«Öl ist ein Fieberthermometer»

Nicht nur am persischen Golf haben sich die Wogen vorerst geglättet. Auch die Handelskonflikte zwischen den Weltmächten USA und China haben sich entspannt. Das verspricht eine stabilere Konjunktur als letztes Jahr befürchtet, sagt Julius-Bär-Ökonom Norbert Rücker.

Interview: Kaspar Enz
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Was erwartet die Anleger im kommenden Jahr? Norbert Rücker, Ökonom der Bank Julius Bär blickte gestern Abend am Lilienberg Unternehmerforum in Ermatingen in die Zukunft.

Die Lage im Nahen Osten hat sich vorerst beruhigt. Einige Tage lang war ein Krieg zwischen den USA und dem Iran aber eine reelle Option. Was geschieht an den Märkten in so einer Situation?

Norbert Rücker: Die letzte Woche war spannend. Sie bestätigte, dass die Weltpolitik an den Rohstoffmärkten nur ein temporäres Element ist. Der Ölpreis stieg zwar kurz stark an. Aber davon ist schon nicht mehr viel übrig.

Was wäre das Schreckensszenario?

Das wäre die Schliessung der Strasse von Hormuz, einem Nadelöhr für den globalen Erdölhandel. Die Parteien sind sich bewusst, welche Konsequenzen ein solcher Schritt für die ganze Weltwirtschaft hätte. Auch deshalb ist das Risiko dafür klein. Trotzdem bleiben die Spannungen im Nahen Osten ein Unsicherheitsfaktor, der immer wieder für Preisausschläge sorgt.

Geht es bei Konflikten im nahen Osten immer nur um Öl? Oder reagieren auch andere Märkte?

Öl ist ein Fieberthermometer im Nahen Osten. Aber in solchen unsicheren Situationen profitiert auch Gold als sicherer Hafen, oft steigt auch der Schweizer Franken. Erst wenn man sich richtig Sorgen machen muss, reagieren auch die Aktien.

Immer mehr Neuwagen sind Benziner. Ist Öl bald nicht mehr so wichtig?

Öl bleibt wichtig für die Weltwirtschaft. Selbst wenn man nur noch Elektroautos verkaufen würde, ginge es noch mehr als zehn Jahre, bis die ganze Flotte umgebaut ist. Manche Bereiche wie der Flugverkehr haben noch keine Alternative zum Öl. Aber der Wandel findet statt. Die grossen Ölfirmen sind heute Energieunternehmen. In zehn, fünfzehn Jahren dürfte die Ölnachfrage zu sinken beginnen.

Sind die Handelskonflikte auch ausgestanden?

In den letzten zwei Monaten scheint auch im Handelskrieg zwischen den USA und China eine Entspannung stattzufinden. Das hat die Stimmung verbessert, nicht nur an den Aktienmärkten. Trotzdem wird die Rivalität zwischen den beiden Mächten bestehen bleiben. Sie kann sich jederzeit wieder äussern, sei es in einem Handelsdisput oder anderweitig.

Der US-Präsident scheint für Überraschungen gut.

Ja, das hat auch dazu geführt, dass das Vertrauen in die USA als Stabilitätsfaktor gelitten hat.Nun wird sich zeigen, ob die beiden Länder ihre Abmachungen einhalten können. Es gibt aber Grund zur Hoffnung, dass es nicht zu einer weiteren Eskalation kommt. Es ist Wahljahr in den USA, beide Regierungen wollen Erfolge vorweisen.

Norbert Rücker ist Leiter Macro & Commodities Research bei der Bank Julius Bär.

Norbert Rücker ist Leiter Macro & Commodities Research bei der Bank Julius Bär. 

das sind gute Nachrichten für die Konjunktur. Ist die Angst vor der Rezession ausgestanden?

Die Zeichen stehen gut. Verantwortlich dafür ist unter anderem die amerikanische Zentralbank. Als im Verlauf des letzten Jahres klar wurde, dass Wachstumsrisiken vorhanden sind, hat sie die Zinsen wieder gesenkt. Das zeigt sich in einer Stabilisierung. Die Schwäche kam aber vor allem vom produzierenden Gewerbe. Der Konsum blieb über die ganze Zeit stark, auch weil der Arbeitsmarkt, gerade in den USA, weiterhin robust ist.

Stark unter Druck war die deutsche Autoindustrie, die nicht zuletzt für Ostschweizer Zulieferer wichtig ist. Erholt sie sich auch?

In Deutschland wurde die Schwäche der Industrie sehr schnell sehr deutlich sichtbar. Unklar ist, ob es mehr mit den globalen Handelskonflikten oder mit einer Rezession des Automarktes zu tun hatte. Autos sind weltweit eine der wichtigsten Industrien. Und schon seit zwei Jahren befindet sie sich in einer Rezession. Absatz wie Produktion gehen zurück. Vielleicht werden die neuen Elektromodelle abgewartet. Das spräche für eine Stabilisierung.

Das vergangene Jahr war an der Börse ein Spitzenjahr – trotz Handelskrieg und Rezessionsängsten. Warum?

Die Finanzmärkte sind einerseits vorausblickend. Andererseits hat man diese Ängste auch an den Aktienmärkten gespürt. Aber gerade die Wende in der Geldpolitik und die Deeskalation des Handelskonfliktes gaben den Märkten wieder Schwung.

Fliesst nicht einfach zu viel Geld in Aktien, weil es sonst keine Zinsen gäbe?

Das ist schon seit einigen Jahren so. Negativzinsen sind vor allem ein Schweizer Problem mit vielschichtigen Auswirkungen. Es gibt aber zwei Bereiche, die wir genau beobachten. Einerseits sind Investoren bereit, immer höhere Risiken einzugehen, um doch noch etwas Rendite herauszuholen. Bei Anleihen mit hohen Renditen wird es deshalb zu einer Korrektur kommen. Andererseits fliesst auch viel Geld in den Bereich Private Equity, wo auch ungute Entwicklungen sichtbar werden.

Was empfehlen Sie dem kleinen Anleger dieses Jahr?

Ein ausgewogenes Portfolio lohnt sich weiterhin. Die wichtugste Empfehlung im Moment ist, sich nicht vom politischen Lärm zu sehr einschüchtern zu lassen. Die Gefahr, dass man bei Spannungen in Panik verkauft und dann die Erholung verpasst ist gross. Also lieber abwarten und investiert bleiben.

Ölpreise steigen weiter nach Zuspitzung der Iran-Krise

Die Ölpreise sind wegen der Eskalation der Lage im Nahen Osten weiter auf einem Höhenflug. Am Montag stieg der Preis für US-Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) am frühen Morgen zeitweise bis auf 64,72 US-Dollar je Barrel (159 Liter).