Ostschweizer Jungunternehmer auf Augenhöhe mit Designern von Ferrari und Apple: Das Atelier Erfindergeist gewinnt renommierten Designpreis

Das Goldacher Atelier Erfindergeist wurde mit einem der wichtigsten Branchenpreise ausgezeichnet, dem Red-Dot-Award. Das Erfolgsrezept von Christian Keller und seinem Team: alles hinterfragen.

Linda Müntener
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Seit 2015 entwickelt Erfindergeist in Goldach Investitions- und Konsumgüter: Inhaber Christian Keller, Christoph Zuberbühler und Valentin Löhr (v.l.).

Seit 2015 entwickelt Erfindergeist in Goldach Investitions- und Konsumgüter: Inhaber Christian Keller, Christoph Zuberbühler und Valentin Löhr (v.l.).

Bild: Michael Keller

Das Design, mit dem Christian Kellers Unternehmen einen der wichtigsten Branchenpreise gewonnen hat, sieht ziemlich unspektakulär aus. Eine ovale Gebäudeantenne für die Netzabdeckung, weiss, schlicht, an einer Decke kaum erkennbar. Genau das hat die Jury des Red-Dot-Awards überzeugt: «Die Gestaltung der Antenne drückt Eleganz und Zurückhaltung aus. Darüber hinaus gelingt die Montage denkbar einfach.» Das Goldacher Atelier Erfindergeist hat sich gegen Hunderte Einsendungen durchgesetzt. Bei der Verleihung sass Inhaber Keller in einem Raum mit Designern von Ferrari und Apple.

Der Red-Dot-Award

5500 Produkte aus 55 Nationen eingereicht

Der Red-Dot-Award ist ein internationaler Design-Preis, einer der wichtigsten Preise der Branche. In 49 Kategorien können Hersteller und Designer ihre Entwürfe zum Wettbewerb anmelden – von Mode und Accessoires über Unterhaltungselektronik bis hin zu Fahrzeugen, Haushaltshelfern und Möbeln. Mehr als 5500 Produkte aus 55 Nationen wurden für 2019 eingereicht. Die Red-Dot-Jury besteht aus 40 internationalen Experten. Sie testen, diskutieren und bewerten jede Einreichung, live und vor Ort. (lim)

Technik und Gestaltung miteinander verbinden – das ist das Ziel von Christian Keller und seinem Atelier, das seit 2015 Investitions- und Konsumgüter in Goldach entwickelt. «Es ist eine neue Form des Produktdesigns», sagt Keller. Im Atelier Erfndergeist können Ideen schnell prototypisiert und getestet werden. Denn:

«Ob ein Produkt funktioniert und ob man es umsetzen kann, sieht man erst, wenn man es in der Hand hat.»

Diesen Grundsatz haben die Designer auch bei ihrem prämierten Design verfolgt. Am Anfang stand der Auftrag des Kunden Huber+Suhner aus Herisau: eine kostengünstige, unauffällige Antenne, die in Gebäuden an der Decke montiert wird und dem Netzbetreiber eine 5G-Abdeckung bietet. Anstatt sich ausschliesslich mit der Gestaltung zu befassen, fragten sich Keller und sein Team, wo die Kosten für den Kunden eigentlich entstehen. Die Antwort: bei der aufwendigen Montage mit Bohrer, Schrauben und Leiter. Deshalb hat das Team ein neuartiges Klick-In-System für die Montage entwickelt und patentieren lassen. Damit lässt sich die Antenne ohne Werkzeug montieren. Das spart Zeit – und Geld.

Claudia Bartholdi (Huber+Suhner) und Christian Keller mit der prämierten Gebäudeantenne an der Preisverleihung. (Bild: PD)

Claudia Bartholdi (Huber+Suhner) und Christian Keller mit der prämierten Gebäudeantenne an der Preisverleihung. (Bild: PD)

Diese Hinterfragen der eigentlichen Aufgabe führe nicht selten zu komplett neuen Ansätzen, sagt Keller. Denn die Rolle des Aussenstehenden ermögliche einen freien Blick mit breitem Horizont. «Für unsere Kunden ist das neben der Fokussierung aufs Tagesgeschäft und bestehenden Strukturen oft schwierig.» Ein wichtiger Teil des Prozesses ist es, Fehler machen zu können. «Wer Schwierigkeiten früh erkennt, hilft dabei, Projekt- und Entwicklungsrisiken zu senken.»

