Interview

Es droht die Konkurswelle – der Tourismus-Direktor richtet einen Aufruf an die Schweizer Bevölkerung

Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus, geht davon aus, dass sich der Tourismus erst in fünf Jahren von der Coronakrise erholt haben wird. Den Sommer einigermassen retten sollen nun die Schweizer.

Roman Schenkel
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In normalen Zeiten stehen sich hier die chinesischen und indischen Touristen fast auf den Füssen, aktuell herrscht beim Luzerner Löwendenkmal gähnende Leere.

In normalen Zeiten stehen sich hier die chinesischen und indischen Touristen fast auf den Füssen, aktuell herrscht beim Luzerner Löwendenkmal gähnende Leere.

Boris Bürgisser

Martin Nydegger, müssen Sie Ihre Ferienpläne wegen Corona ändern?

Nein, ich habe meine Ferien sowieso in der Schweiz geplant. Wir fahren ins Tessin. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich meine Sommerferien nicht anders planen muss.

«Dream now – travel later» ist der neue Slogan von Schweiz Tourismus. Wann ist «later»

Wir sind aktuell alle etwas eingesperrt und können nicht reisen. Das findet niemand toll. Aber man darf träumen. Damit wollen wir Vorfreude wecken für die Zeit danach. Wir hoffen, dass es spätestens der 8. Juni sein wird, ab wann das Reisen und Ferien wieder möglich sein werden.

Was wenn die Schweizer das ganze 2020 träumen und das Geld für Auslandferien im 2021 sparen?

Das ist nicht ausgeschlossen. Wir haben für die Tourismusbranche drei Typen identifiziert: den Pragmatiker, der sobald die Beschränkungen wieder gelockert sind, wieder herumreist. Den Zauderer, der viele Informationen braucht und überzeugt sein muss, dass er sicher ist. Er wird lange in der sicheren Schweiz bleiben, eher mit dem Auto reisen und in einer Ferienwohnung übernachten statt in einem Hotel. Und dann gibt es den Ängstlichen. Er wird die Krise eher aussitzen und seine Ferien verschieben.

Zur Person

Martin Nydegger

Martin Nydegger

Als Chef von Schweiz Tourismus (ST) sitzt Martin Nydegger (49) seit dem 1. Januar 2018 auf dem prestigeträchtigsten Sessel, den die Tourismusbranche hierzulande zu bieten hat. Der Bundesrat hat Nydegger aus 150 Kandidaten ausgewählt und zum Nachfolger des langjährigen Direktors Jürg Schmid ernannt. Nydegger hat eine Lehre als Landmaschinenmechaniker absolviert. Statt den elterlichen Hof im bernischen Seeland zu übernehmen, entschied er sich für den Tourismus. Zuletzt leitete er die Unternehmensentwicklung bei ST. Von ihm stammt die Idee zur «Grand Tour of Switzerland», der 1643 Kilometer langen Route durch die schönsten Landschaften der Schweiz. (rom)

Ist das Jahr 2020 für den Schweizer Tourismus verloren?

Das Jahr 2020 wird ein schreckliches Jahr. Aber es ist noch nicht alles verloren. Januar und Februar waren sehr gute Monate. Nun haben wir ein Quartal, das furchtbar war. Die Städte sind besonders stark betroffen. Dort wäre nun Hochsaison für Städtereisen und Geschäftstourismus. Der Einbruch ist da besonders brutal. In den Berggebieten war nun eher Zwischensaison. Da ist der Einbruch vergleichsweise weniger stark. Wir haben ab Juni sechs Monate Zeit, um zu retten, was es zu retten gibt.

Die Städte werden es schwieriger haben.

Die Städte werden es schwieriger haben.

Leserbild: René Burch

Gibt es schon Prognosen, wie der Sommer sein wird.

Die Leute sind zurückhaltend. Gut laufen könnten eher die Berggebiete und die ländliche Schweiz. Dort ist man nicht so nahe aufeinander. Die Feriengäste werden wandern, baden und biken können. In den Bergen hat man zudem den Eindruck, dass alles etwas sauberer ist, die Luft purer. Die Wochenenden und die Schulferienzeit werden dort gut gebucht sein.

