Die Ware, die nie ankommt: «Bei Online-Fake-Shops ist das Wichtigste der gesunde Menschenverstand»

Nie wurden im Netz mehr Fake-Shops ausser Betrieb genommen als in den letzten Jahren. Nun haben die Behörden eine neue Strategie.

Bettina Schnerr
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Bezahlt, aber nie geliefert: Schweizer Behörden sagen Fake-Shops im Internet den Kampf an.Bild: Getty

Bezahlt, aber nie geliefert: Schweizer Behörden sagen Fake-Shops im Internet den Kampf an.Bild: Getty

Ganze 55 Prozent Rabatt verspricht der Online-Shop für die Marken-Sneaker. Originalpreis: fast 200 Dollar. Wer freut sich da nicht? Denn ausser dem Rabatt ist online Einkaufen ja auch bequem, erfolgt die Lieferung doch direkt nach Hause.

Für rund zwei Drittel aller Onlineshopper ist dieser Vorteil der wichtigste, glaubt man einer aktuellen Studie zum E-Commerce der Zürcher Werbeagentur Y&R Wunderman. Fast ebenso viele schätzen den Rund-um-die-Uhr-Einkauf und noch knapp die Hälfte finden Online-Shopping weitaus bequemer als den Gang zum Laden. Wer weiss schon, welcher Laden dieses Schuhmodell gerade führt?

Die Lust am Online-Shopping und die Bereitschaft, oft und teils viel Geld im Internet auszugeben, wissen aber auch Kriminelle geschickt auszunutzen. Die beschriebenen Sneaker sind ein typisches Beispiel. Angeboten werden sie in sogenannten Fake Shops. Das sind professionell aussehende Seiten mit guten Bildern, die aussergewöhnlich hohe Rabatte versprechen. Der Haken an der Sache: Den zugehörigen Laden gibt es nicht. Wer hier kauft, ist sein Geld meistens los, ohne jemals Ware zu sehen. Eine nicht weniger kriminelle Variante sind Shops, die minderwertige Produkte oder Fälschungen ausliefern.

Keine Branche ist gefeit – wahre Ziele versteckt

Betroffen sind verschiedenste Waren: Kleider und Schuhe kommen ebenso infrage wie Elektronik oder Werkzeuge. Den Kostenaufwand, um einen Shop automatisiert zu erstellen, schätzen Experten auf gerade einmal 7 Dollar. Ein Bagatellbetrag für jemanden, der gar nicht oder Fälschungen liefert. Profit schlagen die Betreiber zusätzlich aus den gewonnenen Kundendaten. Diese können noch Monate nach dem Kauf missbraucht werden.

Ein typisches Muster beschreibt die Kantonspolizei Zürich für die Kreditkartenzahlung. Fehlermeldungen, etwa zur vermeintlich abgelaufenen Gültigkeit der Karte, lassen zwar keinen Kauf zustande kommen. Da in der Regel auch keine Belastung erfolgt, vergessen Konsumenten den Vorfall meist schnell wieder. Die eingegebenen Daten aber behält der Betreiber, um später mit Login- und Adressdaten sowie den Kreditkartendaten neue Delikte zu begehen. Die Strafverfolgung ist schwierig, denn Betreiber solcher Seiten arbeiten meist mit falschen Personalien und im Ausland.

Schweizer Behörden gehen denn auch aktiv gegen Fake-Shops vor. So werden betrügerische Domains mit Endungen auf .ch und .li vom Netz genommen. Konkret betraf dies in den letzten zwei Spitzenjahren je gut 6000 Domains. Dafür zuständig ist in der Schweiz und in Liechtenstein die Stiftung Switch. Sie verwaltet die Domain-Registrierung.

Michael Breitenmoser von Switch sagt zur Problematik: «Die Domainpreise sind günstig, die Verfügbarkeit der nötigen Adressen ist hoch und natürlich ist das Geschäftsmodell attraktiv.» Nicht zuletzt geniessen .ch-Domains hohes Vertrauen. Die Behörden stellten darum ihr Vorgehen um. Der Weg sah bislang vor, dass Switch erst nach 30 Tagen, wenn kein Kontakt zustande kam, aktiv werden durfte.

Für den illegalen Kundenfang ist das nützliche Zeit. Seit November 2018 hilft jedoch eine Gesetzesänderung, dank der Switch auf Verlangen einer Behörde bereits Verdachtsfälle vom Netz nehmen kann.

Schnelle Reaktion ist entscheidend

«Entscheidend ist tatsächlich die Geschwindigkeit der Reaktion,» urteilt Michael Breitenmoser. «Schweizer Domains werden unattraktiv, weil sich der Aufwand für die Betrüger nicht mehr lohnt.» Konkret fielen in diesem Jahr bereits über 800 Domainschliessungen unter die neue Regel. Insgesamt wurden laut Breitenmoser bis Anfang August knapp 2300 Domains gelöscht. Bis Ende Jahr prognostiziert der Switch-Vertreter jedoch einen «deutlichen Rückgang» gegenüber den beiden Vorjahren.

Die Zahl der Geschädigten sowie die Schadenssumme allerdings sind unklar: Der Konsumentenschutz erfährt nur punktuell von Vorfällen; die Kantonspolizei Zürich hat keine repräsentativen Zahlen für die ganze Schweiz und Anzeigen werden zudem bei geringeren Verlusten oder aus Scham nicht immer getätigt.

Verdächtige Shops können von Konsumenten gemeldet werden. Zugleich recherchieren die Behörden selbst. Dabei konzentrieren sich die Arbeiten auf Neuregistrationen mit verdächtigen Details. Technisch gesehen haben sich Fake Shops innerhalb der letzten Jahre aus Sicht der Experten nicht stark verändert. Dadurch wiederholen sich Merkmale, mit denen sie identifiziert werden können. Trotz der technischen Möglichkeiten bleibt das wichtigste Element der Konsument: «Der grösste Hebel gegen Fake Shops ist immer noch das Bewusstsein dafür beim Kunden und ein bisschen gesunder Menschenverstand,» sagt Michael Breitenmoser von Switch. Die Sneaker mit dem sehr hohen Rabatt sind dann sicher nicht mehr so verlockend.

So erkennen Sie einen Fake Shop

Eine .ch-Endung der Homepageadresse ist noch längst keine Garantie dafür, dass hinter dem Online-Shop auch einen Schweizer Anbieter steckt. Ein Check unbekannter oder kleiner Webshops lohnt sich, um seriöse Anbieter auszuschliessen. Fake Shops lassen sich aber auch an charakteristischen, wiederkehrenden Merkmalen erkennen. Sind einige davon bemerkbar, lässt man besser die Finger davon:

- untypisch hohe Rabatte.
- Währungsrechner mit vielen oder unnötigen Währungen, etwa Dänische Kronen oder australische Dollar.
- Domainname und Inhalt passen nicht zusammen, zum Beispiel Kleidung auf einer Immobilien-Domain.
- Ist ein Impressum vorhanden? In der Schweiz gilt Impressums-Pflicht.
- Sind allgemeine Geschäftsbedingungen vorhanden? Passen firmenspezifische Angaben zum Shop?
- Gibt es Erfahrungsberichte? Aufschlussreich sind Berichte, wie der Shop Reklamationen und Rücksendungen handhabt.
- Vorsicht ist erst recht geboten, falls beim Bestellvorgang nur Vorkasse möglich ist oder die Kreditkartenzahlung technische Probleme auslöst. (bsr)