Das wird durch moderne Hard- und Software unterstützt. Seit drei Jahren setzt Erfindergeist neben 3D-Drucker und Co. auf virtuelle Realität. Ein Fahrzeugsitz wird als einfaches Holzelement gebaut. In der virtuellen Realität kann er beliebig materialisiert werden, Perspektive, Raumeindruck und Ergonomie lassen sich testen – ohne teuren Prototypen. «Hier gehören wir zu den Pionieren in der Schweiz.»

Die Wertschöpfung soll in der Region bleiben

Christian Keller hat Maschinenbau studiert und danach einen Design-Studiengang absolviert. Diese beiden Bereiche könne er in seiner Arbeit verbinden. Er arbeitet in seinen Projekten vorzugsweise mit Herstellern aus der (Ost)Schweiz zusammen. Die Wertschöpfung soll in der Region bleiben. Auch, um gut ausgebildete Fachleute hierherzulocken: 

«Es muss nicht immer Zürich sein.»

Christian Keller will Problemlöser schaffen. Sein Vorgehen sei nahe an der Methode des «Designthinking»: Innovationen werden für Menschen von Menschen gemacht, daher sei die Nutzerorientierung zentral. So haben er und sein Team fürs Ostschweizer Kinderspital Beinschienen konzipiert, die Kindern nach einer Operation eine frühzeitige Bewegungstherapie ermöglichen. Die Anfrage kam von einer Ärztin. So läuft der Prozess in der Regel: Kunden bringen Inputs, die Produktdesigner entwickeln sie weiter. Oft ergänzt Keller sein Team durch Freelancer aus diversen Fachrichtungen. Dies bezeichnet er als «Privileg». Denn: Man profitiert voneinander. In diesen Schnittstellen zwischen verschiedenen Fachbereichen entstehen innovative Ideen.

Impulse in die lokale Wirtschaft

Dies hat das Jungunternehmen auch beim Auftrag für die deutsche Firmengruppe Max Bögl verfolgt. Eines der Kerngebiete von Erfindergeist ist nachhaltige Mobilität. Seit 2017 hat das Atelier am Transport System Bögl gearbeitet, ein Design für eine neuartige Magnetschwebebahn. Das Design sollte sich bewusst von der vertrauten Formensprache von Zügen abheben. Erfindergeist entwickelte mehrere Systeme der Fahrzeugfront und des Innenausbaus massgeblich mit. «Die Grenzen zwischen Design und Technik haben sich oft aufgelöst.»

Ist dieses Geschäftsmodell skalierbar? «Unsere Kerntätigkeit braucht immer den Menschen», sagt Keller. Vergrössern könne sich das Jungunternehmen daher nur über die Anzahl Mitarbeitende. «Was sich zum Wachstum nutzen lässt, sind Ideen, Produkte und Schutzrechte wie Patente und Designmuster». In der Ostschweiz seien dadurch bereits neue Unternehmen entstanden, Kunden konnten Geschäftsbereiche erweitern oder die Produktion zurück in die Schweiz holen. «Auf unsere Impulse in die lokale Wirtschaft nach dem Motto think global, act local sind wir stolz», sagt Keller. Diese Erfahrungen hat er in Arbeitsräume wie dem «Feld 3» von «Startfeld» eingebracht.

Zum Vorurteil gegenüber Designern, sie verlangsamten den Entwicklungsprozess und erhöhten die Kosten, sagt Keller: «Wir erreichen genau das Gegenteil.» Dank der Verbindung von Disziplinen wie Industriedesign, Engineering und Produktionstechnik könne etwa die Anzahl Teile reduziert werden. Die Herstellung werde effizienter. «Dass wir neben mehreren Technik- und Innovationspreisen nun auch noch einen renommierten Designpreis gewonnen haben, bestätigt unsere Arbeitsweise. Das freut uns deshalb besonders.»