Das tönt optimistisch.

Die Ausgangslage ist gemessen an der Krise okay. Der Sommer kann stattfinden. Wir hoffen nun, dass die Leute das Vertrauen haben. Allerdings ist unsere Kapazität reduziert. Die Restaurants, Hotels, Bergbahnen werden nur rund die Hälfte ihrer Kapazität anbieten können.

Befürchten Sie, dass es eng wird?

Nein, das glaube ich nicht. Man wird es lenken können – und zwar mit Reservationen. Es wird ein Sommer, in dem man gut beraten ist, in den Restaurants, Hotels, Bahnen oder Museen zu reservieren. In normalen Sommer kann man spontan etwas unternehmen. Das wird dieses Jahr weniger der Fall sein. Das Gebot des Sommers lautet deshalb: Reservieren Sie!

Apropos Schutzkonzepte für Restaurants und Hotels: Aus der Branche gibt es viel Kritik. Machen sie Sinn?

Die Schutzkonzepte wurden von den Verbänden gemeinsam mit dem BAG sehr sorgfältig erarbeitet und machen absolut Sinn. Jetzt geht es darum, damit Erfahrungen zu sammeln und auch zu sehen, wo man die Konzepte allenfalls optimieren sollte. Mit der Zeit werden die Regeln für Gäste und Betriebe genau so selbstverständlich sein wie heute beim Einkaufen.

Was wird noch anders sein dieses Jahr?

Die ganze Atmosphäre wird anders sein. Die Leute gehen sich aus dem Weg. Man pflegt Distanz. Diese gesellschaftliche Veränderung werden wir auch in den Ferien spüren. Die Schweizer sind sehr diszipliniert.

Ferien in der Schweiz: Das empfiehlt der höchste Touristiker:

Familien: «Einer Deutschschweizer Familie empfehle ich die Romandie. Es ist eine andere Sprachregion, die man oft nicht so gut kennt. Etwa die Drei-Seen-Region bei Murten mit dem Mont Vully vis-à-vis oder der Neuenburgersee mit seinen Sandstränden. Beeindruckend ist eine Wanderung zum Creux du Van oder durch die Areuse-Schlucht.»
3 Bilder
Paare ohne Kinder: «Ich würde Ferien in einem schönen Wellnesshotel vorschlagen. Dort kann man gemeinsam Dinge unternehmen, aber auch einmal alleine eine Biketour unternehmen oder eine Runde Golf spielen. Am besten geht man unter der Woche, dann hat man Platz und die Preise sind günstiger. Ein Schweizer Hotelurlaub ist ein Beziehungsbooster.»
Seniorinnen und Senioren: «Die Ferien mit den Grosskindern müssen noch etwas warten. Ich rate für dieses Jahr zu Wanderferien in einem der vielen Nationalparks. Am besten mit Freunden oder einer Gruppe. Beim gemeinsam Wandern kann man die Schutzregeln problemlos einhalten und hat dennoch gleichzeitig Gemeinschaft.»

Familien: «Einer Deutschschweizer Familie empfehle ich die Romandie. Es ist eine andere Sprachregion, die man oft nicht so gut kennt. Etwa die Drei-Seen-Region bei Murten mit dem Mont Vully vis-à-vis oder der Neuenburgersee mit seinen Sandstränden. Beeindruckend ist eine Wanderung zum Creux du Van oder durch die Areuse-Schlucht.»

Bild: Keystone

Alle werden um die Schweizer Gäste buhlen. Gibt es eine Rabattschlacht?

Das wäre nicht klug. Die Gäste erwarten es auch nicht. In der Krise hat sich gezeigt, wie wichtig das lokale Gewerbe ist. Wir solidarisieren uns mit den lokalen KMU, mit den Coiffeuren zum Beispiel. Wir haben alle gesehen, wie diese unten durch mussten. Die gleiche Solidarität wird sich auch gegenüber den Restaurants und Hotels zeigen, da bin ich überzeugt.

