Ostschweiz am Scheideweg

In der jüngsten Konjunkturumfrage spiegelt sich in der Industrie das Stottern des Konjunkturmotors im Euroraum. Und nach Wegfall der Euro-Untergrenze ist die Gefahr relativ gross, dass die Ostschweizer Wirtschaft in eine Rezession fällt.

Peter Eisenhut*
Drucken
Teilen

ST. GALLEN. Im vergangenen Jahr 2014 haben die Exporte der Ostschweiz um 3,0% zugenommen und lagen damit leicht unter dem Wachstum der Schweiz von 3,5%. Während die Exporte der gesamten Schweiz ein neues Rekordniveau erreicht haben, blieben die Ausfuhren der Ostschweiz rund 10% hinter dem Höchstwert von 2008 zurück.

Getragen wurde das Exportwachstum der Ostschweiz insbesondere von Nahrungs- und Genussmitteln (+6%), Metallen (+5%), chemischen Produkten (+6%), Fahrzeugen (+5%), Textil/ Bekleidung (+9%) und Maschinen (+3%). Die Ausfuhren von Artikeln der Elektroindustrie und der Elektronik liegen leicht unter dem Stand von 2013. Stärker rückläufig waren die Exporte von Präzisionsinstrumenten und von Papier- und grafischen Erzeugnissen.

Blick auf die Kunden

Nach Deutschland, mit einem Anteil von beinahe 30% der mit Abstand wichtigste Kunde, gingen die Exporte leicht zurück, während sie in die anderen Nachbarländer Österreich, Frankreich und Italien zulegen konnten. Mit einem Plus von 10% erzielten die USA – der zweitbeste Kunde der Ostschweiz – den höchsten Zuwachs. Kantonal betrachtet konnten St. Gallen, Thurgau und auch die beiden Appenzell ihre Exporte steigern. Im Jahr 2014 übernachteten auch gut 2% mehr Touristen im Osten der Schweiz als im Vorjahr.

Ganz zu Beginn optimistisch

Das Wachstum der Exporte ist entscheidend für die insgesamt zufriedenstellende Entwicklung in der Industrie. In keiner anderen Region der Schweiz wurde der Geschäftsgang zu Beginn des Jahres 2015 besser bewertet als in der Ostschweiz. Erfreulich ist der Konjunkturverlauf im Maschinen- und Fahrzeugbau. Ausdruck dafür ist eine Auslastung der Kapazitäten von über 90%. Auch in der Elektrotechnik hat der Aufschwung an Kraft gewonnen. Während in der Metallindustrie sich Stabilisierungssignale mehren, kämpfen Kunststoff-, Textil- und die Druck- und Verlagsindustrie gegen eine konjunkturelle Lethargie.

Die Bautätigkeit lag trotz den saisonalen Einflüssen nur unwesentlich unter dem Vorquartal. Laut Urteil der Baumeister erhalten der Auftragsbestand und die Geschäftslage nicht mehr gleich gute Noten wie im Vorquartal. Im Bauhauptgewerbe ist die Temperatur deutlich gesunken, bewertet doch aktuell ein Drittel der Firmen den Auftragsbestand als auch die Ertragslage als ungenügend. Nach wie vor sehr gut laufen Geschäfte im Ausbaugewerbe. Kennzeichen dafür sind sehr gut ausgelastete Maschinen, hohe Zufriedenheit mit dem Auftragsbestand und eine stabile Ertragsentwicklung.

Die Geschäfte im Detailhandel in den letzten Quartalen sind von grosser Stabilität gekennzeichnet. So hat der Umsatz nur leicht zugenommen, und auch die Ertragslage ist von grosser Konstanz gekennzeichnet. Die gegenwärtige Geschäftslage wird zudem von der Mehrheit der Detaillisten als befriedigend und die Anzahl der Beschäftigten als ausreichend beurteilt. Etwas Sorgen bereitet der Branche die abnehmende Kundenfrequenz. Der Entscheid zur Aufhebung der Euro-Untergrenze dürfte die Detaillisten verunsichert und einen Anstieg des Einkaufstourismus ausgelöst haben.

Eurokurs als grosse Unbekannte

Die vorliegende Konjunkturumfrage wurde von fast allen Teilnehmern vor dem 15. Januar beantwortet. Somit bleibt der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zur Aufhebung des Euro-Mindestkurses in der vorliegenden Umfrage unberücksichtigt. Bei der Auswertung der Umfrage fällt auf, dass vor dem besagten Entscheid die Exporterwartungen der Ostschweizer Industriefirmen sehr optimistisch waren. Die Anstrengungen zur Steigerung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit und die besseren Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft haben die Aussichten auf ein Anziehen der Auslandnachfrage in den kommenden Monaten beflügelt.

Umso grösser dürfte der durch die SNB ausgelöste Wechselkursschock für die Ostschweizer Unternehmer ausgefallen sein. Die Umfrage im laufenden Monat wird diesbezüglich mehr Klarheit bringen. Nach dem Ende des Euro-Mindestkurses ist die weitere Entwicklung des Eurokurses die grosse Unbekannte. Pendelt sich der Eurokurs zum Franken zwischen 1 und 1.05 ein, ist in der Ostschweiz mit einem Rückgang der Exporte im Durchschnitt des laufenden Jahres von rund 2% zu rechnen und eine Rezession wohl kaum zu vermeiden.

* Peter Eisenhut ist Managing Partner des Ostschweizer Beratungsunternehmens Ecopol.

Aktuelle Nachrichten