Prognose
«Das ist nicht das grosse wirtschaftliche Desaster» – die SGKB erwartet eine Konjunkturabkühlung, steigende Leitzinsen und ein gutes Aktienjahr

Der Schweizer Wirtschaft steht womöglich eine leichte Rezession bevor. Für Fachleute der St.Galler Kantonalbank kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Sie erwarten, dass nach dem Winter die Konjunktur im zweiten Semester 2023 wieder an Tempo gewinnt. Davon sollen auch Anlegerinnen und Anleger profitieren.

Thomas Griesser Kym
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Glaubt nach einem mauen Jahr 2022 für die Aktien an ein baldiges Comeback dieser Wertpapiere: Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der St.Galler Kantonalbank.

Glaubt nach einem mauen Jahr 2022 für die Aktien an ein baldiges Comeback dieser Wertpapiere: Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der St.Galler Kantonalbank.

Bild: Ralph Ribi

Die Inflation unter Kontrolle bringen, ohne die Wirtschaft in eine Rezession zu stürzen – das ist «die Kunst der Zentralbanken». Das sagte Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der St.Galler Kantonalbank (SGKB), im Rahmen eines Ausblicks auf das Anlagejahr 2023, zusammen mit SGKB-Investmentchef Thomas Stucki.

Den Zentralbanken spielt laut Stucki in die Hände, dass die Konjunktur zwar abkühlt, aber kein dramatischer Einbruch zu erwarten ist. Für die Schweizer Wirtschaft beispielsweise prognostiziert Stucki «eine leichte Abschwächung im ersten und zweiten Quartal 2023 bis hin zu einer leichten Rezession». Wichtiger allerdings aus seiner Sicht:

«Nach dem Winter wird die Wirtschaft beginnen, sich zu erholen.»

Dabei geht Stucki davon aus, dass der private Konsum ein stabilisierender Faktor bleibt, weil die sehr tiefe Arbeitslosenquote (im Oktober 2022 lag sie bei 1,9 Prozent) nicht stark steigen werde. Für Unternehmen sei es zwar schwieriger geworden, neue Aufträge einzuholen, doch gegenwärtig sei die Produktion vielerorts gut ausgelastet. Mehr noch: Viele Firmen könnten mehr produzieren, wenn sie nur mehr Personal fänden.

Höhere Leitzinsen, Comeback der Aktien

Für 2022 rechnen Hilb und Stucki mit einem Wachstum der Schweizer Wirtschaft von 2 Prozent, das 2023 auf 0,8 Prozent nachgeben dürfte. «Das ist nicht das grosse wirtschaftliche Desaster», sagt Stucki. In der Eurozone und den USA dürfte das Wachstum von je 1,5 Prozent auf 0,3 respektive 0,8 Prozent nachgeben.

Thomas Stucki, Investmentchef der St.Galler Kantonalbank.

Thomas Stucki, Investmentchef der St.Galler Kantonalbank.

Bild: Michel Canonica

Diese immer noch positiven Aussichten plus der Rückgang von Preisen von Rohstoffen wie Kupfer oder Stahl und Energie wie Gas oder Erdöl gibt den Zentralbanken Spielraum, um in der Inflationsbekämpfung Nägel mit Köpfen zu machen und die Inflation nachhaltig zu senken. Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) geht Stucki davon aus, dass diese am 15. Dezember 2022 die Leitzinsen von 0,5 Prozent auf 1,25 Prozent anhebt. Im ersten Semester dürfte es bis auf 2 Prozent weiter hinaufgehen. Eine erste Zinssenkung dürfte es erst 2024 geben.

Weil die Inflation von ihrem Hoch absinken werde, rechnet Hilb mit einem guten Aktienjahr 2023, zumal die Gewinnerwartungen der Unternehmen wieder aufhellen dürften, sobald die Wirtschaft im zweiten Semester 2023 wieder Fahrt aufnimmt. Tendenziell empfehlen Hilb und Stucki, vermehrt auf Small und Mid Caps zu setzen und hier vor allem ein Auge zu werfen auf kleinere und mittlere Industriefirmen. Auch Versicherer wie Swiss Life oder Helvetia und erste zyklische Werte wie Grundstoffanbieter, beispielsweise Sika oder Givaudan, seien eine Überlegung wert, doch gelte es stets auf die Bilanzqualität zu achten. Zurückhaltend sei man noch bei Luxusgüterfirmen.