Denken Sie, dass sämtliche Ferienregionen ein genug grosses Stück vom Binnentourismus abbekommen werden?

Nein. Wir können nicht alleine von den Schweizer Gästen leben. Wir sind stark exportabhängig. 45 Prozent unserer Gäste kommen in einem normalen Jahr aus der Schweiz. Das ist ein stolzer Anteil, der uns freut. Aber wir füllen unsere Kapazitäten nicht nur mit der Schweiz. Wir brauchen die ausländischen Gäste. Und sie werden fehlen diesen Sommer. Im Herbst, im Winter und vor allem dann im nächsten Jahr, wenn wir wieder komplett geöffnet haben, brauchen wir darum ganz dringend ausländische Gäste. Ihr Ausfall kann sonst nicht kompensiert werden.

Wünschten Sie sich, dass die Grenzen früher öffnen?

Das liegt nicht nur an der Schweiz. Auch die anderen Länder müssen mitmachen. Es braucht gegenseitiges Vertrauen. Dann werden die Grenzen schneller geöffnet. Ich hoffe, dass wir nicht warten müssen, bis Europa als ganzes die Grenzen wieder öffnet, sondern dass wir bilateral mit einzelnen Länder Grenzöffnungen vereinbaren können.

Deutschland oder Österreich beispielsweise?

Deutschland ist für den Schweizer Tourismus zentral. Es ist das grösste Herkunftsland für uns. Wenn die Grenzen zum Norden öffnen würden, wäre das ein Segen. Unter den Deutschen ist der Anteil Pragmatiker hoch. Es würden viele kommen. Ich plädiere dafür, nicht zu lange zuzuwarten. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Es wird eine internationale Marketingschlacht um Gäste geben. Alle werden die Werbetrommel rühren, um den Schaden in Grenzen zu halten.

Tourismusunternehmer Samih Sawiris kritisierte die Massnahmen des Bundesrats massiv. Man würde um ein paar 100 Tote zu verhindern, Milliarden vernichten. Was sagen Sie?

Es ist eine Güterabwägung zwischen Gesundheit und Wirtschaft. Ich bin froh, muss ich diese Abwägung nicht machen. Ich bin beeindruckt von der Leistung unseres Bundesrats, er scheint mir mit der etappierten Lockerung das Mass zu finden. Aus den Zuschauerrängen heraus zu kritisieren, ist immer einfach. Ich kenne das. Ich habe 8,5 Millionen freiwillige Berater. Jede Schweizerin und jeder Schweizer weiss genauso so gut wie ich, wie man Tourismus in der Schweiz richtig macht.

Kommt es nun zur grossen Konkurswelle?

Ich befürchte es, ja. Wir haben verschiedenen Umfragen gemacht bei unseren Verbänden. Von rund 4000 Betriebe gaben 23 Prozent an, dass sie nicht unbeschadet aus dieser Krise herauskommen werden.

Was heisst das für das Tourismusland Schweiz?

Touristen werden das nicht gross spüren. Wenn ein Restaurant schliesst, springt ein anderes in die Bresche. Aber es gibt einen grossen wirtschaftlichen Schaden. Angestellte verlieren ihren Job, die Arbeitslosigkeit steigt. Klar kann man sagen, es ist der Markt, der das regelt. Aber es sind ja keine normalen Umstände derzeit! Wenn jemand schlecht wirtschaftet, ist es richtig, wenn er verdrängt wird. Aber nun trifft es auch Vorzeigebetriebe. Hoteliers beispielsweise, die jeden Franken in ihr Haus gesteckt haben und vielleicht zusätzlich noch einen Kredit aufgenommen haben. Für schöne Zimmer, saubere Badezimmer, eine grössere Wellnessanlage. Doch nun sind die Einnahmen auf einen Schlag total versiegt, so dass selbst dieser Betrieb in der Bredouille stecken.

Viele Betriebe haben sich doch für schlechte Zeiten schlecht gerüstet.

