er im aktuellen Konjunkturbericht. Das, auch wenn ihr Herzstück, die Automobilindustrie, unter dem Strukturwandel ächze.

Stagnierende Exporte

In den USA setze sich die Verflachung des Wachstums fort. Nachdem 2019 ein BIP-Zuwachs von 2,3 Prozent erreicht worden sei, werde das Wachstum dieses Jahr noch knapp 2 Prozent betragen. «China wird die sechs vor dem Komma des BIP-Wachstums im laufenden Jahr nicht halten können. Zumal der Corona-Virus im ersten Quartal zu einer Konjunkturdelle führen wird», kommentiert der Konjunkturexperte.

Peter Eisenhut

Peter Eisenhut 

Bild: Michael Huwiler

2019 sind die Ausfuhren aus der Region St.Gallen–Appenzell nur um bescheidene 0,1 Prozent gewachsen. Vermochten die Schweizer Exporte um 3,9 Prozent zulegen, betrug der Zuwachs im Kanton St.Gallen nur 1 Prozent und die beiden Appenzell mussten je einen Rückgang von beinahe 10 Prozent in Kauf nehmen. «Sowohl in der Schweiz als auch in unserer Region waren die chemisch-pharmazeutischen Produkte das Zugpferd, flankiert von Präzisionsinstrumenten sowie Nahrungs- und Genussmittel», so Eisenhut.

Sämtliche anderen wichtigen Warengruppen wie Maschinen, Metalle, Elektronik oder Kunststoffe lägen im Minus. Die Strukturanpassungen in der Automobilindustrie hätten bei den regionalen Zulieferern zu einem Einbruch von gegen 20 Prozent geführt. «Ländermässig betrachtet, waren die USA mit einem Wachstum von beinahe 13 Prozent die Lokomotive», sagt er.

Auch im Thurgau hat, gemäss dem Wirtschaftsbarometer, die schwächere Nachfrage aus dem Ausland die Industrie belastet. Allerdings sind dort 2019 die Exporte immerhin um 16 Prozent gestiegen. Wenig profitieren konnten hier Metallwaren, Industriemaschinen und Produkte der chemischen Industrie.

Wachsende Zuversicht in der Industrie

Die Flaute hält zwar noch an, doch es zeigen sich Silberstreifen am Horizont. «Für die Industrie sei die Luft 2019 dünner geworden. Zu Beginn des Jahres habe sich die Geschäftslage etwas verbessert. In den kommenden Monaten werde das Auslandsgeschäft gemäss den Erwartungen der Unternehmen wieder für etwas Rückenwind sorgen. Einen weiterhin flauen Geschäftsgang würden die Textil- und die Papier-, Verlags- und Druckindustrie erwarten, sagt Eisenhut.

Im Baubereich laufen, laut den beiden Berichten, die Geschäfte nach wie vor gut bis sehr gut. Im Detailhandel bewegt sich etwas. «2019 war für den Detailhandel insofern erfreulich, als dass erstmals seit 2014 wieder ein, wenn auch bescheidenes, Wachstum von 0,3 Prozent erreicht wurde.» Ein leichtes Umsatzplus im letzten Quartal habe bei den regionalen Detailhändlern die Zuversicht gestärkt, dass die Geschäfte etwas anziehen werden.