Es gibt solche Hotels und Restaurants. Aber Investitionen in die Infrastruktur sind unabdingbar! Niemand schläft gerne in einem alten, staubigen Hotelzimmer. Es ist ein Fakt: Viele Gastgeber sind nun in der Krise, obwohl sie eigentlich genau das Richtige gemacht haben.

Das Parlament hat Schweiz Tourismus nun 40 Millionen Franken zugesprochen. Was machen Sie damit?

Es wurde ja erst am Mittwoch entschieden. Die Rahmenbedingungen sind noch unklar. Wir sind im Gespräch mit Bundesrat und Verwaltung, um zu klären, welche Bedingungen an das Geld geknüpft sind.

Aber es fliesst vor allem in die Bewerbung des Tourismuslandes Schweiz

Wir wollen damit die Nachfrage fördern. Sowohl in der Schweiz, als auch im Ausland. Die Bundesmittel sind Teil des Erholungsplanes, mit dem wir wieder auf das Niveau vor Corona kommen wollen. Dabei liegt der Fokus zuerst auf der Schweiz, dann auf den europäischen Ländern und schliesslich auf den USA und Asien.

Wann werden wir die Zahlen des Tourismusjahres 2019 wieder erreichen.

Noch lange nicht. Ich befürchte eher fünf als drei Jahre. Der Einschnitt ist so tief. Bei Krisen ist der Effekt stets derselbe: Runter geht es schnell und steil, hinauf geht es langsam und mit kleinen Schritten. Am schnellsten wird das Vorniveau in den Bergen erreicht sein, dann folgen die Städte und sehr lange wird es im Geschäftstourismus gehen. Das sind oft Veranstaltungen mit vielen Leuten. Zudem zeigen die technischen Möglichkeiten auf, dass vieles auch digital funktioniert.

Die Schweiz solle sich als hygienische Feriendestination vermarkten, hiess es. Was ist damit gemeint?

Wir wollen die Schweiz als sicheres, sauberes und verlässliches Ferienland vermarkten. Die Kunden sind verunsichert. Sie müssen wieder Vertrauen fassen, dass man in der Schweiz bedenkenlos reisen kann. Hygiene und Sauberkeit sind dabei ein wichtiger Aspekt. Darum sind die Schutzkonzepte von grosser Bedeutung. Wir wollen zeigen, dass man hier die Ferien geniessen kann – ohne Angst vor dem Virus.

Die Schweiz hat sich in den letzten Jahren am Zuwachs der Gäste aus China und Indien berauscht, während die Zahlen der europäischen Gäste zurückging. Ein Fehler?

Nein, das war kein Fehler. 2008 in der Finanzkrise und 2015 in der Eurokrise brach der europäische Markt regelrecht ein. Die europäischen Gäste kamen einfach nicht mehr. Sie suchten günstigere Destinationen. Wir mussten den Ausfall der europäischen Gäste irgendwie kompensieren. Das haben wir mit den Fernmärkten – primär USA, aber auch Asien – erreicht. Alle Märkte sind nun versiegt. Allen geht es gleich dreckig.

Gerade die Touristen aus Asien und Übersee werden aber viel später zurückkommen. Müssen Sie justieren?

Der Fokus muss in der näheren Zukunft auf Europa liegen. Wir wollen die europäischen Gäste zurückgewinnen. Sie tun der Schweiz gut, weil sie länger bleiben und auch in die weniger bekannten Seitentäler reisen. Die Fernmärkte konzentrieren sich vor allem auf die Hotspots.

Schweizer sind kritische Zeitgenossen bei Inlandtourismus. Wie muss das Angebot sein, dass sie zufrieden nach Hause fahren?

Uns tut es weh, wenn wir von unseren Landsleuten kritisiert werden. Wir – und damit meine ich die über 260’000 Angestellten der Tourismusbranche – bemühen uns stark um Gastfreundschaft, attraktive Angebote und ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Ich kann Ihnen versichern, dass wir uns in diesem Sommer besonders um die Schweizer kümmern werden.

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